Anruf in einem Pariser Korrespondentenbüro: „Hier ist die NSDAP.“ Auf die Frage, was der Unsinn soll, kündigt der unbekannte Gesprächspartner seinen Besuch an. Er entpuppt sich als junger Deutscher, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, weil er auf der Fahndungsliste der deutschen Polizei steht. Ja, die deutschen Neonazis hätten Verbindungen zu französischen Kameraden, man könne sich bei der „Fane“ nach „Herrn Bohlmann“ erkundigen. Der Rest des Gesprächs zerfasert in einem wirren Gemisch von gewalttätigen Parolen und politischen Spinnereien.

„Fane“ – dieses Kürzel steht für Frankreichs „Front der nationalen und europäischen Aktion“, eine am 3, September verbotene rechtsextremistische Organisation, die seitdem lediglich ihren Namen in FNE geändert hat und keineswegs untergetaucht ist. Ihr Führer Marc Fredriksen, gerade von einem Pariser Gericht wegen Rassenhetze zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt, beruft sich gern auf sein großes Vorbild Adolf Hitler.

Beim Kongreß der „Fane“ im Januar waren deutsche Beobachter anwesend. Anfang Februar weilte eine „Fane“-Abordnung in Frankfurt und konferierte (nicht zum ersten- und letztenmal) mit Vertretern der „Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands“ (VSBD). angeführt von deren Präsident Friedhelm Busse.

Das Lokal der „Fane“ in der Rue Jean-Moinon im zehnten Pariser Arrondissement ist heute leer und verwüstet. Vor ein paar Wochen noch hingen an den Wänden Plakate und Publikationen verschiedener faschistischer Organisationen Europas, von Griechenland bis Großbritannien. Dazwischen prangte auch die Monatszeitung „NS-Kampfruf“, ebenso Propagandamaterial der NSDAP-AO („Auslandsorganisation“). Mit dieser illegalen, im Untergrund aktiven Organisation bestehen nach Versicherung von „Fane“-Mitgliedern enge Kontakte.

Noch vor ein paar Jahren war es praktisch unmöglich, in Frankreich Neonazis auszumachen – trotz einer jahrzehntealte Tradition von Faschismus- und Antisemitismus. Die alte Rechte wurde nach 1945 in Parteien aufgefangen, die sich gegenseitig bekämpften und so neutralisierten, Seit dem Ende des Algerienkrieges respektierten diese Parteien auch die demokratischen Spielregeln, brachten es aber nie zu einer großen Anhängerschaft. Bei den vorigen Präsidentschaftswahlen (1974) erhielten die beiden Kandidaten der äußersten Rechten zusammen nur 0,9 Prozent der Stimmen.

Dennoch scheinen viele der heutigen Neonazis aus dem Dunstkreis der alten Rechtsparteien zu kommen. Genau wie diese sind auch die neonazistischen Gruppen bisher unfähig gewesen, sich zusammenzuschließen. Eines indes ist eindeutig; Hier haben sich nicht etwa Kollaborateure der Besatzungszeit und ehemalige französische SS-Leute zusammengefunden, sondern überwiegend junge Franzosen, die den Krieg und die Nazizeit nicht mehr erlebt haben.

Die Hauszeitschrift der „Fane“-Nachfolgeorganisation FNE „Notre Europe“ wird angeblich in 1300 Exemplaren gedruckt, die Zahl ihrer Mitglieder wurde jedoch jüngst mit nur 300 angegeben. In ihr ist eine ganze Reihe anderer Organisationen aufgegangen (zum Beispiel „Occident“ und „Cercle Charlemagne“). Die „Fane“ wehrt sich gegen den Vorwurf, sie organisiere Attentate, doch gehört sie zumindest zu den geistigen Vätern der gegenwärtigen neonazistischen Welle.