Theater: Luc Bondy inszeniert Becketts „Glückliche Tage“ und Gombrowicz „Yvonne“ in Köln

Winnie hat Sonnenbrand: an den Armen, auf der Nase. Es fällt kein Schatten auf den Erdhügel, in dem sie bis zur Taille eingegraben ist. Winnie (das verrät ihr Akzent) kommt aus Bayern. In der zweiten versengten Grasebene, die sich in der Mitte Zu einem kleinen Hügel erhebt“, will siegeln Kunststück zeigen, wie es an dieser Stelle schon viele ihrer Kolleginnen vor ihr versuchten: Becketts „Glückliche Tage“. Heute abend auf dem Hügel: Christa Berndl (Winnie).

Der Hügel erhebt sich nicht in einer verbrannten Landschaft, sondern auf einem großen Mahagoni-Tisch in einer Versenkung vor der Bühne des Kölner Schauspielhauses. In diesem Graben lebt, verbrannt von der Sonne, braun von der Erde, Willie, Winnies Partner. Er ist, auf allen vieren kriechend und fast stumm, dem Ende noch näher als Winnie. So will das Becketts Parabel von unserem Leben als einem Endspiel. Doch bevor Winnie (im zweiten Akt) bis zum Hals im Hügel versinkt, steigt sie heraus und tanzt: wild, zappelnd, frech. Auch Willie verläßt seinen Graben, um zu tanzen. Später fährt er, ganz in Weiß, seinen Strohhut wie ein Entertainer in der erhobenen Hand, auf einem unsichtbaren Wagen, an der Rampe entlang zu Winnies Hügel. Willie, ein Showstar, ein Todeskandidat. Winnie, eine Discotänzerin, ein Todeskandidat.

Als Beckett das Stück im Berliner Schiller-Theater selbst inszenierte, beschrieb er Winnie bei den Proben als „etwas, das zur Luft gehöre“, als ein „gewichtsloses Wesen“. Unter Luc Bondys Regie ist Winnie, obwohl zur Hälfte abgestorben, noch ganz und gar eine robuste Kleinbürgerin, fast wie von Liesl Karlstadt erfunden.

Beckett bestraft Winnie für ihren Optimismus, indem er sie lebendig begräbt. Nach Luc Bondys Inszenierung könnte man vermuten, warum er das nötig hat. Winnie hat ihm bei Bondy eines voraus: Sie versteht seine pessimistischen Thesen nicht. Das macht ihr Glück aus und den zweiten Akt, wenn ihr Untergang die Thesen immer deutlicher bestätigt, um so trauriger. –

Wenn Winnie ihren Revolver „Browning“ nennt, ist das ein Kosename. Von den „großen Gnaden“ ihrer erbärmlichen Existenz erzählt sie mit rollendem „r“ und auf bayerisch. Becketts nihilistische Formeln übergeht sie robust oder schwelgt in deren Arroganz: nicht um Verständnis, sondern um das Hochdeutsche bemüht. Kurz bevor sie stirbt, formt sie ihre knallroten Lippen zu einem koketten „Ohl“: „Man vergißt seine Klassiker.“

Luc Bondy hat an zwei aufeinanderfolgenden Tagen an zwei klassische Parabelstücke erinnert: Becketts „Glückliche Tage“ (uraufgeführt 1961) und Witold Gombrowicz’ „Yvonne, Prinzessin von Burgund“ (erschienen 1935). Schon der Beckett-Abend zeigte Bondys Weg zu seiner triumphalen Gombrowicz-Inszenierung: Gegen die Verallgemeinerung der Parabel behauptet er die individuellen Details (Winnies Dialekt und ihr Bildungsniveau); gegen die Zeitlosigkeit der Parabel setzte er zeitgenössische Pointen (Willies Revueszene); gegen den didaktischen Charakter der Stücke bewahrte er sein Interesse am Erzählen von Geschichten, an Menschen statt an lebenden Beweisen. So sah man im Kölner Schauspielhaus Schauspieler nicht brillieren, nicht dozieren, sondern: spielen.