Von Theodor Eschenburg

Nachtarbeit ist leidvolle Arbeit, hart und nicht selten gesundheitsgefährdend. Sie mag sich einschränken lassen. Zu entbehren ist sie nicht mehr. Gewiß, es gibt Frauen, die nur zur Nachtarbeit bereit sind, damit sie tagsüber wegen der Kinder zu Hause bleibet können; Dadurch werden die Leiden nicht gemildert.

Die Deutsche Postgewerkschaft verlangt jetzt einen stark verbesserten zeitlichen Ausgleich für Wechsel- und vor allem Nachtschichten. Das ist im Prinzip verständlich, wenn auch über das Ausmaß unterschiedliche Auffassungen bestehen. Verwunderlich ist nur, daß die Postgewerkschaft plötzlich so große Eile hat, daß sie deshalb Ultimaten stellt und Druck durch Warnstreiks ausübt, obwohl das Problem schon seit über dreißig Jahren besteht.

Was der Post recht ist, ist anderen, auf Nacht- und Wechselschicht angewiesenen öffentlichen Einrichtungen billig: der Bundesbahn, der Polizei und den Krankenhäusern, um nur wenige Beispiele zu nennen. Die Postgewerkschaft warnte den Post- und Verkehrsminister Gscheidle davor, sich von Bundesinnenminister Baum in dieser Frage „vereinnahmen“ zu lassen.

Tatsächlich gibt es kein Ministerium, das hier allein entscheiden könnte. Bei Angelegenheiten, die Geschäftsbereiche mehrerer Ressorts betreffen, müssen die Minister eine gemeinsame Lösung suchen. Das schreibt die allgemeine Geschäftsordnung der Bundesministerien vor.

Für Angelegenheiten des öffentlichen Dienstes, so auch für Gehalt, Löhne und Dienstzeitregelungen der Bundesbediensteten, ist der Bundesminister des Innern zuständig. Der Minister eines anderen davon betroffenen Geschäftsbereiches trägt, wenn er zustimmt, die Verantwortung für eine Entscheidung mit. Das wird sehr genau genommen. Eine einmal getroffene Entscheidung kann meist nur schwer abgeändert werden – vor allem, wenn es sich um eine Tarifvertragsbindung handelt. Das alles weiß die Postgewerkschaft.

Wenn sie also ihr Mißtrauen gegenüber dem liberalen Innenminister zu erkennen gibt, als ob er bei der erstrebten Ausgleichsregelung für den Schichtbetrieb aus Parteidoktrin Widerstand leistete und Verzögerung betriebe, so verspricht sie sich davon offenbar einen nachhaltigen Effekt. Ein Minister ist nicht in der Lage, seine Behörde von oben bis unten mit seinen Parteivorstellungen zu durchsetzen. Es gibt übergeordnete, öffentliche Interessen, denen auch er sich beugen muß.