Die einen schworen auf Alkohol, die ander ren haßten ihn. Raucher und Nichtraucher, Vegetarier und Fleischesser leben unter den Hundertjährigen. Die Suche nach bestimmten Ursachen, warum wenige Menschen ein biblisches Alter erreichen und die meisten anderen nicht, ist für Altersforscher von jeher eine kaum erfüllbare Aufgabe gewesen. Weil sie hoffen, bei extrem langlebigen Alten die gesuchten Ursachen deutlicher ausmachen zu können, interessieren sich Wissenschaftler besonders für einige Greise in Rußland, Pakistan und Ekuador: Dort leben Menschen, die behaupten, ihren hundertsten Geburtstag um mehrere Jahrzehnte überlebt zu haben.

Aber hier stoßen die Altersforscher auf noch fundamentalere Probleme: Die Angaben über die nirgendwo beurkundeten Lebensalterwerden nämlich immer wieder angezweifelt. Diesen Zweifeln wollen nun Jeffrey Bada und Stephen Brown ein Ende bereiten. Die beiden Wissenschaftler vom amerikanischen Scripps Institute of Oceanography an der Universität von Kalifornien in San Diego beabsichtigen, dem Alter der Supergreise auf den Zahn zu fühlen – vorausgesetzt, das Seniorengebiß birgt noch einen. Brown und Bada entwickelten nämlich eine Methode, die es gestattet, das Alter von menschlichen Zähnen und damit das Lebensalter eines Menschen zu bestimmen.

Was für Roßhändler nur eines kurzen Blickes in das Maul des Gaules bedarf, erfordert beim Menschen wissenschaftliche Kleinarbeit. Einige chemische Substanzen wie etwa die Aminosäuren, die Bausteine aller Eiweißmoleküle, besitzen die •verblüffende Eigenschaft der sogenannten optischen Aktivität. Hinter diesem Schlagwort verbirgt sich ein Phänomen, das den menschlichen Sinnen entgeht und nur mit speziellen Meßgeräten nachweisbar ist: Die Moleküle optisch aktiver Stoffe drehen die Schwingungsebene des hindurchstrahlenden Lichtes (Licht ist eine elektromagnetische Schwingung). Solche optisch aktiven Moleküle vermögen Licht sogar in verschiedene Richtungen zu drehen, im oder entgegen dem Uhrzeigersinn. Sie heißen dann rechtsdrehend oder linksdrehend.

Bei Aminosäuren beginnt ein Teil der ursprünglich in der Überzahl vorhandenen linksdrehenden Moleküle ihre Drehrichtung zu ändern, sobald sie ein im Stoffwechselprozeß stabiles Eiweißmolekül bilden. So stellt sich langsam ein Gleichgewicht zwischen Aminosäuren beider Drehrichtungen ein; die Geschwindigkeit dieses Prozesses hängt von der Temperatur ab.

Eiweißmoleküle, die ein Leben lang stabil bleiben, sind in unserem Organismus relativ rar. Aber nachdem Bada und Brown in den menschlichen Zähnen solche Eiweißstoffe gefunden hatten, war für die Forscher ihre Vorgehensweise klar: Aus der Kenntnis unserer durchschnittlichen Körpertemperatur und dem Messen des gegenwärtigen Verhältnisses von links- zu rechtsdrehenden Aminosäuren kann auf das Zahnalter zurückgeschlossen werden.

Erfolgreich getestet haben die Kalifornier ihre Methode an Zähnen, die ihnen Zahnärzte von Patienten bekannten Alters besorgten. Und nun warten die Forscher auf Zähne aus Rußland. Sowjetische Kollegen wollen sie ihren Ältesten ziehen. Horst Güntheroth