Als er 1971 aus seiner Heimatstadt Emden nach Hamburg kam, um Kunstgeschichte zu studieren, hatte er nichts dabei als seine. Gitarre und seinen Ostfriesenkopf, in dem damals noch niemand ein Markenzeichen zu erkennen vermochte. Der Mann mußte „irgendwie Mäuse machen“, und so schlug er für zehn Mark pro Abend, mal etwas mehr mal weniger, in den Kneipen Eppendorfs und des Uni-Viertels auf seine Gitarre ein, auf die gleiche charmant unperfekte Art, wie er das bis heute tut, und sang dazu – ein bißchen Folklore, ein bißchen Blues, ein bißchen aus dem ostfriesischen Eingemachten.

Besser als die Gesangsproduktion gefiel den Leuten, was der Student der Kunstgeschichte zwischen seinen Liedern an verbindendem unverbindlichem Blödsinn hervorbrachte, und so stellte sich der Künstler darauf ein: Fortan produzierte er nur noch „dazwischen“. Es war die Grundidee zu einer phänomenalen Karriere auf dem Sektor der populären Unterhaltung, der Anfang dessen, was wir heute Otto nennen, einfach Otto.

Richtig los ging es erst, als Otto einen Hans-Otto traf, den Pharmaziestudenten und Quartalsmusiker Hans-Otto Mertens, der sich gelegentlich in der Veranstaltung von Popkonzerten versuchte. Mertens nahm das Geschäftliche in die Hand und überredete Otto zu einem Auftritt im Audimax. Die Kommilitonen kreischten vor Vergnügen. Doch die Plattenfirmen, denen Mertens einen im Do-it-yourself-Verfahren hergestellten Mitschnitt der Blödel-Veranstaltung zur gefälligen Verwertung anbot, lehnten sämtlich ab. Sie glaubten nicht, daß sich so etwas verkaufen ließe. Woraufhin Otto und sein Manager sich ein paar tausend Mark liehen und Produktion und Vertrieb der Platte Otto selbst in die Hand nahmen. Dies war der Anfang von „Rüssl Räckorcs“, Ottos eigenem Tonstudio und eigener Schallplattenproduktion.

Inzwischen hat er sieben Langspielplatten produziert, sieben Fernsehshows und acht Deutschland-Tourneen hinter sich gebracht und ist mehrfacher Millionär. Ein Traum aus lauter Jux. Otto weiß selbst nicht, wie ihm geschah; er weiß allerdings: „Dies alles beruht auf lauter Zufälligkeiten.“ Es ging so schnell mit der Karriere, daß in vielen Zeitungen sein Name noch falsch geschrieben stand, als er seine erste Fernsehshow schon gemacht hatte. Da war die Rede von einem Otto Waalcke, einem Walken, einem Waalkens. Doch was tat’s? Der Nachname wurde später ohnehin gestrichen, die Leute sagten „Otto“ und dabei blieb’s, und darin liegt schließlich auch ein gut Teil seiner Popularität begründet: einfach Otto. Und nichts dahinter.

Die Leute mögen Otto, so wie er ist: rotzfrech und schüchtern, respektlos und ängstlich, doof und witzig. Sie mögen ihn, weil er nichts von sich hermacht, sich selbst nicht weniger auf den Arm nimmt als die Opfer seiner Gags, sich nicht klüger stellt als die Masse seines Publikums. Wäre er. ein Fußballspieler, wäre er vermutlich ein umjubelter, geliebter schlitzohriger Linksaußen, ein Star aus dem Volk.

Bei den berufsmäßigen Kritikern hat Otto immer einen schweren Stand gehabt. Für die strengeren unter ihnen war und ist er so eine Art Hofnarr der Unterhaltungsindustrie, ernstzunehmen nur auf Grund seiner gefährlichen Harmlosigkeit; die wohlmeinenden, jene also, die sich beim Zuhören eines gelegentlichen Lachers nicht schämten, sahen in ihm (und sehen in ihm bis heute) ein Talent, bei dem man sich sorgen müsse, ob das bißchen Repertoire, das bißchen Substanz nicht alsbald verausgabt sei.

Man muß ihn mögen – und ihm die gelegentlichen Rückfälle in den Kasinohumor seiner frühen Scherze nachsehen. Zuweilen ist er wirklich witzig, vor allem – seine Stärke – im Zwiegespräch mit seinem Publikum („Klatschen Sie nicht soviel, die ganze schlechte Luft kommt hier rauf!“). Wenn er die große Liebe beschwört („Ich habe die ganze Nacht an deine Schlafzimmertür geklopft, aber du hast mich nicht rausgelassen“), wenn er Autofahrern Tips gibt („Kein Alkohol am Steuer, Sie könnten ja jemanden anfahren – und dann verschütten Sie alles!“), wenn er mit dem Thema Franz Josef Strauß – ausnahmsweise – mal politisch wird. („25 Böllerschüsse zum Geburtstag – und keiner hat gertoffen!“) – nun ja, da kann man halt lachen oder es sein lassen und die intellektuelle Unterernährung beklagen. Ändern kann man Otto nicht, und die Hoffnung, aus ihm werde eines Tages ein richtig perfekter deutscher Entertainer werden, ist eitel.