Stuttgart; „Dante – Vergil – Geryon“

Geryon, in der antiken Mythologie ein dreiköpfiger und dreileibiger Riese, den Herakles tötet, wird in Dantes „Göttlicher Komödie“ zum „schmutzigen (Sinn-)Bild des Betrugs“. Das Ungeheuer, das Dante und seinen Begleiter Vergil vom siebten Kreis der Hölle hinab zum achten bringt, hat „das Antlitz eines Biedermannes“, den Leib einer Schlange und den Schwanz eines Skorpions. Diese furchterregende und zugleich faszinierende Gestalt steht im Mittelpunkt des XVII. Gesangs des „Infernos“. Wie die Künstler vom 14. Jahrhundert bis heute das allegorische Wesen dargestellt haben, ist das Thema der Ausstellung. Kunsthistorische Detektivarbeit brachte Christian von Holst auf die Idee: Ein der Staatsgalerie angebotenes Gemälde, „Dante und Vergil auf dem Rücken Geryons“, erwies sich als ein Werk Joseph Anton Kochs, der hier eine Komposition Berthel Thorvaldsens wiederholte, die ihrerseits aber auf Überlegungen Kochs zurückging. Ein etwas komplizierter Sachverhalt, der nahelegte, die Querverbindungen zwischen Koch und Thorvaldsen bei der Gestaltung dieses Motivs einmal aufzudecken. Andere zeitgenössische Künstler – Flaxman, Füssli, Blake – beschäftigten sich ebenfalls mit dem Höllenflug der beiden Dichter. Der Dämon sah dabei jeweils anders aus, ikonographische Fragen tauchten auf, und so weitete das Unternehmen sich aus: Von den Miniaturen in den frühen DanterHandschriften über Botticellis und Federico Zuccaris Illustrationszyklen bis zu Rauscbenberg, Dali und Tom Phillips sind die verschiedenen Fassungen des Themas versammelt (zu sehen sind allerdings großenteils nicht die Originale, sondern Reproduktionen, die auch in dem schönen Katalog enthalten sind). Obschon Dante den Geryon genau beschrieben hat, hielten die Künstler sich nicht an die Textvorlage. Das Ungeheuer ist einmal weiblich, einmal männlich (bei Blake offensichtlich sogar androgyn), es wechselt ständig seine Gestalt, ist eine Harpyie, ein Kentaur, ein Nöck, ein Drache, sein Element ist das Wasser oder die Luft. Auf jeden Fall aber ist Geryon ein Wesen, das die Phantasie der Künstler nachhaltig beschäftigt hat – und genau das will die Ausstellung zeigen. (Staatsgalerie, bis zum 23. November; Katalog 20 Mark) Helmut Schneider

Wiesbaden: „Marianne Werefkin“

In die Kunstgeschichte ist Marianne Werefkin vor allem als die Muse des avantgardistischen Münchener Künstlerkreises in den entscheidenden Jahren vor der Gründung des „Blauen Reiters“ eingegangen. Zusammen mit Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Alexej Jawlensky, ihrem langjährigen Freund und Schützling, gehörte die 1860 in Rußland geborene Werefkin 1909 zu den Mitbegründern der „Neuen Künstlervereinigung München“. Dort wurde die Generalstochter als der gute Geist des ganzen Unternehmens gepriesen. Dieser Rolle war sie sich selber durchaus bewußt. In ihrem Tagebuch heißt es: „Die Leute sind immer gekommen, mir zu sagen, ich sei ihr Stern, sie könnten ohne mich nicht vorwärtskommen. So habe ich mich törichterweise in ihren Dienst gestellt, bis sie wußten, wohin zu gehen; ich hielt das Licht des Ideals hoch, ich leuchtete ihnen den Weg.“ In Jawlensky erkannte sie das im Vergleich zu sich selber größere Talent und beschloß daraufhin, sich seiner künstlerischen Entwicklung zu widmen. Seinetwegen hat Marianne Werefkin fünf Jahre lang überhaupt nicht gemalt, „damit er nicht als Künstler eifersüchtig sein sollte.“ Der gemeinsame Aufenthalt der Werefkin mit Jawlensky, Kandinsky und Gabriele Münter im Sommer des Jahres 1908 in Murnau war für Kandinsky eine entscheidende Station auf dem, Wege zur abstrakten Malerei. Die Anregung kam vor allem von Marianne Werefkin. Aber während der geistige Einfluß ihrer Persönlichkeit auf die Künstler des Münchener Kreises anerkannt wird, hat ihre Malerei bis heute wenig Beachtung gefunden. In Wiesbaden wird nun ein großzügiger Blick auf ihr Werk geboten. Die Ausstellung zeigt zunächst die Anfänge in Rußland. Trotz früher Anerkennung war Marianne Werefkin bald unzufrieden mit dem dort vorherrschenden Realismus. Schon 1896 verläßt sie Rußland und siedelt mit Jawlensky nach München über, doch den Kontakt zur Heimat erhält sie aufrecht. Von München reist sie mehrmals durch Frankreich, und die Begegnung mit der französischen Gegenwartskunst spiegelt sich wider in den Bildern, die vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges entstanden. Man fühlt sich an Gauguin und die Schule von Pont-Aven, an Munch und Van Gogh, an „Fauves“ und „Nabis“ erinnert – also an fast alles, was damals an der Tagesordnung war. Erst nach der Flucht in die Schweiz, wo sie sich schließlich bis zu ihrem Tod im Jahre 1936 in Ascona niederläßt, kommt ein persönlicher Stil durch. In den letzten Jahren wendet sie sich einer eher naiven, fast bäuerlich wirkenden Volkskunst zu Die Farben sind weniger leuchtend; einsame Figuren bewegen sich in düsteren, nahezu, mystischen Berglandschaften. Die Damen der Petersburger Gesellschaft hat sie weit hinter sich gelassen. Obwohl Marianne Werefkin als Wegbereiterin der abstrakten Kunst gilt, hat sie in ihrem eigenen Werk den Schritt in die Abstraktion nie vollzogen. (Museum Wiesbaden bis 23. November, Katalog 15 Mark)

Gina Thomas

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Gotthard-Graubner-Malerei“ (Kunsthalle bis 23. November, Katalog 40 Mark)