Ein Streit zwischen den Gewerkschaften trübt jetzt das sprichwörtlich gute soziale Klima

Eine ganz ungewohnte Panne hat es bei den österreichischen Lohnrunden dieses Herbstes gegeben. Die mächtige Einzelgewerkschaft „Metall-Bergbau-Energie“ blickte verärgert auf das Verhandlungsergebnis einer Schwestergewerkschaft. Der Grund: Wenige Tage nach dem Lohnabschluß der Metallarbeiter in der Industrie konnte die Organisation der „Privatangestellten“ für die Angestellten in der Industrie ein zumindest optisch günstigeres Ergebnis vermelden.

Die Metallarbeiter fühlten sich desavouiert. Sie hatten sich nämlich angesichts der heraufziehenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten auf Mäßigung festlegen lassen. Der geschäftsführende Vorsitzende der Metallergewerkschaft, Sepp Wille: „Wir haben große Schwierigkeiten, unseren Betriebsräten zu erklären, daß wir nicht einfach hereingelegt worden sind.“

Schuld – so klagen sie – seien die Arbeitgeber, die der einen Gruppe zugestanden haben, was sie zuvor der anderen Gruppe angeblich nicht geben konnten: den heiß begehrten Mindestbeitrag. Böse Worte fielen, und die Unternehmer mußten sich sogar des Wortbruchs zeihen lassen. Und die Metallarbeiter – auch das ist im sprichwörtlich guten sozialen Klima Österreichs neu – stellten flugs eine Nachforderung und setzten schließlich auch eine Mindestlohnsteigerung durch.

So spektakulär wie es derzeit scheint, ist der Streitpunkt eigentlich gar nicht. Die Angestellten der Industriebetriebe hatten bei ihrem Lohnabschluß eine Anhebung um 5,9 Prozent, aber einen Mindestbetrag für alle Angestellten von 630 Schilling (rund 89 Mark) zugestanden bekommen. Die Metallarbeiter brachten zwar um 6,2 Prozent höhere Bezüge zustande, mußten aber ohne den gewünschten Mindestbetragnach Hause gehen. Angestellten-Chef Alfred Dallinger: „Umgerechnet sind die 5,9 Prozent mit den 630 Schilling in etwa so wie das Ergebnis der Metallarbeiter.“ Doch die Arbeiter wollten zu ihren 6,2 Prozent auch noch 610 Schilling Mindestlohnerhöhung, sie erreichten 530 Schilling.

„Man soll die jetzige Situation nicht überbewerten“, wiegelt Dallinger, der als Nachfolger des verstorbenen Gerhard Weißenberg neuerdings auch das Amt des Sozialministers bekleidet, alle Spekulationen über die Ursachen dieser ungewohnten gewerkschaftlichen Turbulenzen ab.

Doch neben dem rein gewerkschaftlichen Aspekt vermuten viele noch etwas anderes hinter dem herbstlichen Debakel. Dallinger nämlich ist nun neben Bautenminister Sekanina der zweite mächtige Gewerkschafter auf einem Ministersessel in Wien. Und wie Sekanina bleibt auch der 54jährige im „Nebenberuf“ Gewerkschaftsboß, eben Chef der größten österreichischen Einzelgewerkschaft, jener Gewerkschaft der Privatangestellten, die nun den Unmut der Metaller auf sich zog.