In diesen Tagen meines Aufenthaltes in der Bundesrepublik wurde ich häufig auf das Schicksal des Schriftstellers Peter Paul Zahl angesprochen. Man hat mir von den Umständen seiner Inhaftierung berichtet und davon, daß wohl keine Zweifel erlaubt sind, daß er persönlich weit jenseits der Terroristenszene steht. Wenn ich Sie mit diesem Brief bitte, ihn endlich zu begnadigen, so wollen Sie das bitte nicht als eine Anmaßung ansehen, sondern einen Akt des Mitleidens und der Liebe.

Der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1980, der Priester, Dichter und Kulturminister von Nicaragua, Ernesto Cardenal, in einem Brief an den Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, den „Querido amigo Johannes Rau“.

Dramatiker Augstein

Die Anzeige in der FAZ ließ nichts Gutes ahnen: „Rudolf Augstein. Einziges Theaterstück ‚Die Zeit ist nahe‘, 1947 in Hannover uraufgeführt und durchgefallen, Typoskript mit einigen handschriftlichen Korrekturen, vielleicht Unikat, aus Privathand abzugeben gegen Höchstangebot unter B C 291452 an die Frankfurter Allgemeine, 6 Ffm. 1, Postfach 2901.“ Dahinter steckte diesmal wirklich ein kluger Kopf: der frühere Reporter im Berliner Spiegel-Büro und jetzige ZDF-Moderator Reinhart Hoffmeister hatte sich den Spaß erlaubt, eines der wenigen erhaltenen Exemplare von Rudolf Augsteins Frühwerk solchermaßen im Wert zu testen. Ein Reinfall schändet nicht, und von Leopold Schwarzschilds „Sumpf“ bis zu Günter Gaus’ „Zwei Striche im Unendlichen“ haben viele namhafte Journalisten voller Selbstironie mit ihren Jugendsünden gelebt. Augstein dagegen, das berichtet nun der genüßlich die grotesken Dialoge zitierende Hoffmeister im Magazin Lektüre, mochte so souverän nicht sein. In Nr. 45/1947 des Athenäum-Nachdrucks vom Spiegel findet man zwar den munteren Verriß nicht gelöscht – „Es dauerte etwas, bis man sich dem traditionellen Genuß des Beifallsspendens einigermaßen hingab. Ein vorsorglich bestellter Photograph trat in Aktion und hielt den Applaus bei Blitzlicht im Bilde fest. Es wurde eine ausgesprochene Momentaufnahme ...“; aber sonst möchte der Herausgeber die Erinnerung an sein szenisches Gleichnis offenbar lieber ausgelöscht sehen: eine Einladung per „lieber Rudolf“, im Rahmen einer literarischen Rückschau im Fernsehen auch eine Szene zu inszenieren (mit anschließender Diskussion), wurde per „lieber Reinhart“ abschlägig beschieden. Nun grübelt Hoffmeister, ob die Offerte, mit der sich das Hamburger Auktionshaus Hauswedell auf die Anzeige „im Auftrag eines Kunden“ meldete, womöglich gar vom vermöglichen Autor kam. Man sei nämlich, hieß es da, bereit, jedes „Höchstgebot zu überbieten“.

Kein pardon

Die Deutschen sind ein Volk von ganz eigenem Humor – dafür, daß dies auch in Zukunft so bleibt, bürgen jetzt gleich zwei heitere Presseorgane: die neckische Titanic und das neue pardon, das nun, nachdem es von Hans A. Nikel und anderen endgültig ins Abseits gewitzelt worden war, in die Obhut des Neuen Konkret Verlages und des Entertainers Henning Venske, der als Chefredakteur agiert, geraten ist. „Zersetzend – unfair – geschmacklos“ zu sein, gelobt das neue Blatt seinen Lesern (und Gegnern) – mit der ersten Nummer erfüllt es allenfalls den dritten Teil des Versprechens. Hören wir den neuen pardon-Originalton: „Die ZEIT ist die einzige Zeitung, bei der sich auch Blähungen konzertant äußern. Die FAZ ist die einzige Zeitung für reiche Analphabeten mit Abitur. Der stern ist die einzige Zeitung, die sich ein Kalkvorkommen als Chef-Redakteur hält.“ Das ist pardons Pressesatire. „Kohl in seiner abgründigen Dummheit... Strauß in seiner dumpfen Machtgeilheit... Schmidt in seinem demokratischen Outfit“ – das ist der „zersetzende Witz“ von Chefredakteur Venske, der sich (leider keine Satire) auf Carl von Ossietzky beruft. Die Gipfelzone der Satire erreicht pardon in einem Offenen Brief an die „Herren“ Augstein, Biedenkopf, Gross und Novotny: „Von Geburt an nach Vergrößerung strebend wurde Euer Wachstum jäh gestoppt. Gnomenwuchs zeugt einerseits nicht selten Größenwahn, doch andererseits: wem der Hosenbund des Nachbarn den Horizont markiert, dem gelingt vieles nur unterhalb der Gürtellinie... ihr Wichte allesamt: wachst Ihr eigentlich über Euch hinaus, wenn Ihr auf Helmut Schmidt herabsehen wollt?“ Zwerchfellerschütternd: das Wort „wachsen“ war zunächst mit „i“ geschrieben, der falsche Vokal ist mit Filzstift korrigiert. So verbinden sich in pardon zwanglos der Witz von Schülerzeitungen, der Geist von Herrenabenden und die Grazie von schlagenden Verbindungen zu einer wirklich ganz neuen deutschen (alt-deutschen) Form von Heiterkeit. Ach, Venske – mit der linken Faust auf den Biertisch hauen, daß es kracht und spritzt, ist das schon Satire, ist das schon Sozialismus?