In der Zielgeraden liegt Jimmy Carter leicht vorn – aber Ronald Reagan besitzt sichere Bastionen

Von Dieter Buhl

Washington, im Oktober

In der Endphase des Rennens um die amerikanische Präsidentschaft drängt sich die Frage auf: Wenn schon der Bundestagswahlkampf banal, brutal und langweilig gewesen ist, wie läßt sich dann die Auseinandersetzung zwischen Ronald Reagan und Jimmy Carter beschreiben? Sie war mindestens ebenso schlimm. Beschränkte sich der Ärger der Bundesbürger weithin auf die Flachheit der Debatte, so empören sich die Amerikaner nicht nur über das Niveau des Wahlkampfes, sondern mehr noch über die Statur der Matadore.

Amerika hat es nicht besser. Auch nicht, wenn der Präsidentschaftskampf noch einem unverhofften Höhepunkt entgegentriebe. Sollten die Geiseln noch vor dem kommenden Dienstag freigelassen werden, so fiele den Amerikanern zwar ein Stein vom Herzen. Doch Jimmy Carter, der davon profitieren könnte, wäre für die nächsten Jahre als ein Präsident von Chomeinis Gnaden gebrandmarkt. Die zweite denkbare Überraschung hatte ebenfalls einen peinlichen Beigeschmack: daß einer der beiden Kandidaten in der entscheidenden TV-Debatte einen schwerwiegenden Fehler begehen mochte und der unendlich lange Wahlkampf letztlich in anderthalb Fernsehstunden entschieden würde.

Die Präsidentenwahl als Glücksspiel – die Medien sind daran schuld. Allen voran sorgte das Fernsehen dafür, daß sich der Wettbewerb um das Weiße Haus vornehmlich auf die Frage verengte: Wer ist der Attraktivste und Zungenfertigste im ganzen Land? Fernsehfechtereien gehören zum Präsidentschaftswahlkampf, seit Politik elektronisch frei Haus geliefert wird. Nie zuvor aber fielen die Bildschirminszenierungen nichtssagender aus. Nur selten erbrachten sie weniger Aufschlüsse als diesmal. Weil allein die fernsehgerechte Präsentation zu Buche schlug, nicht Programm oder Persönlichkeit, behauptete Stanley Karnow, einer der besonnensten amerikanischen Journalisten, zu Recht: „Unter diesen Umständen wäre Abraham Lincoln nicht einmal zum Hundefänger gewählt worden.“

Profi eines Spektakels