Werden wir in den Kaufhäusern bald nur noch mit Kundenkarte einkaufen können? Werden wir genötigt sein, vor dem Kino- oder Theaterbesuch auf vorgeschriebenem Formular einen Antrag zu stellen?

Fragen sind das, die mir ein Mitbürger gestellt hat, der über die Formulare verärgert war, die ein Verkehrsverbund bei der Zeitkartenbestellung ausfüllen ließ. Es sind keine rhetorischen Fragen und keine Nebensächlichkeiten, sondern Äußerungen berechtigter Sorge, und sie lassen sich leicht durch andere, nicht minder unbehagliche Zukunftsvorstellungen ergänzen: Wie wird die Verwaltung – und hier ist die öffentliche wie die private Verwaltung gemeint – künftig ihren Informationsbedarf decken? Wie wird sich angesichts der Veränderungen im Informationswesen unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft verändern?

Die Verbreitung von Kundenkarten hat wirtschaftliche Gründe: Mit ihrer Hilfe kann Kredit schneller und risikoärmer eingeräumt werden, und daran haben nicht nur die Kreditnehmer, sondern vor allem auch die Kreditinstitute Interesse, sie leben davon. Die Kehrseite der Medaille: Wer Kredit einräumt, will etwas über den Schuldner wissen, braucht also Informationen, aus denen er auf die Kreditwürdigkeit schließen kann. Dies kann im Einzelfall geschehen; rationeller ist es, den Kredit mit einer Kredit-, Scheck- oder Kundenkarte gleich für längere Zeit einzuräumen; ihrer Ausstellung geht derselbe Vorgang der Informationsbeschaffung voraus: Antrag, Selbstauskunft, eventuell Befragung Dritter und – in steigendem Maße – Abfrage in einem Informationssystem, zum Beispiel bei der Schutzvereinigung für allgemeine Kreditsicherung („Schufa“).

Weil das alles so einfach erscheint und den Umsatz erhöht, verdrängt dieses System die Barzahlung immer mehr. Die Kinokarte wird man gewiß auch künftig bar bezahlen können, und auch am Zeitungskiosk wird man seinen Namen nicht angeben müssen. Aber dann endet auch schon bald der Kreis derer, die sich nicht für die Person des Kunden interessieren. Aufzeichnungen über geschäftliche Aktionen lassen sich zu Zwecken der Werbung und Marktforschung nutzen, die Anschriften zum Versand eigener Reklame oder – eine keineswegs seltene Praxis – zur Überlassung an Dritte.

Man kann Kaufentscheidungen analysieren, Trends vorausberechnen und damit die eigene Planung verbessern. Die Abrechnung über Güter und Leistungen wird durch Datenverarbeitung wesentlich erleichtert. Wo früher Streit über die Berechtigung einzelner Posten entstehen konnte, etwa bei den Telephonrechnungen der Post, hilft die differenzierte Aufzeichnung durch den Computer: Schon in sieben großen Städten der Bundesrepublik hat die Post mit Hilfe des elektronischen Wählsystems die Möglichkeit, jedes Gespräch mit Anrufer und Angerufenem zu registrieren – dann bleibt man also nicht einmal beim Telephonieren vom eigenen Apparat aus anonym (ein Verfahren, das gegenwärtig noch überprüft wird). Wen wundert es, wenn die Bürger angesichts solcher Entwicklungen fürchten, unter unerträgliche Kontrolle zu geraten?

Denkt man an die bevorstehende Einführung neuer Medien wie Bildschirmtext und Kabelfernsehen mit Rückkanal, so potenziert sich das Problem. Technisch wird es möglich sein, genau zu protokollieren, wie der einzelne Teilnehmer das Informationsangebot nutzt, ob er also bestimmte Texte, Filme, Magazine bevorzugt, ob er überwiegend kritische politische Sendungen auswählt oder stets das leichte Unterhaltungsprogramm einschaltet. „Sage mir, was einer liest, hört und sieht, und ich sage dir, wer er ist“ – diese Persönlichkeitsbestimmung könnte millionenfach praktiziert werden, wenn nur die Registrierung entsprechend eingerichtet würde. Bei der Kabelkommunikation mit Rückkanal könnten sogar die individuellen Äußerungen des Zuschauers aufgezeichnet und ausgewertet werden.

Daß solche Notierungen die Neugierde zahlloser Stellen von Marktforschungsinstituten bis zu Nachrichtendiensten wecken könnten, liegt auf der Hand. Die Kundendaten der Energieversorgungsunternehmen, deren Auswertung zu einer gezielten Fahndung kürzlich so starke Empörung verursacht hat, sind im Vergleich zu diesem Informationspotential geradezu dürftig.