Die Zeichen schrecken. In nur knapp zwei Monaten sterben bei Anschlägen auf dem Bahnhof Bologna, auf das Münchner Oktoberfest und eine Pariser Synagoge über hundert Menschen. Alle drei Attentate, so die gängige Lesart, gehen auf das Mordkonto krimineller Rechtsextremisten. Für Bologna. (84 Tote und 260 Verletzte) sind die Indizien, die in den rechten Radikalismus weisen, noch im eindeutigsten; für München (13 Tote und 312 Verletzte) wird ein Student als Bombenleger dringend verdächtigt, der zweimal an Übungen der inzwischen verbotenen m „Wehrsportgruppe Hoff mann“ teilgenommen hatte und bei der Explosion selber ums Leben kam; für das Verbrechen in Paris galt bisher ein Ableger der ebenfalls aufgelösten „Föderation d’Action Nationale et Européenne“ (FANE) als verdächtig.

Spätestens seit den Anschlägen ist die Rede von einem sträflich unterschätzten aktiven „Eurofaschismus“ geläufig, von einem dichten Netz gewalttätiger Neonazis, die sich – in enger Absprache und mittels konspirativ-koordinierter Aktionen – nach dem Muster der Palästinenser und Linksextremisten „hochbomben“ wollen. So sprach die Frau des römischen Oberrabbiners von einer „geheimen Verbindung zwischen München, Bologna und Paris“, so behauptete ein hoher italienischer Sicherheitsoffizier, die drei Anschläge seien zeitlich zu dicht aufeinander gefolgt, um keinen Zusammenhang anzunehmen. Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin fürchtete: „Ein wildes Tier erwacht wieder zum Leben“; der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Berlins, Heinz Galinski, forderte von der Präsidentin des Europa-Parlaments, Simone Veil, Beratungen über die gemeinsame Bekämpfung des Rechtsextremismus wegen der „miteinander verzahnten neonazistischen Kreise“; und der Berichterstatter für Rechtsradikalismus im Europarat, der ehemalige luxemburgische Justizminister Robert Krieps, klagte im Deutschen Fernsehen: „Die Regierungen haben die Rechtsradikalen unterschätzt.“

Tatsächlich sind im Fall Bologna bisher zwei militante Neefaschisten verhaftet worden. Vermutlich ist der umgekommene Münchner Tatverdächtige Gundolf Köhler durch die weltweite Publizität des italienischen Attentats angestiftet worden. Nach neuesten Erkenntnissen, so behaupten jedenfalls französische Spurensicherer, gehe der Synagogen-Anschlag auf das Konto des irakischen Geheimdienstes.

Euro-Faschisten? „Schwarze Internationale“? Ein engmaschiges Netz militanter Neonazis, gespannt von Amerika bis Europa? Die drei Anschläge der letzten Monate als Beweis für gemeinsam geplante Terroraktionen eines gewaltsamen Rechtskartells, mit Paris als Zentrale, Italien und Belgien als Kaderschmieden? Die Frageso zu stellen, hieße sie sogleich zu verneinen. Was westlichen Staatsschützern auffällt – die letzte Woche zum erstenmal in Luxemburg auch überRechtsterrorismus und Rechtsverbindungen Erkenntnisse und Erfahrungen austauschten –, ist dies:

  • Es handelt sich bei den Rabauken, Schlägern und Killern auf der extremistischen Rechten um Kleinstgruppen (manche bestehen aus zehn, manche aus einem Mann). In deM gleiche Maße^-wie traditionelle Rechtsgruppierungen an Anhängerschaft und Aufsehenspotefitfäl Verlieren, gewinnen gewalttätige Grüppchen an jungen Aktivisten. Gleichzeitig aber wird ihr Aktioisum durch Rivalitäten gehemmt, erschöpft sich oft in bloßem Maulheldentum, in Waffen- und Uniform-Fetischismus. Auffallend ist eine italienische Besonderheit: Während der Linksterrorismus – auf Grund zahlreicher Verhaftungen und neuer Gesetze – abnimmt, wächst an seiner Stelle der Rechtsterrorismus „explosionsartig“.
  • Die Kleinstgruppen bilden – mit Ausnahme von Großbritannien – keine Gefahr für die Sicherheit der jeweiligen Staaten.
  • Sie haben kein geschlossenes ideologisches Konzept, ereifern sich nur an ihrer Ausländerfeindlichkeit, ihrem Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus. Dabei hat jedes Land seine spezifischen Bedingungen für einen rechtsradikalen Nährboden: England den Ausländerhaß, Belgien den Sprachenstreit, Frankreich, seinen elitären Nationen- und Rassendünkel, Italien seine faschistische, die Bundesrepublik ihre nationalsozialistische Vergangenheit.
  • Grenzüberschreitende Verbindungen gehen über gelegentliche, persönliche Kontakte, sporadische gemeinsame Veranstaltungen und die geringfügige Beteiligung an lokalen Gedenkfeiern kaum hinaus. So wird Material ausgetauscht, dann und wann ein „Europatreffen“ – wie im Dezember auf den Balearen vorgesehen – organisiert, ein Druckauftrag übernommen – so die Herstellung des ein-seitigen Völkischen Beobachter in England –, eine deutsche Abordnung zum Flamen-Marsch „Ijzerbedevaart“, eine belgische Delegation zu Geländeübungen in die Bundesrepublik geschickt.
  • Was bisher fehlt, sind gemeinsame Strukturen, eine zentrale Steuerung, eine gemeinsame operative Planung und Logistik, eine Dachorganisation.

Die Wirklichkeit des „Eurofaschismus“ sieht, nach dem aktuellen Beobachtungsstand der Geheimdienste, so aus: Deutsche Jugendliche, etwa von der inzwischen zerschlagenen Hamburger „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ (ANS) nehmen in schwarzer Uniform an dem Gedenkmarsch in Diksmuide/Belgien teil. Sie fallen nicht auf, sie treffen sich mit ihren Gesinnungsfreunden anschließend in einer Kneipe und sind auch dort isoliert. In der Regel verhindert die Sprachbarriere intensive Kontakte. Der Druck des VB in Belgien wird durch Eingriffe der Polizei verhindert – also bieten sich zur Veröffentlichung der 4. Ausgabe englische „Kameraden“ an, die über einen Miniverlag verfügen. Die „Auschwitz-Lüge“ des Altnazis Thies Christophersen darf in der Bundesrepublik nicht erscheinen – also vertreibt es der Schweizer Verlag „Courrier du Continent“ des 59jährigen Rechtsradikalen Gaston Armand Amaudruz. Im belgischen La Roche veranstaltet der „Vlaamse Militante Orde“ (VMO) sogenannte Geländespiele als billigen „Betriebsausflug“, in der Nähe Nürnbergs probte bis zu ihrem Verbot Hoffmanns „Wehrsportgruppe“ ihre Manöver – also wurden zuweilen „Soldaten“ ausgetauscht.

Es gibt inzwischen auch den eher kuriosen Fall, daß junge Rechtsextremisten gegen ihren Willen im Ausland sind. Vier Hoffmann-„Rekruten“, die an seinem finanziell lukrativen Autohandel mit der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) im Libanon beteiligt waren, sind seit Ende September spurlos verschwunden: Ottfried Hepp (22 Jahre, angeklagt als Anführer einer „Kampfgruppe Schwarzwald“), Stefan Düpper (21), Kai Uwe Bergmann (21) und Peter Hamburger (17). Die Palästinenser behaupten, sie seien bei der Falange – ihren libanesischen Gegnern – untergetaucht. Für die Kölner Verfassungsschützer indessen ist eine andere Version für ihr Verschwinden glaubwürdiger: Die vier Jungmannen aus dem WSG-Kader hatten die von der PLO bereits vorausbezahlten Kübelwagen nicht abgeliefert; dafür werden sie nun von den Palästinensern, die sich hintergangen fühlen müssen, als Geiseln gehalten. Auch diese Geschichte spricht kaum für die gefährliche Internationale eines antisemitischen Radikalismus, für eine Liaison Arafat–Hoffmann. Dies ist eine ebenso dumme Legende wie der „Wahlschlager“ von Franz Josef Strauß über eine angebliche Steuerung deutscher Neonazis durch den sowjetischen KGB oder das Ostberliner „Ministerium für Staatssicherheit“ er mußte sich dann auch von seinen Verfassungsexperten alsbald eines Besseren belehren lassen.