Wer sein Werk sieht, ja nur Teile davon (denn vollständig ist es wohl nie zu sehen), muß glauben, daß er sein Leben lang immer nur gearbeitet hat und daß seine Schaffenskraft unbegrenzt war. Er war bärenstark und als junger Mann oft in Raufereien und Liebeshändel verstrickt. Den Neunzehnjährigen fand man eines Tages mit einem lebensgefährlichen Messerstich im Rücken. Das Messer wurde für ihn zu einem Thema: das Messer als eine jener vielen Möglichkeiten, mit denen Menschen Menschen quälen oder gar töten.

Die äußeren Daten seines Lebens ergeben eine früh einsetzende Karriere, die bruchlos bis nach oben und bis ans Ende seines 82 Jahre langen Lebens gegangen zu sein scheint: frühzeitig erkannt und anerkannt in seiner besonderen Begabung; sehr gute Ausbildung, die jedoch nicht ins Allgemeine ging, also nicht auf einem Studium generale beruhte, sondern ganz einseitig speziell blieb; nach dem ersten bedeutenden Auftrag, im Anschluß an eine Auslandsreise (die im wesentlichen auch seiner Ausbildung diente), erhielt er immer weitere Aufträge. Und im Alter von 28 Jahren – inzwischen verheiratet – wurde er an den königlichen Hof berufen, kam also in Amt und Würden und blieb in der Stellung bis ins hohe Alter. Die letzten vier Jahre. lebte er im Ausland, zunächst als Urlauber, dann, nach einer schweren Erkrankung, als Pensionär.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch, daß In seinem Leben nicht immer alles so glatt lief. Der Mittzwanziger hatte einen Streit mit der Kirchenverwaltung. So etwas konnte zu seiner Zeit (und besonders in seinem Land) lebensgefährlich sein. „Er geriet zunächst in einen Zustand höchster Erregung und Reizbarkeit, dem eine schwere Depression folgte“, heißt es über ihn; „der Krankheitszustand dauerte mehrere Jahre und lähmte seine Schaffenskraft.“

Andere und zugleich verwandte Probleme entstanden aus einem Gehörleiden, das ihm seit seinem 16. Lebensjahr zu schaffen machte und das sich immer mehr verschlimmerte. Im Alter von 47 Jahren war er völlig taub. Deswegen legte er wenig später sein Amt als Direktor einer Akademie nieder, weil es mit Lehrverpflichtungen verbunden war, denen er wegen seiner Taubheit nicht mehr nachkommen konnte. Angeblich war seine Taubheit, wie Pathographen später herausfanden, „kein bloßes Ohrenleiden, sondern ging, mit einer Psychose einher“. Und während dieser. Psychose habe er „offenbar Phasen motorischer und geistiger Unruhe“ gehabt, abwechselnd „mit Zeiten völliger Depression“.

Ob die Annahme einer Psychose zu Recht besteht, wird sich vielleicht nie mehr eindeutig nachprüfen lassen. Sie ist überdies das Ergebnis einer Art Rückschluß von seinem Werk auf seine Persönlichkeit, insbesondere von dessen später Phase, in der seine Themen phantastisch-visionär wurden und im einzelnen – dies gilt jedenfalls – für seine letzte, die „schwarze Periode“ – noch gar nicht interpretiert werden konnten.

Über die Zeiten hinweg noch heute aktuell ist er durch eines seiner Hauptthemen, das er stets von neuem variierte: die Bête humaine, die Vertiertheit des Menschen; immer wieder zeigte er, wie Menschen Menschen (oder Tiere) quälen, foltern, verstümmeln, töten; rücksichtslos stellte er Elend, Not und Krieg dar und deckte die Schwächen seiner Zeit auf, Schwächen und Mißstände, die in der Welt noch heute bestehen.

Er mag sich manchmal als Vorkämpfer für eine neue Menschlichkeit gefühlt haben, aber im Grunde seines Herzens war er Pessimist. Oder vielmehr: Je mehr er sah und erlebte, desto pessimistischer wurde er. Seine Bilanz einer Darstellung von Szenen eines Freiheitskampfes faßte er in der Unterschrift zusammen: „Nichts, es wird sich zeigen.“ Das hieß: Dieser Kampf war umsonst. Jeder Kampf, meinte er, war umsonst.

Wer war’s?