Von Rudolf Herlt

In den fünfziger Jahren haben sich führende Mitglieder des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin noch dagegen verwahrt, daß man mit Hilfe der Konjunkturforschung in die Zukunft schauen könne. Sie hielten die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für ein Mittel der Diagnose, keinesfalls aber der Prognose. Die Gesamtrechnung könne allenfalls eine Problemprognose liefern, meinten sie. Heute werden in den Kalendern von Politikern, Ökonomen und Journalisten zwei Termine mit einem dicken Ausrufungszeichen versehen: Die Gemeinschaftsdiagnosen der fünf wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute im Herbst und Frühjahr eines jeden Jahres. Und niemand beklagt, daß sie mit einem Ausblick in die Zukunft gekrönt werden. Das neueste Gutachten dieser Art wurde in dieser Woche vorgelegt (siehe Seite 18).

Fünf Institute – das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin, das HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg, das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung München, das Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel und das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung Essen – sind heute im Vorfeld politischer Entscheidungen gefragte Ratgeber. Sie haben keineswegs eine Alibifunktion für die amtliche Wirtschaftsanalyse und -politik; sie liefern nicht etwa nur Argumentationshilfen für wirtschaftspolitische Maßnahmen; sie haben auch nicht nur Trägerdienste in der öffentlichen Meinungsbildung zu leisten: Sie haben – wie ihnen Hans Friderichs, der jetzige Vorstandssprecher der Dresdner Bank, als Bundeswirtschaftsminister bescheinigte – eine „originäre unabhängige Aufgabe zu erfüllen, indem sie die Wirtschaftsressorts der Regierung und die Öffentlichkeit vorurteilsfrei und politisch unvoreingenommen beraten und informieren“.

Fünf Institute, die sich in der Federführung abwechseln, untereinander durchaus, in scharfem wissenschaftlichen Wettbewerb stehen und die Ziele der Wirtschaftspolitik unterschiedlich akzentuieren, legen zweimal im Jahr eine Beurteilung über „die Lage der Weltwirtschaft und der westdeutschen Wirtschaft“ vor. Das tut nicht jedes Institut für sich, sondern alle fünf liefern eine Gemeinschaftsdiagnose ab. Da fünf Nationalökonomen bekanntlich sechs verschiedene Meinungen vertreten, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, wie die fünf Konjunkturforscher das Kunststück fertigbringen, am Ende mit einer Stimme zu sprechen.

Der Genauigkeit halber muß freilich gesagt werden, daß volle Einmütigkeit trotzdem nicht immer herzustellen ist. Für diesen Fall haben die Götter ihren Lieblingen den erhellenden Gedanken des Minderheitsgutachtens eingegeben. Es wird von den Konjunkturforschern sparsam – es darf jeweils nur eines geben –, aber mit Leidenschaft genutzt, zwei von ihnen machten abwechselnd öfter Gebrauch davon.

Mut muß man den fünf Tapferen schon bescheinigen. Denn ihre Diagnosen und Prognosen müssen sich dem Popperschen Kriterium für die Tragkraft wissenschaftlicher Erkenntnisse stellen, dem Falsifizierbarkeitstest. Oft genug wird dieser Test bestanden, erweisen sich also die Erkenntnisse als falsch. Die Trefferquoten sind nicht alle Jahre gleich hoch. So war das Jahr 1975 ein Rekordjahr der Fehlprognosen. Noch im Herbst 1974 hat niemand die Rezession vorausgesagt. Es gab Zeiten, da die Fehlprognosen auch die Konjunkturpolitik beeinflußt haben.

Das Verfahren, mit dem die Konjunkturforscher einmütige Aussagen herbeiführen, ähnelt dem der Papstwahl. Sie begeben sich in Klausur und bleiben lange genug zusammen, um das Ergebnis schließlich unisono verkünden zu können. Da für Konjunkturforscher anders als für Kardinäle die vierte Dimension der Zeit eine Rolle spielt, sind ihre Sitzungen keine open-end-Klausuren. Nach zehn Tagen wird erwartet, daß weißer Rauch Einigkeit signalisiert.