Eine neue Übersetzung der Werke des französischen Dichters – und Jacques Rivieres Rimbaud-Studie

Von Peter von Becker

„Ich erfand die Farbe der Vokale! ... Ich bestimmte Form und Bewegung jedes Konsonanten und schmeichelte mir, mit den Rhythmen des Instinkts eine poetische Sprache zu erfinden, die eines Tages allen Sinnen verständlich sein sollte. Die Übersetzung hielt ich zurück ... Ich schrieb das Schweigen, die Nächte, ich notierte das Unsagbare.“

Arthur Rimbaud: „Alchemie des Wortes“

Schriftsteller von Talent und Rang wechseln gelegentlich ihren Stil und die poetischen Themen, ihre politischen Ansichten, die Moral oder das Medium – oder bringen sich am Ende auch um. Aber daß ein bedeutender Dichter zu Lebzeiten und ohne zumindest von Alter, Blindheit oder Wahnsinn geschlagen zu sein, das Dichten einfach einstellt, ist eine Ungeheuerlichkeit. Und vollends skandalös, legt jener Attentäter am eigenen Werk von seiner jähen Unfähigkeit oder Unbilligkeit, auch fürderhin Literatur zu erfinden, nicht wie der Hofmannsthalsche Lord Chandos wenigstens noch eine längere (literarische) Rechenschaft ab.

Andererseits, als Rossini eines Tages der Kunst des Komponierens überdrüssiger war als der des Kochens, schuf solcher Wandel der Berufung selbst unter den unmusikalischen Liebhabern des Einfalls, einer Scheibe zart gebratener Tournedos auch etwas Trüffelleber und Tomate aufzulegen, dem Künstler noch ein zweites, bislang unsterbliches Angedenken...

Große Kunst, große Poesie ist immer die Ausnahme. Die Poesie Arthur Rimbauds aber ist die Ausnahme schlechthin und der Schriftsteller Rimbaud ein Kaspar Hauser der Literaturgeschichte. Denn obwohl man über sein Leben fast alles zu wissen glaubt, was man von einem fremden Leben gemeinhin zu glauben weiß, weiß niemand ganz gewiß, woher der Furor, der nur wenige Jahre durch Arthur Rimbauds Leben fegte, kam, wohin er spurlos gewichen: der Furor, auf dem Papier zu phantasieren, sehr früh, sehr schnell – und alles schon aus, ehe überhaupt so etwas wie ein Bildnis des Dichters als junger Mann entworfen war. Im Alter von Neunzehn, offenbar in den ersten Monaten des Jahres 1874, faßte Rimbaud den Entschluß, keine Gedichte und keine poetische Prosa mehr zu schreiben. Bis dahin war er ein „Kind mit unversehrtem, bösartigem Herzen, mit einer tyrannischen Unschuld“ (Jacques Rivière). Der in der ardennischen Kleinstadt Charleville geborene Rimbaud war der Junge mit den „blauen Augen und den Apfelbäckchen, mit der plumpen Figur und den großen Händen und Füßen eines Bauerntölpels, mit der brüchigen Stimme des Heranwachsenden und dem nordfranzösischen Provinzakzent“ (Edmund Wilson).