Bequeme Monatshygiene mit bösen Folgen

Fast fünfeinhalb Milliarden Tampons produzierten und verkauften die Hersteller letztes Jahr allein in den Vereinigten Staaten. Doch von Samstag dieser Woche an ziert in Amerika eine Warnung die Verpackung des Massenartikels zur Monatshygiene: „Vorsicht: Fieber und Erbrechen oder Durchfall während der Menstruation können Zeichen einer ernsten Erkrankung sein, die mit dem Gebrauch von Tampons in Verbindung gebracht wird. Diese Erkrankung kann tödlich verlaufen. Sollten diese Symptome auftauchen, stellen Sie die Benutzung ein und befragen Sie umgehend Ihren Arzt.“

Für Amerikas Tamponverkäufer tun sich seit spätestens Mitte dieses Jahres mehr Fragen auf, als bisher beantwortet werden konnten, ja es bieten sich sogar Vergleiche zu der Verwirrung um die rätselhafte „Legionärskrankheit“ an, die vor vier Jahren in Philadelphia einige Dutzend Opfer gefordert hatte, bevor der Erreger isoliert werden konnte.

Im Fall der tödlichen Tampons kennen die Ärzte zwar den Erreger einer bislang selten beobachteten Erkrankung. Aber damit fangen manche Fragen erst an. So ermittelte das amerikanische Center of Disease Control in Atlanta, daß mehr als zwei Drittel von 42 im Juli und August erkrankten Frauen Tampons der Marke „Rely“ (Marktanteil: 17,2 Prozent) benutzt hatten, bevor sie an einem sogenannten toxischen Schock-Syndrom erkrankten. Und einer Studie der Washingtoner Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA zufolge hatten immerhin 62 Prozent der Betroffenen zum Zeitpunkt ihrer Erkrankung zu „Rely“ gegriffen. Bis Mitte September waren durch eine Fragebogenaktion 299 Erkrankungen und 25 Todesfälle bekanntgeworden. Der Tod eines 16jährigen Mädchens wurde mit „Playtex“ (Marktanteil: 24 Prozent) in Verbindung gebracht, die Mehrzahl aber hatte „Rely“ benutzt. Diese Marke wurde vom Hersteller Procter & Gamble mittlerweile vom Markt genommen.

Ganz abgesehen von den nun zu erwartenden zivilrechtlichen Klagen der Hinterbliebenen sind die Probleme damit längst nicht vom Tisch. Anders als in Deutschland, wo auf mein Befragen hin nur „reine Watte“ als Herstellungsmaterial für Tampons genannt wurde, brachten amerikanische Produzenten seit 1976 chemisch veränderte Watte oder gar, wie im Fall „Rely“, synthetische Polyester auf den Markt. Die neuen Materialien sollten die Flüssigkeitsaufnahme erhöhen.

Nun vermuten US-Mediziner, daß die Kunstwatte Ursache der Erkrankungen und Todesfälle ist: Zum einen könnte die in den Tampons enthaltene Carboxymethyl-Zellulose Bakterien nähren; zum anderen verbleiben diese mehr Flüssigkeit sammelnden Tampons auch länger in der Scheide und bilden deshalb einen besseren Nährboden für Bakterien.

Das toxische Schock-Syndrom tauchte erstmals 1978 vermehrt auf, zwei Jahre nach Einführung der super-absorbierenden Tampons. Davor hatte die Zulassungsbehörde FDA keine Sicherheitstests verlangt, weil Tampons „seit 40 Jahren sicher benutzt wurden“, wie ein Sprecher des Marktführers „Tampax“ argumentierte.

Mit Sicherheit ging nun etwas schief. Denn bei mehr als 90 Prozent der erkrankten Frauen fanden Gynäkologen den Krankheitserreger Staphylococcus aureus in der Vagina (dagegen nur bei acht bis zehn Prozent gesunder Frauen). Das Bakterium ist ein Verwandter des harmlosen Staphylococcus epidermis, das sich normalerweise auf der Haut sowie im Mund-, Nasen- und Rachenbereich ansiedelt. Das krankmachende Bakterium findet sich gewöhnlich nur in Eiterpickeln auf der Haut oder in Furunkeln. In der Vagina kann es sich rasch vermehren, vor allem, wenn ein Tampon lange in der Scheide bleibt. Dort sondern die Erreger einen Giftstoff (im Fachjargon: Toxin) ab, der mit Leichtigkeit ins Blut gelangt.

In einem Brief an das renommierte New England Journal of Medicine vermuten vier Ärzte des Massachusetts General Hospital in Boston, daß „das toxische Schock-Syndrom vom Rückfluß des gifthaltigen Menstruationsblutes aus dem Vaginalkanal durch die Eileiter in die Bauchhöhle verursacht wird, wo das Gift schnell absorbiert werden kann“.

Ist das Toxin erst einmal im Blut, bekommt die betroffene Frau plötzlich hohes Fieber. Wäßriger Durchfall und Erbrechen setzen ein, Muskelschmerzen und sonnenbrandähnliche Hautsymptome, besonders an den Innenflächen von Händen und Füßen, bilden sich aus. Der starke Verlust von Körperflüssigkeit bewirkt binnen kurzem eine krisenhafte Blutdruckerniedrigung. Wenn sie nicht sofort durch Flüssigkeitszufuhr bekämpft wird, kommt es zum Schock, zu Bewußtlosigkeit und schließlich zum Tod. Das toxische Schock-Syndrom soll amerikanischen Schätzungen zufolge allein in den USA etwa 2000mal pro Jahr auftreten und in zehn Prozent der Fälle tödlich enden.

Bislang gelang es den forschenden Ärzten nicht, das Schock-Syndrom im Tierversuch zu wiederholen und damit die Krankheitserreger in der Scheide als eindeutige Ursache festzumachen. Auch gibt es bisher keinen schnellen und sicheren Nachweis dieser Erkrankung. Selbst bei der Diagnose des sich rasch verschlimmernden Leidens bleiben Zweifel: Es waren ja auch einige Frauen erkrankt, die statt Tampons Binden benutzt hatten oder zu diesem Zeitpunkt gar nicht menstruierten. Schließlich waren 14 Kranke Männer, bei denen die Infektion vermutlich über einen Hautdefekt eingetreten war.

Das toxische Schock-Syndrom kann sogar mit einer erstmals 1927 bei drei Kindern beschriebenen, seltenen Erkrankung verwechselt werden – mit einer durch Staphylokokken ausgelösten Form des Scharlachs. Scharlach ruft fast deckungsgleiche klinische Symptome hervor, entsteht aber normalerweise durch Streptokokken-Bakterien, gegen die Penicillin wirksam ist. Der Erreger des toxischen Schock-Syndroms hingegen ist gegen Penicillin resistent.

Der Mikrobiologe Patrick Schlievert von der Universität von Kalifornien in Los Angeles glaubt trotz Skepsis anderer Ärzte, den Schlüssel für die Ursache, Behandlung und eine mögliche Verhütung dieser Erkrankung gefunden zu haben: „Der toxische Schock könnte die gefährlichste Form des durch Staphylokokken hervorgerufenen Scharlachs sein.“

Bis sich Ärzte, Forscher, Tamponhersteller und Betroffene geeinigt haben, kann noch viel Zeit vergehen. Jede Frau, die Tampons benutzt und weiterhin benutzen will, sollte sich über einige Fakten im klaren sein:

  • Während der Menstruation ändert sich durch das ausfließende Blut und durch den Schleim im Gebärmutterhals (Zervix) das sonst leicht saure Scheidenmilieu, es wird alkalischer. Das heißt, die sonst gut funktionierende „Bakterienfalle“ ist nicht so wirksam, es werden weniger Keime abgetötet. Durch das eingeführte Tampon können sogar noch Keime von den äußeren Genitalien mit eingeschleust werden.
  • Der während der Menstruation geöffnete Zervixkanal erleichtert spätestens nach dem zweiten oder dritten Periodentag Krankheitserregern den Durchgang zum Inneren der Gebärmutter, da nun weniger Blut ausgeschieden wird.

Lange in der Scheide getragene Tampons erhöhen diese beiden Gefahren, weil sie die Zersetzung der ausgeschiedenen Sekrete begünstigen. Auch andere Faktoren können das Abwehrmilieu in der Scheide schwächen: Scheidenspülungen, eingenommene Antibiotika, Diabetes, Östrogenmangel, bereits bestehende Infektionen, aber auch Empfängnisverhütungsmittel. Jede zusätzliche mechanische Reizung– wie etwa durch Tampons – führt zu weiteren Schäden.

Aus diesen Gründen können die Richtlinien der FDA, nach allen Bedenken vorgeschlagen, auch für Deutschlands Frauen empfohlen werden: Tampons sollten möglichst nur in den ersten Tagen der Menstruation benutzt, häufig ausgetauscht und am besten im Wechsel mit den bequem in die Unterwäsche einklebbaren Vorlagen (vor allem für die Nacht) verwendet werden.

Solche Vorsorge kann sich auswählen, auch wenn nicht gleich ein toxischer Schock droht. Denn eine langfristige Eileiterentzündung mit möglicher nachfolgender Unfruchtbarkeit ist unangenehm genug. Jutta Kamke