Neuer Flurschaden für die Ökumene vor dem Papstbesuch

Von Dietrich Strothmann

Außer Scherben nichts gewesen? Nach dem Kirchenkrach um Martin Luther, der letzte Woche zwischen katholischen und evangelischen Repräsentanten in der Bundesrepublik hohe Wellen geschlagen hatte, üben die betroffen nen Streithähne wieder die längst vereinbarte „versöhnte Verschiedenheit“ – wie das ökumenische Verhältnis zwischen beiden Christenlagern optimistisch umschrieben wird. Tatsächlich ist die verkostete Streitaxt noch rechtzeitig vor dem pompösen Papstbesuch dem ersten in Deutschland nach bald zweihundert Jahren – und auch vor den Gedenkfeiern 1983 zum 500. Geburtstag des Reformators erst einmal begraben. Indessen argwöhnen manche erfahrenen und eingeweihten Evangelischen, daß der uralte Konflikt damit noch längst nicht beigelegt ist.

Dabei geht es nicht nur um den „Kirchenspalter“ und „Ketzer“ Luther, wie er gerade auch von katholischen Theologen noch heute gelegentlich beschrieben wird; ausschlaggebend ist vielmehr, wie die Rolle von Papst Johannes Paul II. und die an der Gemeindebasis praktizierte Kirchengemeinschaft beider Konfessionen eingeschätzt werden.

Sturm der Entrüstung

Gerade da bleiben die Zweifels Der gegenwärtige Inhaber des Stuhles Petri gilt nicht als ein Papst der Ökumene, wie seine Vorgänger, sondern eher als ein Fürsprecher der Annäherung allein an die orthodoxe Kirche. Dazu wird angeführt, daß es in Polen, seinem Herkunftsland, keine protestantische Kirche gebe, also keine Ökumene. An Hand von etwa zwanzig Ansprachen Johannes Pauls II. zum Thema einer Annäherung der getrennten Kirchen entdeckten evangelische Textkritiker lediglich die altbekannten „Versatzstücke“, doch keine neuen Signale. Auf der Gemeindeebene ist die ehemals aktive ökumenische Bewegung der letzten Jahre ins Stocken geraten: Gemeinsame Gottesdienste sind seltener geworden, katholische Partner in einer gemischten Ehe werden von ihrer Kirche nicht anerkannt, ein einheitliches Abendmahl ist noch immer nicht möglich. Gar nicht zu reden von einem Ende der Debatten auf höherer Ebene um die päpstliche Unfehlbarkeit und den vatikanischen Ausschließlichkeitsanspruch.

In diese ohnehin verfahrene Situation stieß nun jener Beitrag des Freiburger Theologen Remigius Bäumer über Martin Luther ja der „Kleinen deutschen Kirchengeschichte“ des angesehenen Herder-Verlages, die – als Rustschrift ausdrücklich zur Einstimmung für den Besuch des Pilgerpapstes geplant und geschrieben – einen Sturm der Entrüstung entfesselte. Dabei kam mehreres zusammen: zunächst das häßliche Tauziehen um eine einstündige Sonderaudienz des Präsidiums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei Johannes Paul II., die von der gastgebenden katholischen Deutschen Bischofskonferenz anfangs nicht vorgesehen war – im Ursprungsland der Reformation eine Unfreundlichkeit, um es milde auszudrücken. Kaum war dies mühsam zurechtgerückt worden – auch um den „ökumenischen Charakter“ dieser Missionsreise des „Papstes für alle“, wenngleich widerwillig, zu dokumentieren –, ging der nächste Schuß los: die offizielle Rechtfertigung der von der EKD anfangs noch maßvoll kritisierten Luther-Thesen Bäumers.