Vor dem Feierlichen Gelöbnis in Bonn

/ Von Karl-Heinz Janßen

„Bitte, bitte, keine Verkitschung der so ernsten Aufgabe des heutigen Soldatseins zulassen!“

Bundespräsident Theodor Heuss

Angeblasen wird. Denn abblasen will und kann Verteidigungsminister Hans Apel den Großen Zapfenstreich nicht mehr, allen Widerständen zum Trotz. Es werden also am Mittwoch nächster Woche, wenn die Bundeswehr ihr Silberjubiläum begeht, auf dem Bonner Münsterplatz hundertfünfzig Rekruten unter nächtlichem Himmel bei Fackelschein und Trommelwirbel ihr „Feierliches Gelöbnis“ ablegen. Nach den üblen Erfahrungen in Bremen und anderen Orten wiederholt sich in der Bundeshauptstadt das unwürdige Schauspiel, daß zur Feier mehr Polizisten als Soldaten aufgeboten Werden müssen.

In lutherischer „Dennoch“-Pose hat sich Hans Apel auf Großkonzert und Ordensverleihung nicht mehr verstehen und obwohl die Parteijugend gegen ihn aufsteht, zum Schaden für das Ansehen der Sozialdemokratie, zum Schaden auch für die Streitkräfte und die Republik.

Apel ist der dritte sozialdemokratische Wehrminister nach Noske und Leber, der sich von der Öffentlichkeit und den eigenen Genossen unverstanden sieht. Sein Verhalten ist von der Sorge beherrscht, „daß“ – so hat er es am Montag in der Frankfurter Rundschau kundgetan – „der Zapfenstreich für viele nur ein Vehikel ist, um ihre Ressentiments gegen die Bundeswehr, gegen die Nato und gegen andere Entwicklungen der Sicherheitspolitik zu artikulieren“.

Vorwand für Proteste

Da würden ihm jene „Chaoten“ und jene Anhänger der „Rote Armee-Fraktion“, die in Bremen mit Steinen und Molotow-Cocktails gegen die Bundeswehr anrannten, sicherlich nicht widersprechen. Aber auch den Jungsozialisten und Jungdemokraten und den vielen Tausenden junger Leute, die friedlich demonstrieren, geht es um mehr als eine nach ihrer Ansicht falsche Traditionspflege. Sie erheben ihre Stimme aus willkommenem Anlaß zugleich gegen neue Atomraketen auf deutschem Boden und gegen eine, wie sie glauben, entspannungsgefährdende Außenpolitik, für eine demokratische Erziehung der Soldaten und für das uneingeschränkte Recht auf Kriegsdienstverweigerung.

Aber warum ihnen dann ohne Not durch ein provozierend altväterliches Schauspiel überhaupt erst den Vorwand liefern? Warum auf Biegen und Brechen Traditionen in Fußballstadien und auf Marktplätzen ausbreiten, welche, um den Bundeswehrreformer Graf Baudissin zu zitieren, aus Zeiten stammen, die den Wehrpflichtigen „weder politisch noch beruflich etwas sagen“?

Das Bundesverteidigungsministerium hält solchen Bedenken entgegen, das öffentliche Gelöbnis habe sich längst zu einer eigenen Tradition der Bundeswehr entwickelt. Tatsächlich wurden bereits im Mai 1957 zum erstenmal in mehreren Städten Verpflichtungsfeiern und Großer Zapfenstreich kombiniert, sogar im hanseatisch-kühlen Hamburg. Niemand hat anscheinend damals daran Anstoß genommen. Warum nur ist dieses Zeremoniell seit den Bremer Mai-Krawallen so ins Gerede gekommen?

Wer so fragt, übersieht, daß Bremen nicht einfach vom Himmel gefallen ist. Allerlei Beweggründe flossen in jener (von Radaubrüdern mißbrauchten) Demonstration zusammen: die Vorbehalte vieler Jugendlicher gegen Bundespräsident Carstens (wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit), die durch Afghanistan, Iran und „Nachrüstung“ hervorgerufene Krisenangst (noch geschürt von Helmut Schmidts Anspielung auf 1914), die Sorge um den Fortbestand der Entspannungspolitik (die man durch eine demonstrative Nato-Feier gefährdet sah).

Mittlerweile ist auch Hans Apel der Gedanke gekommen, einiges am Zapfenstreich könne anachronistisch sein. Gleichwohl hält er daran fest. Er möchte wohl alten Soldaten nicht weh tun, denen spätestens, wenn der Choral ertönt, die Augen naß werden.

Nicht einmal Journalisten sind davor gefeit, von der weihevollen Stimmung angesteckt zu werden. So lesen wir in einem Zeitungsbericht über eine Gelöbnisfeier vor dem Hamburger Rathaus im Dezember 1977: „Als der Befehl kommt ‚Helm ab zum Gebet‘, schlagen von der nahen St.-Petri-Kirche die Glocken 21 Uhr. Höhepunkt der feierlichsten aller militärischen Zeremonien, dem Gelöbnis... Die Lampen auf dem Rathausmarkt verlöschen, Fackeln werden angezündet, flackern im kühlen Wind... alle (Soldaten) in Kampfjacke, Stahlhelm und Schnürschuhen... über denbeiden Pauken gelbe Behänge mit dem Bundesadler... der Große Zapfenstreich – anrührend, sentimental. 5500 Zaungäste, viele Senatoren, Generäle, Konsuln und Politiker sind ergriffen. Trommelwirbel und Posaunenklänge verhallen im Wind. Ein großer Abend geht zu Ende.“

Die Unterschiede in Meinung und Geschmack sind unüberbrückbar. Für Verteidigungsminister Franz Josef Strauß war der Große Zapfenstreich „feierlicher Ausdruck des Ernstes, mit dem der Soldat seine Pflicht erfüllen soll“ – zur gleichen Zeit mokierte sich Bundespräsident Heuss über die Militärmärsche, die im Zeichen der Motorisierung nur noch für Platzkonzerte geeignet seien, um Zivilisten aufzumuntern. Was Hans Apel für sinnvolle Tradition hält, erscheint manchem Genossen als „unerträgliches Brimborium“, als „vorsintflutliche Form“. Der bayerische Sozialdemokrat Rudi Schöfberger sprach aus, was viele denken: öffentliches Militärgepränge und geschmückte Ordensbrüste paßten zur Bundeswehr „wie Pickelhauben und Vorderlader zur Atombombe“.

Apel will nach den Feiern über die Tradition mit sich reden lassen. Er hätte besser vorher schon darüber nachgedacht. Immerhin beginnt der Traditionserlaß der Bundeswehr aus dem Jahre 1965 (den Apels Parlamentarischer Staatssekretär viele Monate nach seinem Amtsantritt noch nicht einmal gelesen hatte) mit dem programmatischen Satz: „Tradition ist Überlieferung des gültigen Erbes der Vergangenheit.“ Was aber ist am Großen Zapfenstreich „gültiges Erbe“ – gültig im Sinne des demokratischen Neuanfangs nach 1945?

Die Tradition des Zapfenstreichs reicht zurück bis in die Landsknechtszeit, als der Profos mit seinem Trommler abends von Schänke zu Schänke zog, um durch einen Schlag auf den Zapfen des Wein- oder Bierfasses die Sperrstunde anzuzeigen. Unter den ersten Preußenkönigen wurden die Signale (Locken, Rühren, Blasen) in Noten gesetzt und die Nachtruhe in ein strenges Reglement gebracht. So mußte der gemeine Soldat, hatte er den Zapfenstreich verpaßt, anderntags „sechsmal durch die Gassen laufen“. Gültige Tradition? Erst die Reformer Scharnhorst und Gneisenau haben dieses Spießrutenlaufen abgeschafft und die „Freiheit des Rückens“ dekretiert.

Das pseudo-religiöse Ritual des Zapfenstreichs jedoch ist nicht einmal deutschen Ursprungs; es stammt – wie das „Hurra“-Geschrei – von den Russen. Nach der blutigen, unentschiedenen Schlacht bei Groß-Görschen am 2. Mai 1813, in der sich die verbündeten Preußen und Russen mit den Franzosen gemessen hatten, ritt König Friedrich Wilhelm III. abends über die Kampfstätte, von der – so wird uns überliefert – „das Wimmern und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden schaurig zu hören war“.

Da vernahm der Preußenkönig aus dem russischen Lager den Zapfenstreich mitsamt dem Choral, den Dmitrij Bortnjanskij, der Leiter der kaiserlichen Kapelle in St. Petersburg, komponiert hatte. Seine Majestät waren „tief ergriffen“, zumal die Soldaten zum stillen Gebet das Haupt entblößten. Ein paar Monate später, am 10. August 1813, als nach längerem Waffenstillstand der Freiheitskrieg gegen Napoleon wiedereröffnet wurde, erließ Friedrich Wilhelm III. eine Kabinettsordner, durch die der „russische Zapfenstreich“ auch im preußischen Heer eingeführt wurde, weil „es mein Wille ist, daß meine Truppen auch in Hinsicht der Gottesverehrung keinem anderen nachstehen sollen“.

Alter als die russische Melodie ist der unterlegte Gesangstext, den Gerhard Tersteegen im Kriegsjahr 1757 dichtete: „Ich bete an die Macht der Liebe/die sich in Jesus offenbart/ich geb’ mich hin dem freien Triebe/wodurch auch ich geliebet ward/ich will anstatt an mich zu denken/ins Meer der Liebe mich versenken.“

Dieses Gemisch aus russischer Seele und pietistischer Frömmigkeit könnte wohl auch von christlichen Kriegsdienstverweigerern ebenso inbrünstig gesungen werden wie von rauhen Kriegern. Nur hatte der Apostel Paulus, durch dessen Brief an die Epheser (5, 2) der Dichter inspiriert wurde, anderes im Sinn. Ihm ging es um die Pflichten der Ehegatten.

Die heutige Form des Großen Zapfenstreiches ist die Schöpfung eines Zivilisten, des genialen Musikers Wilhelm Friedrich Wieprecht, der 1838 vom preußischen König zum „Direktor der Musikchöre der Garde“ berufen wurde. Dieser Wieprecht muß ein wahrer „Showmaster gewesen sein – drei Jahrzehnte lang ergötzte und amüsierte er die Berliner mit Riesenkonzerten und anderem Brimborium. Zu Ehren des Zaren Nikolaus inszenierte er 1838 die „Uraufführung“ des Großen Zapfenstreichs – mit 1086 Militärmusikenrund 150 Spielleuten. Er hatte das alte Zeremoniell ergänzt um die Retraite – das Zapfenstreichsignal der Kavallerie – und die Serenade, ein Potpourri alter Regimentsmärsche, die beliebig zusammengestellt werden können. Nur für den Einmarsch ist der „Yorcksche Marsch“ von Beethoven vorgeschrieben. Unter Wilhelm I. kam die Sitte auf, in Gegenwart des Monarchen die Kaiserhymne zu spielen, allerdings vor dem Gebet. Heute kommt nach Gott noch das Vaterland, in Gestalt der Nationalhymne – diesen Brauch hat sich, weniger stilvoll als die Monarchie, erst die Weimarer Republik geleistet. Auf den Choral mochte nicht einmal das Dritte Reich verzichten: nur ersetzten die Nationalsozialisten gelegentlich die Anbetung christlicher Liebe durch „Die Himmel rühmen“ oder das Niederländische Dankgebet.

„Geschmackloses Ritual“

Obwohl der Zapfenstreich nach dem Zweiten Weltkrieg durch ungezählte Aufführungen auf Wein-, Musik- und Schützenfesten zu einem Evergreen herabgewürdigt wurde, hat ihn die Bundeswehr in ihr Traditionsrepertoire übernommen. Mit ihm verabschiedet sie ihre höchsten Militärs und ehrt sie verdiente Politiker. Doch nach Ansicht einer ihrer Reformer aus der Stunde Null taugt das Zeremoniell „nur für den Intimgebrauch der Bundeswehr“. Graf Baudissin, der den Eid der Berufs- und Zeitsoldaten und das feierliche Gelöbnis der Wehrpflichtigen sehr ernst nimmt, wollte verhindern, „daß aus dieser intimsten und persönlichen Handlung wieder eine pompöse und anonyme Kollektivschaustellung wird... ein Zwangsmittel, das den anderen mit Haut und Seele unterwirft“, oder, wie es einer seiner einstigen Mitarbeiter salopper formuliert: daß „Öl auf Gefühle gegossen wird, damit der Befehl besser rutscht“.

Nicht alle Gegner des Zapfenstreichs wollen auch das öffentliche Gelöbnis (vor geladenen Gästen in der Kaserne oder vor allen Bürgern auf dem Marktplatz) abschaffen. Es ist ja wahr: Die Bundeswehr ins Getto verbannen, hieße dem Konzept vom „Bürger in Uniform“ zuwiderhandeln. Das wäre auch politisch töricht. Einer der Kritiker, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD im Bundestag, Horst Ehmke, hat bereits im August die politische Führung der Bundeswehr darauf aufmerksam gemacht, wo die jetzt praktizierte Form den demokratischen Grundgedanken widerspricht: den Choral empfindet er als „Geschmacklosigkeit“, den Befehl „Helm ab zum Gebet“ als „politische und religiöse Unmöglichkeit“. Einzig angemessen sei die Nationalhymne.

Es hat an Vorschlägen-nicht gefehlt, das Jubiläum der Bundeswehr volkstümlich und zeitgemäß zu gestalten: mit Straßenfesten, Veteranentreffen, Diskussionen, historischer Rückschau, Einladungen an Eltern, Arbeiter, Studenten. Doch Apel lud nicht einmal die hundert Soldaten der ersten Stunde dazu.

In 25 Jahren hat die Bundeswehr eine eigene Tradition herausgebildet, auf die sie mit Recht stolz sein kann: freiheitlich, rechtsstaatlich, auf die Erhaltung des Friedens ausgerichtet, auf die Menschenrechte verpflichtet. Doch was von all dem zeigt sie öffentlich vor? Das Traditionsverständnis ihres obersten Befehlshabers scheint sich im Rückgriff auf vordemokratische, biedermeierliche Rituale zu erschöpfen: Tradition ist Militärmusik. Sollte das wirklich die Bundeswehr sein, wie die Bürger sie sich wünschen?