Von Christian Graf von Krockow

Um die Diskussion über das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik steht es nicht zum besten. Auf der einen Seite gibt es zwar eine marxistische „Politökonomie“. Aber sie ist weithin im Dogmatismus erstarrt. Auf der Gegenseite besteht eine Verbreitete Neigung, die Diskussion gar nicht erst zu führen, weil unangenehme Tatsachen den Bilderbuchvorstellungen von der liberalen Demokratie ins Gehege kommen könnten. Diese Neigung wird durch die „bürgerliche“ Arbeitsteilung zwischen Wirtschafts- und Politikwissenschaft noch verstärkt.

Um so mehr ist es zu begrüßen, wenn ein Autor einen neuen Anfang macht. „In jeder Generation erscheint ein Buch, welches die erstarrten Begriffe des politischen Gesprächs durchbricht und das Vokabular der nächsten Generation prägt. Solche Bücher waren in ihrer Zeit die ‚Allgemeine Theorie‘ von Keynes und Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie‘ von Schumpeter.“ In unserer Generation soll dies nun – gemäß dem Anspruch des Klappentextes – sein:

Charles E. Lindblom: „Jenseits von Markt und Staat – Eine Kritik der politischen und ökonomischen Systeme.“ Aus dem Amerikanischen von Gerhard Hufnagel und Gerhard Willke; Klett-Cotta, Stuttgart 1980; 636 S., 38,– DM.

Ein hoher Anspruch! Sehen wir zu:

Lindblom, dessen „Helden“ Adam Smith und Karl Marx heißen, geht von einfachen Tatbeständen aus. Tausch, Autorität und Überredung sind Elemente für die Koordination menschlichen Handelns. In irgendwelchen Kombinationen tauchen sie in jedem politisch-gesellschaftlichen System auf. „Autorität ist für das politische System von so grundlegender Bedeutung wie der Tausch für das Marktsystem.“ Durch die Einführung von Geld und Preisen potenziert sich der mühsame Tausch zum Marktsystem. Autorität aber setzt Verhaltensregeln durch, die – einmal eingeübt und befestigt – immer wieder angewandt werden können, oft fast „von selbst“ sich verstehen. Dann bereitet die Verhaltenskontrolle durch Autorität wenig Mühe; ihre „Grenzkosten“ tendieren gegen Null.

Allerdings sind Krisen, Zusammenbrüche denkbar: „Denn Autorität kann sich mit erstaunlicher Plötzlichkeit verflüchtigen, nämlich so abrupt wie Menschen ihre Meinungen ändern können, welchen Gehorsamsverpflichtungen sie folgen wollen.“ Man denke an das Schicksal Haile Selassies von Äthiopien oder des Schahinschah. Neue Regeln werden gesetzt, als ginge man vom Poker zum Basketball über; ein anderes Spiel beginnt. Hier wird im Meinungswandel wie in der Befestigung von Meinungen offenbar die „Überredung“ wichtig. Ordnungen, in denen der Überredung zentrale Bedeutung zukommt, nennt Lindblom präzeptorale, lehrhafte Systeme.