Zwischen 8.30 und 9 Uhr wird auf NDR III große Literatur vorgelesen. Warum gibt es diese schönen Lesungen im Radio nicht auch auf Kassetten?

Wahrscheinlich wird es so kommen, daß die beiden letzten Kapitel an einem grauen Morgen zwischen Volkstrauertag und Totensonntag vorgelesen werden: „Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt...“ Hannos Tod, das Ende der Buddenbrooks und das Ende der „Buddenbrooks“, 61 halbe Morgenstunden lang vorgelesen von Gert Westphal im 3. Hörfunkprogramm des Norddeutschen Rundfunks, von 8.30 bis 9 Uhr. Schluß jetzt, gute Nacht, morgen Abend bekommst du vielleicht eine andere Geschichte vorgelesen, so hieß das früher, als man Kind war.

Aber was wird am Morgen, nachdem Frau Permaneder, geschiedene Grünlich, geborene Buddenbrook mit ein paar töricht tiefsinnigen Sätzen die Geschichte der Menschen im allgemeinen und ihrer seligen Angehörigen im besonderen saldiert hat? Was wird am 62. Tag? Am 62. Tag wird der Ansager seiner Absage hoffentlich hinzufügen, daß die Reihe „Am Morgen vorgelesen“ demnächst mit „Anna Karenina“ fortgesetzt wird. Oder mit „August Weltumsegler“. Oder sonst was. Soll jetzt alles aus sein?

Da im NDR schon seit den sechziger Jahren Bücher vorgelesen werden, sind die Aussichten ziemlich gut, daß alles weitergehen wird. Und die Romanliteratur des 19. und 20. Jahrhunderts, auf die man sich bei der Auswahl bisher konzentrierte, hat auch noch vieles zu bieten, selbst wenn man die Titel abzieht, die schon auf dem Programm standen: zum Beispiel Sternes „Tristram Shandy“, Goethes „Wahlverwandtschaften“ und „Italienische Reise“, Fontanes „Effi Briest“, „Irrungen Wirrungen“ und „Stechlin“, Joseph Roths „Hiob“ und „Radetzkymarsch“, Thomas Manns Romane von „Joseph“ (auf 73 Folgen gebracht), James Joyces „Ulysses“.

Stellen wir die überflüssige, aber unvermeidliche Gegenfrage: Wem nützt das eigentlich, und wem nützt das zu dieser Tageszeit?

Ja, gewiß, am mittelfrühen Morgen, da können nur Hausfrauen zuhören, Kranke und Rentner. Aber was heißt hier eigentlich „nur“? Ist das nicht schon ein beachtlicher Teil der Bevölkerung? Soll man denn zur Mitternacht vorlesen, wenn außer den Fernfahrern und den Kollegen der Vorgelesenen kaum noch jemand wach ist?

Und wem nützt das überhaupt? Vielleicht nur ein paar Bücherwürmern, die ihren Thomas Mann ohnehin kennen und sich ihn jetzt nur noch einmal auf der Zunge von Gert Westphal zergehen lassen wollen?