Tanzdiele auf dem Vulkan

Jede Meinung über die „sterbende Hauptstadt" ist falsch, jedes Vorurteil hat seine Berechtigung Von Barry Graves

l erlin, so sagt man, wird das New York der aditziger Jahre sein", orakelte 1978 die bri"tische Musikzeitschrift Melody Maker und der amerikanische Guru der alternativen Stadtarchitektur Nikolaus H. Ritter sekundierte im Dropout City von Westeuropa und damit auf eine neue Weise politisch aktiv zu werden "Auf Wolf Jobst Siedler hingegen, der ehemals mit dem kunstwissenschaftlichen Propyläen Verlag das einzige renommierte Springer Objekt an der Mauer leitete, wirkt die westliche Halbstadt so „derangiert wie eine Kokotte", die — so ergänzt der halblinke Reiseführer „Berlin — ein Handbuch" zustimmend — „sich noch mal richtig schminkt und aufdonnert, bevor es zu spät ist". Immerhin: Das macht die Stadt lebenswert, der Augenblick ist wichtig, nicht eine imaginäre Zukunft.

„Berlin ist so entsetzlich kaputt, und das törnt uns an", bekennt Knut Schaller von der PunkBand „PVC", die Live Darbietungen ihres „Wall City Rock" mit Stacheldraht Dekorationen, Blockade Dias und dem Geheul von Bombenalarm Sirenen zu garnieren pflegt — „Berlin hat die gleichen Vibrationen wie New York City", schwelgt wiederum Maestro Leonard Bernstein — verwunderlich für jeden, der bisher in New York das schöne, wilde Raubtier unter den Städten sah und Berlin (West) höchstens als asthmatische Hyäne einschätzte.

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David Bowie jedenfalls war enttäuscht. Der britische Rockstar landete vor zwei Jahren auf der Suche nach stimulierender „Cabaret" Dekadenz lediglich in den Armen der transsexuellen Star Imitatorin Romy Haag. Er verpetzte, nachdem er zwei Langspielplatten lang die kosmische Teutonen Schwermut der Schöneberger Synthesizer Band „Tangerine Dream" ausgebeutet hatte, Christopher Isherwood in Andy Warhols Klatsch Gazette „Interview": „Für ihn war es auch eine der langweiligsten Städte, die er je in seinem Leben aufgesucht hat. Aber er mußte ja irgend etwas schreiben, und da hat er eben ein Berlin gefunden, das es so gut wie nie gegeben hat "

Macht nichts — welches Berlin Bild stimmt schon? Jede Meinung über die „sterbende Hauptstadt" ist falsch, und alle Vorurteile gegenüber der „bröckelnden Subventionsruine" haben ihre Berechtigung. Die Politiker, die dieser Stadt eine „Über "Lebensperspektive vorzeichnen sollen, wissen selbst nicht oder wußten nie zu sagen, wie sich Berlin (West) inmitten von Deutschland (Ost) begreifen soll „Brückenkopf" sagen die einen unentwegt, „Frontstadt" meinen die anderen noch immer; ein „Las Vegas an der Spree" haben manche projektiert, und auf ein „Abschreibungs Paradies" haben einige wenige zum Schaden der Stadt viel zu lange spekuliert. Planer, von Bonner Wiedervereinigungs Illusionen ferngesteuert, verbauten die Stadt zu einer der häßlichsten Metropolen Europas, schufen ein ödes Provisorium, das mit diversen ästhetischen Gewaltstreichen und architektonischen Prunkfesten protzt, eine geistige Kraft und visionäre Begabung der Verantwortlichen hingegen, gänzlich vermissen läßt.

Zum Abstieg in Polkwitzer Kleinkariertheit trugen auch die Medien über Jahrzehnte beharrlich bei. Die Springer Presse führte auf Dauer wahre Possen an politischer Traumtänzerei und provinzieller Selbstverblendung auf, assistiert vom Sender Freies Berlin, dessen Fernsehabteilung den Bundesbürgern ständig suggerierte, Berliner Kultur bestehe nur aus Paul Liiicke Schnurren und Paulchen Kuhn Swing. Schrippen Humor und Buletten Seligkeit werden von der offiziellen Berlin Werbung zwar noch immer nach Westdeutschland verkauft, aber sie sind nicht mehr das einzige Angebot im „Schaufenster West Berlin".

Während die in wirtschaftlichen Krämpfen zuckende Stadt immer weniger qualifizierte Facharbeiter anzulocken versteht, hat die Saga von der relativ liberalen Oase, der Frei Stadt zwischen den Welten, der Tanzdiele auf dem Vulkan, jede Menge unruhiger Geister zu einer Massenflucht aus der Provinz animiert. 100 000 alternative Aussteiger werkeln nun schoa im Off ihrer weitgehend autarken Kieze. Ihre Läden, Kneipen, Zeitungen und Theatergruppen vermitteln ein neues Berlin Bewußtsein, das mit der alten „Ich bin ein Berliner"- Selbstüberschätzung nichts mehr zu tun hat.

Mehr noch: Die kulturellen und sozialen Äußerungen dieser Underground Gegenöffentlichkeit vermag die monopolisierte Presse nicht mehr zu reflektieren. Sie kann sie aber auch nicht gänzlich ignorieren; dazu ist deren Reputation über die Grenzen Berlins hinaus zu sehr angestiegen — ob es sich nun um Kindertheater, Literaten, Musiker von Punk bis Jazz, Subkultur Filmer oder Modemacher(innen) handelt. Auf die lokalpolitischen Forderungen dieser neuen Schicht reagiert der Senat vor allem hilflos. Obergehen mag er die neuen Ansprüche nicht mehr, wenngleich sie oft genug mit dem Hinweis auf die angeblichen Belange der schweigenden Mehrheit erst mal abgeschmettert werden. Stadtmagazine wie Tip oder Zitty multiplizieren die Kunde vom alternativen Milieu und seinem kulturellen Angebot.

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