Mitterrand will die Einheit seiner Partei retten

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Oktober

Im Rathaus von Conflans-Sainte-Honorine ist es etwas enger als üblich. Bürgermeister Michel Rocard hat die Presse für eine wichtige Erklärung in die gute Stube seiner Gemeinde gebeten. Der in der Regel ungezwungen und jungenhaft wirkende Rocard, mit 50 Jahren einer der „jungen Männer“ der Sozialistischen Partei, wirkt steif und unnatürlich feierlich. Fünf Minuten braucht er, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Sein Schlüsselsatz: „Ich habe hier und heute beschlossen, den Sozialisten vorzuschlagen, ihr Kandidat für das Amt des Staatspräsidenten zu sein.“ Das war am Abend des 19. Oktober.

Eine Woche später, beim „Fest der Rose“ in Marseille: Achttausend Zuhörer warten ungeduldig darauf, wie François Mitterrand, der Erste Sekretär der Sozialistischen Partei, auf Rocards Herausforderung antworten wird. An seinem 64. Geburtstag, so hat er seinen Anhängern versprochen, werde er Farbe bekennen. Vor seiner Rede herrscht allgemein der Eindruck vor, er wolle sich aus dem Kampf ums Elysee heraushalten. Mitterrands Antwort ist typisch für ihn: Er gibt sich weitere vierzehn Tage Bedenkzeit. Doch dann fällt der Satz: „Ich habe erklärt, daß ich dem Ruf der Partei Rechnung tragen werde.“ Für die Auguren ist das ein untrügliches Indiz, daß Mitterrand sich zu seiner dritten Präsidentschaftskandidatur, durchgerungen hat; denn der Ruf der Partei wird nicht auf sich warten, lassen.

Dieses Tauziehen erschüttert zur Zeit die Sozialistische Partei. Jedermann weiß, daß damit ein entscheidender Punkt in ihrer, bewegten Geschichte erreicht ist. Auf den ersten Blick geht es im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen um die Frage, ob der erfahrene, mit allen politischen Wassern gewaschene Taktierer Mitterrand gegen Giscard antritt oder der noch unverbrauchte, ungestüm an die Macht drängende Rocard. Mitterrand hat den Apparat hinter sich, Rocard liegt in der Gunst des Wählervolks eindeutig vorn. Aber Mitterrand ist auch der Mann, der seiner Partei ihr heutiges Gesicht gegeben hat, ihr Programm, ihr Selbstverständnis. Dagegen wirkt Rocard immer noch wie ein Eindringling. Ohne Mitterrand wären die Sozialisten heute nicht Frankreichs größte Partei; ohne sein Talent und sein Durchsetzungsvermögen wäre die sozialistische Bewegung heute wohl noch so zersplittert und uneins wie in den Nachkriegsjahren.

Eine Sozialistische Partei, die diesen Namen verdient, gibt es erst seit dem 16. Juni 1971. An diesem Tag riß Mitterrand den Vorsitz einer zwei Jahre zuvor gegründeten Bewegung an sich, die der ärgerlichen Spaltung ein Ende setzen wollte. Bei den Präsidentschaftswahlen 1969, als de Gaulles Nachfolger gesucht wurde, hatten die Sozialisten kläglich versagt. Ihr Kandidat Gaston Defferre schaffte nur blamable fünf Prozent der Wählerstimmen. Kein Wunder also, daß der Ruf nach Einheit auf fruchtbaren Boden fiel. Mitterrand bot sich als der gemeinsame Nenner für die diversen linken Gruppierungen an, die sich in wechselnden Koalitionen und ideologischen Grabenkämpfen aufgerieben hatten.