ARD, Samstag, 25. Oktober: „Christen ohne Privilegien“, Kirchlicher Alltag in Mecklenburg

Zu Beginn zwei kleine Beckmessereien: Der Titel war irreführend (statt des angekündigten Beitrags über Christen wurde, das ist ein Unterschied, ein Bildbericht über christliche Gemeinden in Mecklenburg ausgestrahlt), und was den Vorspann angeht, die von der Sprecherin zu verlesende Einführung, so hatte der verantwortliche Redakteur, wie so oft, seine Schulaufgabe auch dieses Mal lässig gemacht. Daß die Kirche der DDR in den letzten Wochen Schlagzeilen gemacht habe, kann man nun wirklich nicht sagen: Die Parteioberen waren es, die bundesrepublikanischen Berichterstattern den Zugang zur Synode der sächsischen Landeskirche verwehrten – die Funktionäre also und nicht die Christen sind es gewesen, die für Schlagzeilen sorgten. Ein bißchen Genauigkeit sollte, zumal bei heiklen Themen, Redakteurstugend bleiben; in einer Sendung, wo die Befragten das Kunststück fertigbringen müssen, freimütig zu reden und dennoch jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, ist Pingeligkeit unabdingbar.

Genug, schon vergessen. Der Film über christliche Gemeinden in Mecklenburg, von großem Ernst und einer beeindruckenden, weil zurückgenommenen Heiterkeit bestimmt, führte seit Thema konsequent (aber ohne die leiseste Spur von Belehrung), sehr klug (und dabei fast spielerisch) durch. Eine Kirche ohne Privilegien wurde gezeigt, eine Kirche ohne gesellschaftliche Macht also hat die einzigartige Chance, ihre tagtäglich erlebte Ohnmacht extra muros im Sinne eines abbildartigen Herrschaftsverzichts intra muros fruchtbar zu machen. Aufgehoben der Gegensatz zvischen den Predigern und den Laien, dem Pastor und der Gemeinde, aufgehoben zu Gunsten der reformatorischen Vorstellung vom Priesteramt des Gottesvolks.

In nüchtern-fröhlicher Rede beschrieben Christen der DDR, vas-es bedeutet, Solidarität von der letzten Bank aus zu praktizieren und derart ein sozial geprägtes Christentum zu leben, das mit dem machtgeschützten Honoratiorendasein der privilegierten Kirche wenig gemein hat... Wie wenig, das zeigten die Selbstaussagen der auf Behelfsriume, Zelte und Wohnwagen angewiesenen Großstadtpastoren nicht minder eindringlich als die Stellungnahmen der Jugendlichen. Gesänge ohne Harmonium, dafür mit Gitarre, Choräle einer sechsköpfigen Konfirmandenschar in der Hochhauswohnung – das Halleluja um die Nachmittagszeit, als Selbstbestätigung am Rand des Risikos: Hör, Nachbar vor der Glotze, wir sind auch noch da.

Eine halbe Stunde lang traten Menschen ins Blickfeld, die eher handeln als predigen, eher miteinander hilfreich umgehen, als einander (oder gar einen Dritten) zu begehren; dreißig Minuten zeigten sich selbstbewußte Christen, die auf Partnerschaft und nicht auf Macht, auf Andeutung und nicht auf Befehle, auf freundliche Gesten, wenn zwei oder drei zusammen sind, und nicht auf triumphales Gepränge mit denen da oben in der Glorie und denen da unten mit ihrem Gejubel und ihrem Elend vertrauen.

Ich bin sicher, die Bilder aus Mecklenburg, verhalten und leise, werden die Bilder von der großen Schau und dem großen Heerlager überdauern, dem frommen Spektakel, wohl vorbereitet, wie es ist mitsamt seinem ausgeklügelten Zeremoniell, das uns ins Haus steht. Warten wir ab, ob am Ende, zur flüchtigen Samstagnachmittagszeit präsentiert, der Bürgermeister und der Pfarrer aus Mecklenburg, Marxist und Christ, Peppone und Camillo mit ihrem Platt, das eine Woche währende Zauberwerk aus Rom und Köln und Altötting nicht zumindest ein bißchen verfremden – so ganz von unten her. Momos