Zählen Sie auch zu den Menschen, die behaupten, daß Bergsteigen unnütze Kraftverschwendung sei? Zu denen, die sich lieber am weißen Sandstrand die Sonne auf den Pelz brennen lassen, als stundenlang einen Rucksack auf Gipfel hinaufzuschleppen, um dann bei Einbruch der Dunkelheit wieder zerschunden zu Tale zu stolpern? – Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind die satte Mehrheit. – Seit einer Bergwanderung in den rumänischen Südkarpaten ist mein bisher so festgefügtes Weltbild freilich etwas ins Wanken geraten.

Das Ziel war Draculas Heimat, waren die Transsilvanischen Alpen, gut tausend Kilometer und viele sieben Berge hinter der österreichischen Grenze bei Salzburg. Wir wollten nicht in die als Wintersportgebiete bekannten Gebirge wie Bucegi, Fogarasch oder Retezat; Freunde aus Bukarest hatten den Geheimtip verraten – das Parîng-Massiv.

Unser Aufstieg beginnt in Voineasa, einer Kleinstadt südlich von Sibiu. Hier lassen wir das Auto stehen und schultern die Rucksäcke. Die ersten Kilometer noch geteerte Straße, dann stapfen wir auf Schotterwegen durch eine herrliche Schlucht in Richtung Petrosani. In steilen Serpentinen windet sich der Weg durch dichte Latschen- und Fichtenwälder, dazwischen weit auslaufende Hänge. Es wird schnell einsam, nur hin und wieder begegnet uns ein Waldarbeiter, dann ein Hirte. Inmitten der endlosen Wälder übernachten wir auf einer kleinen Lichtung. In der hereinbrechenden Dunkelheit wirken die Berge geheimnisvoll düster und bedrohlich, ganz so, wie Draculas Heimat zu sein hat.

Doch am nächsten lag ist der Eindruck verflogen; bei strahlendem Sonnenschein erreichen wir nach insgesamt 35 beschwerlichen Kilometern Fußmarsch den Vidra-See, der erste von fünf geplanten Stauseen entlang des Flusses Lotru. Wir sitzen erschöpft vor dem Zelt, trinken reichlich Wein und können uns nicht sattsehen an dem riesigen See. Eingeschlossen von breiten Bergrücken funkelt und glitzert er in der Abendsonne, im klaren, blaugrünen Wasser tummeln sich ungezählte Fische. Kein Laut ist zu hören, kein Mensch zu sehen, nur zwei winzige Punkte am anderen Ufer, Wanderer wahrscheinlich. Todmüde kriechen wir in unsere Schlafsäcke.

Nur zehn Kilometer von unserem Rastplatz entfernt liegt die Cabana Ubîrsia Lotruliu, eine Unterkunftsstation. Das einfache, aber gute Gasthaus mit zehn kleinen Holzhütten, eher Zelt als Haus, nur einen Steinwurf entfernt vom Fluß, bietet Schutz vor dem plötzlich hereinbrechenden Gewitter. Fast überall in den Bergen finden sich diese Cabane (Hütten). Die Unterbringung ist nicht luxuriös, aber preiswert, zwei Personen zahlen zwischen 70 und 120 Lei (10 bis 18 Mark) für die Übernachtung. Das gilt allerdings nur für westliche Touristen, Einheimischen wird für die Unterkunft nur ein knappes Drittel des Preises abverlangt.

Einsamkeit und Ruhe freilich scheint nicht das zu sein, was viele Rumänen übers Wochenende in den Bergen suchen. Ihre aus der DDR eingeführten Zweitakt-Trabanten quälen sich stinkend die Bergwege hinauf. Und die Familie ist immer dabei: Opa, Oma, Eltern, Kinder; die Autos voll bepackt bis zum Dach. Am Abend verschwindet die Besatzung einschließlich Fernsehgerät in der Hütte, Grillwürste verkohlen auf dem ordentlich geputzten Rost – deutsche Kleingärtneridylle in Transsilvanien.

Am Ufer des Lotru campt eine rumänische Jugendgruppe, zwischen ihren Zelten weiden Pferde, Schweine graben das Flußufer auf; eines sucht einen ruhigen Platz im Zelt. Wir beschließen, ein paar Tage zu bleiben und den malerischen Platz als Ausgangspunkt für Tagestouren zu nehmen. Nach Timpa, einem kleinen Bergdorf, sind es nur zwei Stunden, ein Katzensprung gegen die Gewaltmärsche der ersten Tage.