DIE ZEIT: Herr Wiesenthal, nach der Welle der linksterroristischen Anschläge der letzten Jahre vergeht neuerdings in Europa kaum eine Woche ohne Attentate neonazistischer Bombenleger und Provokateure. Droht nun – 35 Jahre nach dem Ende der nazifaschistischen Diktaturen – wieder Gefahr von der extremen Rechten?

WIESENTHAL: Bereits kurz nach dem Weltkrieg entstanden in Europa neonazistische Organisationen: die „Europäische Sozialbewegung“, die „Europäische Neue Ordnung“, die „Euro-Destra“, um nur die wichtigsten zu nennen. Dies waren die Sammelbecken der Neonazis mit Abteilungen in den verschiedenen europäischen Ländern. All diese Leute haben geglaubt, wenn der Kalte Krieg sich in einen heißen verwandelt, dann werden sie wieder eine wichtige Rolle spielen. Und sie haben jede Gelegenheit für sich instrumentalisiert: Nationalitätenfragen wie Südtirol, die Auseinandersetzung zwischen Flamen und Wallonen, die Algerienkrise, die Frage der Kärntner Slowenen...

DIE ZEIT: Kann man mit wahllos gelegten Bomben in Europa wieder Politik machen?

WIESENTHAL: Nein, noch haben die rechten Attentäter keine Chance. Die Terrorakte und alles, was sie machen, sollen nur ein Beweis sein: „Wir existieren, und unsere Zeit wird kommen.“ Wobei vor allem ein völlig neuer Aspekt zu beachten ist: Die extreme Linke befruchtet die extreme Rechte und umgekehrt.

DIE ZEIT: Eine terroristische Spirale nach dem Motto: Was die können, können wir auch?

WIESENTHAL: Nein, das ist etwas anderes. Zwar lernt einer vom anderen, in diesem Fall die Rechten von den Linken, das sieht man ja vor allem auch bei Prozessen gegen Neonazis in Deutschland: Die Taktik der Anwälte unterscheidet sich durch nichts von der Taktik der RAF-Anwälte. Das eigentliche Problem ist aber ein anderes. Die extreme Rechte warf dem Staat vor, er könne nicht einmal die paar Baader-Meinhof-Leute bezwingen – und immer mehr riefen nach einem neuen Hitler, unter dem es wenigstens eines gegeben habe: Ordnung. Diese Entwicklung mobilisierte wiederum die extreme Linke: in Spanien wie in Italien, in Frankreich wie in Deutschland.

DIE ZEIT: Und da blieb natürlich die Idee einer internationalen Zusammenarbeit nicht aus, wobei man...