Nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen des Vatikan und des Deutschen Episkopats soll der für Mitte November geplante Besuch von Papst Johannes Paul II. in der Bundesrepublik überraschend verschoben werden. Mit der offiziellen Bekanntgabe dieser Entscheidung durch den Vatikan wird zu Beginn der nächsten Woche gerechnet,

Johanna Paul II., mittlerweile für seinen nicht, sehr sanften Umgang mit der Vatikanbürokratie bekannt, soll sich zu diesem Schritt entschlossen haben, nachdem ihm das offizielle Besuchsprogramm vorgelegt worden war. Der katholische Oberhand ist mit dem unter starker Einflußnahme von deutscher Seite ausgearbeiteten Programm offenbar unzufrieden.

Zwar seien Wallfahrtsorte wie Altötting durchaus zentrale Stätten katholischer Glaubenserfahrung, der Papst reise jedoch nicht als Pilger in die Bundesrepublik. Sein Wunsch sei es vielmehr, als Bischof von Rom und Oberhaupt der gesamten katholischen Kirche die deutsche Teilkirche, ihre Rolle in der Welt, ihre Bedeutung für Gesellschaft und Politik, aber auch ihre spezifischen Probleme möglichst gut kennenzulernen. Deshalb wolle er in erster Linie zuhören und weniger repräsentieren.

Johannes Paul II. fehlen in dem geplanten Besuchsprogramm Begegnungen und Gespräche mit dem starken kritischen Flügel des deutschen Katholizismus, mit Theologen wie Rahner, Nell-Breuning, Küng, Metz, Greinacher und Haag. Ein katholisches Kirchenoberhaupt könne im Jahr 1980 auch nicht in die Bundesrepublik reisen, ohne in Tübingen Station zu machen, wo seit Jahrhunderten die protestantische und später auch die katholische Theologie entscheidend mitbeeinflußt wurde.

Genau dies jedoch wollten einflußreiche vatikanische Kreise und einige deutsche Bischöfe vermeiden, weil sie dadurch eine mögliche Aufwertung der progressiven Theologen befürchten. Aber der Papst will gerade in dem Land, dessen Medien den „Vatikantourismus“ am heftigsten kritisiert haben, zeigen, daß das offene Gespräch, der verständnisvolle Dialog auch mit Andersdenkenden ein wesentliches Merkmal seines Amtsverständnisses ist.

Deshalb ist den katholischen Oberhirten auch das vorgesehene einstündige Gespräch mit Vertretern der EKD nicht ausreichend. Er will den brennenden Fragen der Ökumene erheblich mehr Zeit widmen. An der vorgesehenen Programmplanung gab es in jüngster Zeit scharfe Kritik von protestantischer Seite, insbesondere von Professor Helmut Thielicke.

Ebenfalls will Johannes Paul II. unbedingt eine Messe im ehemaligen Konzentrationslager Dachau lesen. Eine in Osnabrück vorgesehene halbstündige Begegnung mit Vertretern der Juden genüge ihm nicht. In einer Zeit des wiederaufkeimenden Antisemitismus will der katholische Oberhirte angesichts des ohnehin historisch belasteten Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Judentum bei einem aus dem Besuchsprogramm herausragenden Ereignis eine klare Haltung demonstrieren.