Darüber besteht denn doch noch Einigkeit: Alle Lehrer sollten optimal ausgebildet werden; in diesem Punkt ist für Pädagogen nur das Beste gut genug. Der Deutsche Bildungsrat erhob einst die Qualität der Lehrer gar zu einer „Lebensfrage“. Seit Jahrzehnten freilich wird darüber geklagt, daß Lehrer zu schlecht vorbereitet werden. Drei der wesentlichen Vorwürfe lauteten: das Studium dauere zu lange; es sei zu wenig auf die spätere berufliche Praxis ausgerichtet; durch die verschiedenen Ausbildungsstätten – Universitäten für die einen, für die anderen „nur“ Pädagogische Hochschulen und die ungleiche Besoldung komme es zu einem sehr unterschiedlichen Sozialprestige, und daraus wiederum resultierten die „Jahrhundertkämpfe zwischen Studienräten und Volksschullehrern“ (Ralf Dahrendorf).

Im Jahre 1970 einigte sich die Kultusministerkonferenz deshalb im Grundsatz auf ein Konzept für eine neue Lehrerausbildung. Sie soll auf zwei Prinzipien beruhen. Zum einen orientiert sich die künftige Ausbildung nicht mehr wie bisher an den Schulformen (Grund-, Haupt-, Real-, Ober-, Berufsschule), sondern an den Entwicklungsstufen der Kinder: Primarstufe (Klasse 1–4); Sekundarstufe I (die Klassen 5–10 der Haupt-, Real- und Oberschule); Sekundarstufe II (die Klassen 11–13 der Gymnasien und berufliche Schulen).

Zum anderen müssen alle Lehrer, egal welcher Stufe, ein fachwissenschaftliches und ein fachdidaktisches Studium absolvieren; dadurch soll den einen, den bisherigen Grund- und Hauptschullehrern, künftig mehr Wissenschaft, den anderen aber, den bisher zu theoretisch ausgebildeten Studienräten, mehr didaktische Praxis vermittelt werden.

Der Vereinbarung der Kultusminister folgten spezielle. Lehrerausbildungsgesetze in den Bundesländern, zum Beispiel 1974 in Bayern und Bremen, 1975 in Nordrhein-Westfalen. Das Lehrerstudium befindet sich also gegenwärtig in einem tiefen Umbruch. Die Reform wird aus sehr unterschiedlichen Interessen von CSU und SPD, von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und dem Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband mitgetragen und ist noch nicht abgeschlossen. Die ersten „neuen“ Pädagogen dürften 1981 ihren Dienst antreten. Dennoch darf es bereits heute als gewiß gelten, daß auch die neue Lehrerausbildung nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Die vier wichtigsten Bedenken:

1. Die von der Verfassung vorgeschriebene „Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse“ in der Bundesrepublik steht in der Lehrerausbildung auf dem Spiel. Fast jedes Bundesland nämlich ist bestrebt, im Rahmen der Kultusministerabsprache eigene politische Vorstellungen zu verwirklichen, so daß von Einheit wohl bald keine Rede mehr sein kann. In Bremen zum Beispiel soll es nur ein einziges Lehramt mit einem Acht-Semester-Studium geben – in Bayern dagegen gilt für Primär- und Sekundarstufe I ein sechssemestriges Studium, nur für die Sekundarstufe II ein achtsemestriges. In beiden Ländern soll die Ausbildung an Universitäten stattfinden. Nordrhein-Westfalen dagegen bevorzugt die integrierten Gesamthochschulen.

2. Manchem Lehrerstudenten und Referendar fehlt es an Selbständigkeit. Einige kommen doch ein bißchen angeknackst in die Schulen und zeigen eine so hohe Sensibilität, daß – nach einem Spottwort, älterer Kollegen – im Vergleich zu ihnen Mimosen nachgerade als robuste Blumen gelten könnten. Junglehrer haben häufig Schwierigkeiten, den Zwängen des pädagogischen Alltags zu folgen. Hier und dort rührt die Verunsicherung daher, daß während des Studiums zu wenig konkrete Fakten vermittelt wurden; bei anderen Referendaren schlagen die ungewisse Arbeitsplatzsituation (rund 15 000 Lehrer sind arbeitslos) und familiäre Existenzsorgen durch.

3. Der von der Sache her absolut begründete Anspruch, auch Primarstufen-Lehrer stärker als bisher wissenschaftlich auszubilden, führt schon seit längerem an den Pädagogischen Hochschulen zu einer fragwürdigen Entwicklung: zur Verwissenschaftlichung und einer gelegentlichen Pseudo-Wissenschaftlichkeit. Auch PH-Studenten beschweren sich darüber, daß ihr Studium zu theoretisch und wirklichkeitsfremd, zu illusionär und praxisfern werde. Typische Klage einer Volksschullehrerin: „Man ist in der Praxis wie einer, der ins Wasser geworfen wird.“