Das Ritual ist vertraut, aber die Botschaft klingt anders als früher. Mit gesammeltem Ernst treten, wie immer zur Jahreswende, die Politiker vor das Volk und reden von den Herausforderungen der Zukunft.
Er möge „den fatalen Fehler“ vermeiden, „den Kommunismus in diesem Lande künstlich einzupflanzen“. So riet Moskaus Außenminister Tschitscherin 1921 dem neuen Vertreter des Kreml in Afghanistan.
Dreimal in den letzten zwanzig Jahren meldeten sich die türkischen Generäle zu Wort. Das erste Mal henkten sie den Regierungschef, das zweite Mal schickten sie ihn nur in die Wüste.
In Indien hat Indira Gandhi einen überwältigenden Wahlsieg errungen. Das war möglich, weil es keine wirkliche Alternative zu ihr gab und nicht etwa deshalb, weil die Wähler ihrer schlimmen Notstandszeit nachträglich die Rechtfertigungsweihen verleihen wollten.
Die sowjetische Invasion in Afghanistan hat in Bonn einhellige Beteuerungen der Solidarität gegenüber den Vereinigten Staaten ausgelöst – so wie es der dreißigjährigen Tradition der westdeutschen Außenpolitik gegenüber dem lebenswichtigen und absolut unverzichtbaren Verbündeten entspricht.
Achtzig Tage lang befinden sich die fünfzig amerikanischen Geiseln von Teheran mittlerweile in Gefangenschaft. Nicht nur Psychiater können sich vorstellen, welch äußerem Zwang, welch innere Spannung, welcher Persönlichkeitsverformung sie ausgesetzt sind.
Seit der Berliner Luftbrücke im Winter 1948/1949 hat es kein Ereignis gegeben, das die Situation der Welt mit einem einzigen Schlage so total verändert hat wie der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan.
Die klassischen Olympischen Spiele wurden im Jahre 394 durch kaiserliches Dekret verboten. Die romantischen Olympischen Spiele begannen, geistig vorbereitet auch von deutschen Denkern wie den Historikern Niebuhr und Curtius, 1896 in Athen, und Hauptinitiator war der französische Baron Pierre de Coubertin, der die Deutschen eigentlich nicht dabei haben wollte.
Gibt es Krieg? Nach langer Zeit tauchte das Wort an der Jahreswende zum erstenmal wieder in den Neujahrsbotschaften auf. Giscard benutzte es gleich dreimal; der Papst malte in drastischem Detail die Schrecken eines Atomkonflikts aus; und das Bulletin of the Atomic Scientists, auf dessen Titelblatt amerikanische Kernphysiker seit 1947 symbolisch kundtun, welche Stunde der Menschheit schlägt, rückte den Zeiger von neun Minuten vor zwölf auf sieben Minuten vor zwölf – nach dem Einfall der Sowjets in Afghanistan wollen ihn die Herausgeber auf fünf vor zwölf stellen.
Die „Grünen“ sprechen sich Mut zu. Ihren mühseligen Kongreß zum Auftakt des Landtagswahlkampfes in Baden-Württemberg stilisieren sie zum „großen Erfolg“ hoch.
Wer hoch oben eine Lawine losgetreten hat, muß nicht unbedingt schuld sein an der Katastrophe im Tal. Dies ist aber auch der einzige Trost, der dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg bleibt: Er konnte nicht ahnen, daß sein niedersächsischer Kollege Ernst Albrecht aus der Kündigung des Staatsvertrages über den Norddeutschen Rundfunk ein medienpolitisches Debakel machen würde.
Die Wahlkampfstrategen teilen das Los der Wirtschaftspropheten: Ihr Kalkül ist unsicher geworden. Seit dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan und noch mehr seit den danach folgenden außenpolitischen Turbulenzen stimmen die bisherigen Überlegungen nicht mehr.
Seit dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan ist die Versuchung groß, die internationale Politik wieder ausschließlich unter dem Aspekt des Ost-West-Konflikts zu sehen.
Der Zufall ist schon einigermaßen bemerkenswert: Gerade als in Bonn bekannt wurde, daß Bundeskanzler Schmidt dem sowjetischen Staats- und Parteichef Breschnjew einen Brief geschickt hatte, beschrieb Außenminister Genscher den Platz der Bundesrepublik in der internationalen Politik so: „An der Seite der Vereinigten Staaten und nicht zwischen den beiden Supermächten.
Ein neutrales Afghanistan, der Rivalität der beiden Weltmächte entzogen – so stellen sich die neun Außenminister der Europäischen Gemeinschaft die Lösung der Krise vor.
Die afghanischen Verwerfungen in der Weltpolitik bringen auch die innerdeutschen Gesetzmäßigkeiten durcheinander: Zum ersten Male zögert Bonn und nicht Ostberlin, sich auf neue gemeinsame Vorhaben einzulassen.
Wenn man vom Olymp kommt, ist man klüger. So kann es nicht verwundern, daß einige Mitglieder des Bundestags-Sportausschusses nach ihrer Rückkehr aus Lake Placid auffällig kluge Sprüche machten.
Wessen Zahlen er denn da benutze, so lautete die boshafte Frage Herbert Wehners an den stellvertretenden SPD-Vorsitzenden, Bundeskanzler Helmut Schmidt; eigene oder die der CDU/CSU? Der Fraktionsvorsitzende tadelte damit Schmidts durch Zahlen fundierte Bedenken gegen die Finanzierbarkeit der Rentenreform-Vorschläge, die eine von Herbert Wehner geleitete Kommission erarbeitet hatte.
Der Kostenanteil, den die Europäer für die von Helmut Schmidt im Bundestag beschworene, glaubwürdige, gemeinsame westliche Politik zur Bewältigung der Afghanistan-Krise tragen sollen, wird wahrscheinlich eine Höhe erreichen, die der Bundeskanzler selbst nach seinen Gesprächen mit dem amerikanischen Präsidenten in dieser Woche nicht klar abzusehen vermag.
Sie wetterten gegen Mauer und Stacheldraht, wie es die Springer-Presse nicht besser könnte. Breschnjew karikierten sie als neuen Hitler, Honecker als seine Marionette.
Die Kunst, mit Widersprüchen zu überleben, stößt selbst in Italien auf Grenzen. So jetzt die paradoxe Vorstellung, die sich die neue, von nur knapper Mehrheit getragene Parteiführung der Democrazia Cristiana zurechtgelegt hat: Man brauche nur die Achse der Partei ein wenig nach rechts zu verlagern, um links brauchbare Koalitionspartner zu finden.
Die deutschen Politiker, die in der letzten Zeit Washington besuchten, haben allesamt das gleiche beobachtet: Die Berater des Präsidenten messen die Qualität der Entscheidungen Carters daran, ob sie seine Wahlaussichten verbessern oder nicht.
Inzwischen ist es fast schon festes Ritual: Die Opposition stürzt sich auf Herbert Wehner Und schilt ihn als Mann der Sowjets, als Moskaus beflissensten Interpreten.
Seit sieben Jahren gehört England zur Europäischen Gemeinschaft. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der die anderen Nationen sich unter diesem Dach eingerichtet haben, die Vorteile ungeniert ausschlachten und die Unzulänglichkeiten zähneknirschend und nur gelegentlich aufmuckend ertragen, hat sich in London nicht eingestellt.
Ideen, die zu kraftlos sind, um die Wirklichkeit zu gestalten, sind nur „müßiges Geschwätz und Wehgeschrei über das, was sein sollte, aber nicht ist“ – so meinte, etwas zu streng für einen liberalen Philosophen, Benedetto Croce.
Jimmy Carters Schonzeit – der traurige Krisenbonus der Teheraner Geiselaffäre – ist abgelaufen. Seine Niederlagen in den Vorwahlen von New York und Connecticut bestätigen nur, was die Meinungsumfragen schon seit Februar verkündeten: Das Volk will action – gegen Zins- und Inflationsraten, die inzwischen auf die 20-Prozent-Marke zusteuern, gegen die scheinheiligen Ajatollahs, die Amerikas Ehre und seine gefangenen Bürger wie abgegriffene Schachfiguren auf dem Brett der eigenen Innenpolitik hin- und herschieben.
Einen Augenblick lang leuchtete im Teheraner Geiseldrama ein Hoffnungsschimmer auf: Die fünfzig Gefangenen, so schien es vor Ostern, würden den radikalen Botschaftsbesetzern entwunden und in die Obhut der iranischen Regierung übernommen werden.
Günter Mittag in Bonn – ein deutsches Wunder? Der Wirtschaftslenker der DDR, von dessen ökonomischem Balanceakt auch Erich Honeckers politisches Schicksal abhängt, auf Visite bei Lambsdorff und beim Kanzler – während die beiden Weltmächte den Handel stornieren, Besuche annullieren, Dialoge blockieren.
Als Königsmacher für Bonn haben sich die Düsseldorfer immer gefühlt, manchmal waren sie das auch. Wahlen in Nordrhein-Westfalen sind immer kleine Bundestagswahlen, ein Test für die wirtschaftliche Lage und die emotionale Grundverfassung der ganzen Republik.
Ein Fall, zwei Vorgänge, und beide gleichermaßen beschämend. Der eine spielte im Orient: Eine Mutter aus Milwaukee wollte ihren Sohn wiedersehen, die jüngste der 51 Geiseln, die seit fünf Monaten in der Teheraner Botschaft festgehalten werden.
Tiefe Ratlosigkeit herrscht unter den Olympioniken. Unausweichlich rückt der Termin heran, bis zu dem allerorten im Westen die Sportler sich entscheiden müssen, ob sie dem Beispiel der Amerikaner folgen und den Spielen in Moskau fernbleiben oder nicht.
In der Nacht von Mogadischu war Henry Kissinger einer der ersten, die dem Bundeskanzler zu dem gelungenen Handstreich des GSG-9-Kommandos gratulierten und seinen Mut zur befreienden Tat priesen.
Viele Anhänger der CDU ähneln gegenwärtig Reisenden im Wartesaal. Sie überlegen sich, ob sie in den geplanten Zug einsteigen, den Zug wechseln oder lieber die Reise auf einen späteren Termin verschieben sollen.
Die Sachwalter des olympischen Sports ziehen alle Register: Am Sonntag trafen sich die Vertreter von 18 europäischen NOKs in Rom, „um zu retten, was zu retten ist“.
Hat in Nordrhein-Westfalen die SPD gesiegt und die Koalition verloren? Die Sorge um den Koalitionspartner hat viele Sozialdemokraten in Bonn und Düsseldorf daran gehindert, ihren Triumph vom vergangenen Wochenende auszukosten.
Zum ersten Male seit dem russischen Einmarsch in Afghanistan wird am Freitag dieser Woche in Wien der Dialog zwischen den beiden Weltmächten auf höchster Ebene wieder aufgenommen – zwischen dem neuen US-Außenminstier Edmund Muskie und seinem sowjetischen Amtskollegen Andrej Gromyko.