Saddam Husseins Abenteuer bringt den Nahen Osten durcheinander

Von Andreas Kohlschütter

Bagdad, im Oktober

Auf dem Gefechtsfeld ist der Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran nach Ansicht abgehärteter westlicher Kriegsberichterstatter ein „Mickymaus-Krieg“, ein Lokalereignis, das sich seit fünf Wochen in dem kleinen Geländeviereck zwischen den iranischen Städten Chorramschar, Abadan, Achwaz und Desful abspielt. Das eigentliche Drama spielt jenseits der Flüsse, Sümpfe, Wüstenstriche und Provinzstädte, um die seit dem 22. September im Zeitlupentempo gerungen wird. Machthaber, Politiker und Diplomaten im Zwielicht ihrer stillen Kabinette, nicht Generäle und Soldaten auf dem offenen Feld bestimmen seinen Ablauf.

Der irakische Staatspräsident und Feldmarschall Saddam Hussein könnte zum Hauptverlierer des Golfkrieges werden. Es ist sein Krieg, den er gewollt, geplant, den er mit Kopf und Kragen zu verantworten hat. Weil der Golfkrieg von Bagdad ebenso kurzsichtig wie kompromißlos auf einen raschen Totalsieg und die Zertrümmerung der Chomeini-Herrschaft angelegt war, fehlt jetzt, wo die Ajatollahs nicht stürzen wollen, eine Zwischenstellung, auf die sich Saddam Hussein geordnet und sein Gesicht wahrend zurückziehen könnte. Chomeini seinerseits fördert nun als Bedingung für die Beilegung des Konflikts starr und stur die Beseitigung Saddams, den er durch höchsten religiösen Rechtsspruch (Fetwa) zum „Ungläubigen“ stempelte, damit also dessen steckbriefliche Verfolgung und islamische Bestrafung anordnete.

„Ein Ersatz-Palästina“

Saddam Hussein bleibt keine andere Wahl, als die Flucht nach vorn anzutreten, den Krieg zu eskalieren, sich immer waghalsiger auf die folgenschwere Eroberung der gesamten iranischen Provinz Chusistan festzulegen. „Hier baut sich Saddam ein Ersatz-Palästina auf, hier will er ‚arabische Erde‘ und „arabisches Erdöl’ befreien“, erklärt ein skeptischer Bagdader Intellektueller. „Doch der Brocken könnte ihm im Halse steckenbleiben.“