Die erste Verbeugung vor Karl Friedrich Schinkel ist, wie erwartet, soeben in Ost-Berlin getan worden: Im Alten Museum wurde die erste Ausstellung zum zweihundertsten Geburtstag des Baumeisters und Malers (am 13. März) eröffnet. Die zweite und noch ein paar Verbeugungen mehr konnte man, einigermaßen unerwartet, in West-Berlin beobachten, bei einigen jener neun Architekten, die aus Amerika und Japan, aus England, Schweden, der ČSSR und Deutschland geladen waren, um im Wettstreit miteinander zu zeigen, wie Berlin einen schönen, aber zerfransten Streifen Landes im Norden der Stadt in ein Wohn-, Kultur- und Freizeitviertel von musterhafter Qualität verwandeln könnte. Das Gebiet, von der Größe einer mittelalterlichen Hauptstadt liegt an einem ehemaligen Industriekanal zwischen dem alten Stadtteil Tegel und dem schönen Tegeler Forst, in welchem, das ist nun wichtig, Schinkels Humboldt-Schlößchen steht. Denn das taucht in einigen Entwürfen auf, teils als wörtliches Zitat vor einem Restaurant oder zerdeutet im Proportionsgefüge von Wohnblockfassaden, teils heiter sublimiert in einem Turm oder in langen Reihen von Arkaden oder auch nur irgendwie „im Geist“.

Das radikalste Rezept empfahl der in London lebende Luxemburger Leon Krier, der wie sein Bruder Rob in Wien darin geübt ist, gegen Wände zu rennen. Die klassische Architektur, sagt er, habe alles längst definiert; alle neuen Bemühungen könnten nur zu schlechteren Ergebnissen führen. Ziehen wir uns also an den bewährten Zöpfen aus dem Morast, in den uns das Neue Bauen seit den zwanziger Jahren gedrängt hat. So entwarf er eine neue Stadt im alten Stil, die Wohnblöcke dicht gedrängt an schmalen Straßen, mit Alleen, welche Achsen zwischen markanten Punkten bilden, dazwischen verstreut die Preziosen für Kultur und sportliche Spiele. Die säulengeschmückte Architektur trägt die Symmetrie gelassen wie historische Damen das Schnürkorsett. Gleichwohl ist Leon Krier (für den leider falschen Ort) ein Stadtgrundriß von bedeutender Originalität geglückt. Er ist ein Künstler.

Etwas, was sein Kontrahent Behnisch, unser Olympia-Architekt, zu vermeiden sucht. Er wollte „nicht als Generalarchitekt auftreten“, und eigentlich schien ihm ein „so kostbares, unwiederbringliches Gebiet“ als viel zu schade zum Bebauen. Deshalb unterließ er es auch, seine Vorstellung von Architektur für Tegel schon bekanntzugeben: er empfahl einen weithin offenen Plan, der erst nach und nach zu füllen wäre.

Zwischen den eigenartigen Antipoden Krier und Behnisch aber entfaltete sich dann das kunterbunte Spektrum heutiger Architekturvorstellungen. Die Tschechen vom Büro „Stavoprojekt“ spielten eine formalistische Etüde mit Kreisen, Quadraten, Dreiecken, mit schrägen und Schlangenlinien; der Japaner Isozaki lieferte ein prächtiges Virtuosenstück im Stil eines manieristischen Rationalismus; die Berliner Fehling, Gogel und Noebel verstrickten sich beim Versuch eines höchst individuellen Funktionalismus’ (für den sie berühmt sind); der Engländer Erskines (zweiter Preis) empfahl ein sympathisches Stadtidyll; die junge Berliner Gruppe Poly, Steinebach und Weber fand eine interessante Symbiose aus formal strenger „rationalistischer“ Architektur und Auenlandschaft (und hätte dafür, eher als die Tschechen, den anderen zweiten Preis verdient).

Charles Moore endlich entwarf eine kecke Mixtur aus spielerisch-strenger (Gemeinschafts- und Wohnbau-)Architektur und aus einer Art von High-Tech-Architektur für ein phantastisches Freizeitbad, das wie ein (zu) großer Ozeandampfer im Kanal ankert. Er bekam für seine schwungvolle Idee den ersten Preis und die Empfehlung an den Bauherrn, das Projekt mit ihm nun auch alsbald zu verwirklichen.

Schiffe sind, wie man sieht, überaus beliebt (Isozaki nannte seine ganze Tegeler Neustadt einen gestrandeten Dampfer, und nicht weit liegt schon ein anderer auf Kiel, die elegante Phosphatkläranlage des Wieners Gustav Peichl). Und Schinkel ist, passend zum Geburtstag, auch beliebt. Wie seltsam: Schiffe (seit Le Corbusier unterwegs in der Architektur) und Schinkel als die Eckpfeiler unserer Baukunst – eine, die nach wie vor den Plural liebt. Nirgendwo zeigt sie sich bei uns deutlicher als in Berlin. Manfred Sack