Stuttgart

Lothar Späth, Baden-Württembergs wendiger CDU-Landesvorsitzender und Ministerpräsident, gruppiert um. Noch vor einem halben Jahr war er von Kreisstadt zu Kreisstadt im Ländle gereist, um die CDU davon zu überzeugen, daß nur der Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß die Einheit des rechten und des liberalen Flügels in der baden-württembergischen CDU retten könne. Nun, da die Bundestagswahl vorüber ist und die südwestdeutsche CDU mit 48 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren hat, setzt Späth wieder auf das „liberale Element“. „Wir können nur zulegen mit einer bürgerlichen Position“, verkündete er bereits in der Wahlnacht und deutete gleichzeitig an, daß von nun an der Kanzlerkandidat der Union nur Helmut Kohl heißen könne.

In der südwestdeutschen CDU hat man sich in den zwei Amtsjahren Lothar Späths zwar an einiges gewöhnt. Die neueste Kehrtwendung aber brachte selbst behäbige Christdemokraten aus der Fassung. Erwin Teufel, CDU-Landtagsfraktionschef und stellvertretender Parteivorsitzender, hielt sich diesmal mit Korrekturversuchen nicht zurück. Über den Kanzlerkandidaten, so widersprach er seinem Vorsitzenden, müsse die Union erst 1984 befinden. Es sei ein Unding, schon jetzt darüber zu reden. Und während Späth im CDU-Landesvorstand nach der Wahl kaum ein Wort über die Ergebnisse verlor, faßte ihn Teufel öffentlich am Revers. Die Schlappe dürfe nicht allzu schnell vergessen werden, denn es habe sich gezeigt, daß Baden-Württemberg keine exklusive Domäne der CDU mehr sei.

Auf der Gegenseite, bei der SPD und FDP haben sich ideologische und personelle Veränderungen ergeben, die den CDU-Fraktionschef nicht mehr ruhig schlafen lassen. Während die FDP unter ihrem jungen Landeschef Jürgen Morlok sich schon vor der Landtagswahl von der SPD abgekoppelt und mit großem Erfolg bei CDU-Wählern einen Kurs der Eigenständigkeit zwischen links und rechts angesteuert hatte, sind nun auch die Sozialdemokraten unter ihrem Eppler-Nachfolger Ulrich Lang dabei, wieder „die Breite einer Volkspartei“ ins Auge zu fassen. Vorbei scheinen die Zeiten, da Hans Filbinger SPD und FDP gleichermaßen in die linke Ecke zu stellen und auf diese Weise die absolute Mehrheit der CDU auf 56,7 Prozent auszubauen vermochte,

Lothar Späth indessen scheint dies alles nicht zu kümmern, Im Landesvorstand der CDU verloren auch seine Kritiker kein Wort über das Ergebnis der Bundestagswahl, Späth selbst hält sich seit Wochen auf merkwürdige Weise bedeckt. Vor der Landespresse tritt er kaum noch auf. Dort läßt er vielmehr seine Minister sprechen.

Statt dessen strebt er größere Dimensionen an. Hatte sich die christdemokratische Basis schon gewundert, daß der CDU-Vorsitzende seinen letzten Sommerurlaub nicht auf seinem Obstwiesle im Enztal, sondern in Korea verbrachte, so präsentierte der Regierungschef dem Publikum nach der Wahl weitere Reisepläne: Nach Brasilien und an die Elfenbeinküste soll es gehen. Schon seit Monaten wartet Späth auch auf eine Einladung aus Moskau. Das Terrain bereitete er erst kürzlich mit einem Interview im stern auf. Das Manko der Union, so Späth, liege in der „unverständlichen Kontaktschwäche zum Osten“, Um dem Mißverständnis zu begegnen, die Union sei gegen Entspannungspolitik, müßten ihre Repräsentanten „verstärkt Kontakte pflegen, und gesprächsbereit sein“. Späth diagnostizierte einen „Nachholbedarf“. Das Interview, exakt im Vorfeld einer absehbaren Liberalisierungskampagne der CDU plaziert, löste allerlei Spekulationen aus. Auf der Hand liegt, daß der agile Regierungschef seine Ausgangsposition für die Wahlen auf dem CDU-Parteitag Anfang März in Mannheim verbessern will. Späth bewirbt sich um den seit dem Sturz Filbingers verwaisten baden-württembergischen Sitz im CDU-Präsidium, muß jedoch gegen weitere Bewerber wie Kurt Biedenkopf und Bernhard Vogel antreten.

In Baden-Württemberg jedoch reichen die Vermutungen über den März 1981 hinaus. Da Späth bei seinen Auslandskontakten stets den wirtschaftlichen Gesprächen den Vorrang vor Objekten baden-württembergischer Entwicklungshilfe gibt, fragen sich manche CDU-Leute, welche Ziele sich Späth nun setzt. Der Verdacht, er strebe in die Bundespolitik, hat seit Landtags- und Bundestagswahlen mit ihren mäßig guten Ergebnissen an Brillanz verloren. Einleuchtender scheint dagegen der Gedanke, Späth könnte seine Ambitionen als früherer Manager der gewerkschaftseigenen Wohnungsbaugesellschaft „Neue Heimat“ wieder aktivieren und einen hochrangigen Job im internationalen Geschäft anpeilen. Daß er sich noch einmal auf das Wagnis einer Landtagswahl im Jahre 1984 einlassen könnte, halten Kenner der Szene jedenfalls für unwahrscheinlich, Denn: „Länger als sechs Jahre hat es Späth noch auf keinem Posten ausgehalten.“

Jörg Bischoff