Mit Sicherheit ging nun etwas schief. Denn bei mehr als 90 Prozent der erkrankten Frauen fanden Gynäkologen den Krankheitserreger Staphylococcus aureus in der Vagina (dagegen nur bei acht bis zehn Prozent gesunder Frauen). Das Bakterium ist ein Verwandter des harmlosen Staphylococcus epidermis, das sich normalerweise auf der Haut sowie im Mund-, Nasen- und Rachenbereich ansiedelt. Das krankmachende Bakterium findet sich gewöhnlich nur in Eiterpickeln auf der Haut oder in Furunkeln. In der Vagina kann es sich rasch vermehren, vor allem, wenn ein Tampon lange in der Scheide bleibt. Dort sondern die Erreger einen Giftstoff (im Fachjargon: Toxin) ab, der mit Leichtigkeit ins Blut gelangt.

In einem Brief an das renommierte New England Journal of Medicine vermuten vier Ärzte des Massachusetts General Hospital in Boston, daß „das toxische Schock-Syndrom vom Rückfluß des gifthaltigen Menstruationsblutes aus dem Vaginalkanal durch die Eileiter in die Bauchhöhle verursacht wird, wo das Gift schnell absorbiert werden kann“.

Ist das Toxin erst einmal im Blut, bekommt die betroffene Frau plötzlich hohes Fieber. Wäßriger Durchfall und Erbrechen setzen ein, Muskelschmerzen und sonnenbrandähnliche Hautsymptome, besonders an den Innenflächen von Händen und Füßen, bilden sich aus. Der starke Verlust von Körperflüssigkeit bewirkt binnen kurzem eine krisenhafte Blutdruckerniedrigung. Wenn sie nicht sofort durch Flüssigkeitszufuhr bekämpft wird, kommt es zum Schock, zu Bewußtlosigkeit und schließlich zum Tod. Das toxische Schock-Syndrom soll amerikanischen Schätzungen zufolge allein in den USA etwa 2000mal pro Jahr auftreten und in zehn Prozent der Fälle tödlich enden.

Bislang gelang es den forschenden Ärzten nicht, das Schock-Syndrom im Tierversuch zu wiederholen und damit die Krankheitserreger in der Scheide als eindeutige Ursache festzumachen. Auch gibt es bisher keinen schnellen und sicheren Nachweis dieser Erkrankung. Selbst bei der Diagnose des sich rasch verschlimmernden Leidens bleiben Zweifel: Es waren ja auch einige Frauen erkrankt, die statt Tampons Binden benutzt hatten oder zu diesem Zeitpunkt gar nicht menstruierten. Schließlich waren 14 Kranke Männer, bei denen die Infektion vermutlich über einen Hautdefekt eingetreten war.

Das toxische Schock-Syndrom kann sogar mit einer erstmals 1927 bei drei Kindern beschriebenen, seltenen Erkrankung verwechselt werden – mit einer durch Staphylokokken ausgelösten Form des Scharlachs. Scharlach ruft fast deckungsgleiche klinische Symptome hervor, entsteht aber normalerweise durch Streptokokken-Bakterien, gegen die Penicillin wirksam ist. Der Erreger des toxischen Schock-Syndroms hingegen ist gegen Penicillin resistent.

Der Mikrobiologe Patrick Schlievert von der Universität von Kalifornien in Los Angeles glaubt trotz Skepsis anderer Ärzte, den Schlüssel für die Ursache, Behandlung und eine mögliche Verhütung dieser Erkrankung gefunden zu haben: „Der toxische Schock könnte die gefährlichste Form des durch Staphylokokken hervorgerufenen Scharlachs sein.“

Bis sich Ärzte, Forscher, Tamponhersteller und Betroffene geeinigt haben, kann noch viel Zeit vergehen. Jede Frau, die Tampons benutzt und weiterhin benutzen will, sollte sich über einige Fakten im klaren sein: