Von Wolfgang Hoffmann

Vier Millionen Bundesbürger leisten Schichtarbeit. Vor allem die Arbeitnehmer im öffentlichen Dienst werden für die unregelmäßige Arbeitszeit nicht ausreichend entschädigt. Die Postgewerkschaft droht jetzt mit Streik.

Die Deutsche Postgewerkschaft ist nach den erfolglosen Warnstreiks der letzten Wochen entschlossen, notfalls einen handfesten Arbeitskampf zu riskieren. Und auch bei der viel mächtigeren Gewerkschaft öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr (ÖTV) scheint für Konfliktstoff gesorgt. Zwar steht die nächste Lohnrunde im öffentlichen Dienst erst in einigen Monaten bevor. Doch um mehr Lohn geht es bei den jetzt anlaufenden Verhandlungen auch gar nicht. Zur Disposition steht ein Problem, das lange unbeachtet blieb: die Schichtarbeit.

Für rund vier Millionen Arbeitnehmer in der Bundesrepublik gilt nämlich nicht, was für die große Masse aller Beschäftigten längst selbstverständlich ist: der geregelte Acht-Stunden-Tag an fünf Tagen der Woche. Vier Millionen Arbeitnehmer gehen regelmäßig auf Schicht, arbeiten im Wechsel irischen 6 und 14 Uhr, irischen 14 und 22 Uhr oder auch zur Nachtzeit, häufig sogar ebenso regelmäßig an Sonn- und Feiertagen, wenn die übrige Nation ins Grüne fährt oder daheim vor dem Fernseher hockt. Der technische Fortschritt und der soziale Wandel, der für die meisten Bundesbürger zu einer spürbaren Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsqualität geführt hat, ist an den Schichtarbeitern, vor allem an denen im öffentlichen Dienst, im wesentlichen vorbeigegangen.

Und ein Ende ist nicht absehbar. Das Gegenteil, die Ausweitung der Schichtarbeit, ist der Fall. In der Vergangenheit hat die Zahl der Schichtarbeiter jährlich um 70 000 zugenommen – zwischen 1960 und 1975 kletterten die Schichtarbeitsplätze von 2,6 auf 3,7 Millionen – und die Experten rechnen auch für die Zukunft damit, daß dieser Trend weiter anhält. In einem Forschungsbericht des Bonner Arbeitsministeriums zum Thema „Schichtarbeit in der Bundesrepublik Deutschland“ wurden drei Wachstumsvarianten durchgespielt. Danach ist mit einem Anstieg der Schichtarbeit zwischen acht und vierzig Prozent bis zum Jahre 1990 zu rechnen. Innerhalb dieser Bandbreite wird als realistische beitnehmer um 800 000 genannt.

Die Ursachen für die weitere Ausweitung der Schichtarbeit sind vielfältig. Es sind: Arbeitszeitverkürzung, Betriebskonzentration, technische Änderungen und ein Wandel der Wirtschaftsstruktur. Allein die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 44 auf 40 Stunden und die Erhöhung des Jahresurlaubs zwischen 1960 und 1975 erforderte rund 500 000 neue Schichtbeschäftigte, um das Arbeitsvolumen von 1960 aufrechtzuerhalten.

Da in Großbetrieben der Industrie Schichtarbeit weit häufiger anzutreffen ist als in kleinen Betrieben, es andererseits einen starken Konzentrationsprozeß in der Industrie gegeben hat, ist der Anteil der Schichtarbeit zwangsläufig gestiegen. Immerhin arbeiten 72 Prozent aller industriellen Schichtarbeiter in Großbetrieben mit mehr als fünfhundert Beschäftigten.