Von Dieter Piel

Die Zahl der Arbeitslosen wird im kommenden Jahr steigen – nach Schätzung der fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute auf durchschnittlich 1,1 Millionen; 200 000 mehr als in diesem Jahr. Zudem steht uns „Nullwachstum“ ins Haus, und die Investitionen werden sogar geringer ausfallen als 1980. Angesichts dieser Entwicklung hängt viel von der weiteren Geld- und Kreditpolitik der Bundesbank ab: Sie müßte erheblich gelockert werden. Noch aber bremsen die Frankfurter Währungshüter – trotz immer zahlreicherer Mahnungen.

Es ist eine fatale Eigenheit vieler wichtiger politischer Fragen, daß nur ein sehr kleines Publikum sie versteht, obwohl es für ein sehr viel größeres Publikum von entscheidender Bedeutung sein kann, welche Antwort gegeben wird. Eine dieser Fragen richtet sich an die Bundesbank: Soll sie, die die deutsche Volkswirtschaft derzeit nur äußerst knapp mit Geld versorgt und dementsprechend für hohe Zinsen sorgt, ihre Zügel lockern? Die Antwort scheint zunächst nahezuliegen: ja.

Denn bei der Aussicht auf steigende Arbeitslosigkeit, Nullwachstum der Wirtschaft und Rückgang der Anlageinvestitionen sind eine „Politik des leichten Geldes“ und niedriger Zinsen noch fast immer richtig gewesen. Da zudem die Preise im kommenden Jahr nicht mehr so schnell steigen werden wie in diesem Jahr, ist auch die Sorge geringer geworden, eine solche Politik schüre die Inflation. Eine einfache Sache also?

Keineswegs. Zur gleichen Zeit nämlich, da es mit der deutschen Wirtschaft bergab geht, hat es die Bundesrepublik noch mit einem zweiten Problem zu tun, für dessen Lösung nicht niedrige, sondern, ganz im Gegenteil, hohe Zinsen angebracht erscheinen: Sie ist nicht mehr in der Lage, ihre Einfuhren und Ausgaben im Ausland durch den Ertrag der Ausfuhren, zu bezahlen, ihre Leistungsbilanz steckt im Defizit Ein Weg, dieses Defizit zu finanzieren, ist der Zufluß ausländischen Geldes. Doch wie bringt man einen Ausländer dazu, seine Mittel in der Bundesrepublik anzulegen, wo ihm-dafür bei Anlagen bis zu einem Jahr etwas über neun Prozent gutgeschrieben werden, und nicht in den USA, wo ihm über vierzehn Prozent Zins winken? Übrigens stellt sich diese Frage nicht nur Ausländern, sondern auch mancher Bank und manchem Großunternehmen zu Hause – auch sie holen sich ihre Zinsen lieber draußen.

Die Bundesbank befindet sich mithin in einer sehr vertrackten Situation. Einerseits hat sie sich, in Anlehnung an die „monetaristische“ Lehre des Amerikaners Milton Friedman, vorgenommen, im Inland eine stetige, Konjunkturschwankungen so gut wie möglich ausgleichende Steuerung der Geldmenge zu betreiben. Andererseits aber orientiert sie sich an außenwirtschaftlichen Problemen, will die Zinsspanne zwischen der Bundesrepublik und dem Ausland so gering wie möglich halten und gibt Unmengen wertvoller Devisen aus, um den Wechselkurs der Mark zu stützen, anstatt ihn sinken zu lassen – dabei ist von solcher Wechselkurs-Pfuscherei bei Friedman überhaupt nicht die Rede.

Sie wird sich wohl entscheiden müssen – nicht nur, weil es ihr die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute vor wenigen Tagen geraten haben (andere gaben diesen Rat schon vorher), sondern auch, weil sie um die Eindeutigkeit ihrer Politik besorgt sein sollte. Gewiß, für „reinen Monetarismus“ ist kein Platz, solange alle Welt an den Wechselkursen herumdoktert und solange sich wichtige europäische Währungen einschließlich der Mark sogar zu einem vom Geiste des Liberalismus noch kaum angekränkelten Europäischen Währungssystem (EWS) zusammengetan haben. Doch immerhin sollte die Bundesbank retten, was zu retten ist – das Ziel eines stetigen Verlaufs der wirtschaftlichen Entwicklung verdient es.