Teil eins des Skandals ist jetzt einen Monat alt. Auf einer Pressekonferenz verkündete der nordrhein-westfälische Ernährungsminister Bäumer, man habe in Babynahrung mit Kalbfleisch Spuren eines gesetzlich verbotenen künstlichen Östrogens entdeckt. Der Verkauf von Kalbfleisch ging schlagartig zurück; zwei Firmen nahmen ihre inkriminierten Produkte vom Markt; die Verbraucher – ausnahmsweise rechtzeitig und offen informiert – handelten nach dem richtigen Motto, daß der Geldbeutel die empfindlichste Stelle aller Produzenten ist.

Den Fachleuten der zuständigen Ministerien in Bund und Ländern blieb es in der vorigen Woche vorbehalten, diesem ersten Teil einen zweiten und schlimmeren anzufügen. Man wolle, so verlautbarten sie, künftig bei Fällen von Verstoßen gegen das Lebensmittelrecht nicht mehr umgehend die Öffentlichkeit informieren, es sei denn, eine unmittelbar drohende Gefahr müsse abgewendet werden. Vor der Information – und spürbaren Reaktionen der Käufer, so gilt es wohl zu ergänzen – wolle man sich erst über die tatsächliche Gefährdung verständigen, im Expertenkreis selbstverständlich.

Selten haben sich der Hochmut der Bürokratie, der Übermut der Experten ein deutlicheres Denkmal gesetzt: Ein klarer Gesetzesbruch darf erst publik gemacht werden, wenn die Spezialisten dies für richtig befinden, eben jene Spezialisten, die in der Regel allein solche Verstöße feststellen können. Daß Experten so denken, ist kein Geheimnis. Daß aber ein Staatssekretär in einem Bundesministerium, das für Jugend, Familie und Gesundheit zuständig zeichnet, solche Anmaßung auch noch absegnet, statt ihr unmißverständlich entgegenzutreten, wirft ein bezeichnendes Licht auf alle Versprechungen, die Umwelt einschließlich unserer Lebensmittel zu schützen.

Der mündige Bürger ist an der Wahlurne erwünscht, ansonsten aber zu unmündig, selbst zu entscheiden, was ihm schadet oder frommt. Die Behörde wird’s schon besser wissen. H. B.