Ein Inquisitionsprozeß – wird vom Vatikan neu aufgerollt Es geht um die Frage: War die Kirche wissenschaftsfeindlich?

Von Gerhard Prause

Als „größter Skandal der Christenheit“ ist der Prozeß gegen Galileo Galilei in die Weltgeschichte eingegangen; weithin gilt Galilei noch heute als der zu Unrecht verurteilte Märtyrer, der von den Inquisitoren in den Kerker geworfen wurde, weil er an einer ihnen unbequemen Wahrheit festhielt: „Und sie bewegt sich doch!“, nämlich die Erde um die Sonne, was die rückständigen Vertreter der katholischen Kirche allen Beweisen zum Trotz aber nicht hätten einsehen wollen.

In Wahrheit jedoch ist dies ein primitives Klischee, eine verfälschende Lesebuchgeschichte, eine Legende, die unsterblich zu sein scheint, obwohl sie von Fachhistorikern längst korrigiert und ihre Korrektur von Bestsellerautoren – am eindrucksvollsten wohl von Arthur Koestler – verbreitet wurde.

Genau einhundertsiebenundsiebzig Jahre ruhten die Akten und Protokolle des Galilei-Prozesses unberührt im streng gehüteten Geheimarchiv des Vatikans. Dann, 1810, ließ Napoleon, nachdem er Rom und den Kirchenstaat besetzt hatte, sie nach Paris schaffen. 1845 wurden sie dem Vatikan zurückgegeben, unter der ausdrücklichen Bedingung, die der Vatikan auch erfüllte, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Andere Quellen kamen hinzu. So die Berichte des toskanischen Gesandten in Rom über den Prozeß an seine Regierung in Florenz; Galilei war ja Mathematiker am Hof der Medici und stand also unter dem Schutz des Herzogs beziehungsweise dessen Gesandten und wohnte während des Prozesses, der vom 12. April bis zum 22. Juni 1633 stattfand, zeitweise in der florentinischen Botschaft, zeitweise in einer Dreizimmerwohnung im Vatikan. Und eine weitere Quelle sind Galileis eigene Briefe.

In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts setzte dann die Forschung ein, besonders forciert von evangelischer Seite in Deutschland. Das war kein Zufall; es war die Zeit von Bismarcks „Kulturkampf“ gegen die katholische Kirche, und gerade da sollte die Legende vom fortschrittlichen Wissenschaftler und der rückständigen Kirche wissenschaftlich bestätigt werden. Aber überraschenderweise kamen die Historiker zu einem ganz anderen Bild, als man es sich bis dahin gemacht hatte, was aber damals kaum beachtet wurde und was viele selbst heute noch nicht wahrhaben wollen.

Alles nur Hypothesen