Die Janusköpfigkeit der Chemie zeigt sich wieder einmal von ihrer Schattenseite. Jüngst verabschiedete die Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn ihre neue MAK-(maximale Arbeitsplatz-Konzentration-)Liste.

Unter Gruppe III B, zu der Stoffe gehören, bei denen ein nennenswertes krebserzeugendes Potential zu vermuten ist und die dringend einer weiteren Abklärung bedürfen, fällt nun auch die weitverbreitete Chemikalie Formaldehyd. Von ihr wurden 1979 allein in der Bundesrepublik fast eine halbe Million Tonnen erzeugt.

Wie amerikanische Untersuchungen ergaben, erlitten Ratten, die nur 15 ppm (Teile pro Million) Formaldehyd in der Luft einatmeten, Krebs in der Schleimhaut.

Formaldehyd ist bei gewöhnlicher Temperatur ein stark schleimhautreizendes, stechend riechendes Gas, bekannt als wäßrige Lösung unter dem Namen Formalin oder Formol.

Wegen der antiseptischen Wirkung dient es zur Desinfektion und ist als Konservierungsmittel in vielen Shampoos, Schaumbädern, Seifen und Kosmetika enthalten. Ferner findet es bei der Herstellung von Kunst- und Farbstoffen Verwendung. Auf Formaldehyd führten Lebensmittelchemiker auch die keimtötende Wirkung beim Räuchern von Fleischwaren zurück, wo die Chemikalie beim unvollständigen Verbrennen von Holz und Kohle entsteht.

Wieder einmal wird das Unbehagen an der Chemie genährt: Jahrelang kamen wir mit Stoffen in Berührung, die als nahezu unbedenklich galten. Heute stehen sie in Verdacht, Krebs zu erzeugen. Gerd Friedrich