...und schaute aufs Meer

Die Briten haben ihre eigene Art, besiegte Gegner zu ehren. Einen vierspaltigen Nachruf ohne Gehässigkeit widmete die Times dem Manne, der Großbritannien im Zweiten Weltkrieg an den Rand des Abgrunds brachte: dem deutschen Großadmiral Karl Dönitz, der am Heiligabend als hochbetagter Pensionär nahe dem Sachsenwald gestorben war. Nicht wenige alliierte Seeoffiziere würden an seiner Bahre den Degen senken. Doch der ehemalige Befehlshaber der Unterseeboote, der letzte Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, der letzte Oberbefehlshaber der Wehrmacht und des Deutschen Reiches letzter Präsident wird ohne militärische Ehren beigesetzt. Nicht erst Bundesverteidigungsminister Hans Apel war es, sondern sein Vorgänger Franz Josef Strauß, der befand, Dönitz könne kein Vorbild der Bundesmarine sein.

Für viele seiner Kameraden ist der Großadmiral dennoch beispielhaft geblieben: ein Soldat ohne Fehl und Tadel, anständig, ritterlich, treu, ein Mann, der immer seine Pflicht erfüllt hat. Sie hielten zu ihm auch während seiner zehnjährigen Haft im Kriegsverbrechergefängnis Spandau. Über das Nürnberger Urteil haben sogar ausländische Militärs den Kopf geschüttelt: Selbst nach Meinung des amerikanischen Richters ist Dönitz „wegen Lappalien“ belangt worden. Freigesprochen dagegen wurde er von der Anklage, er habe einen völkerrechtswidrigen U-Bootkrieg geführt.

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Nicht freisprechen kann man Dönitz jedoch von dem Vorwurf, Tausende von U-Boot-Matrosen sinnlos geopfert zu haben, als die Schlacht im Atlantik längst verloren war. Was er im Atlantik zugelassen hatte, wiederholte sich beim Endkampf um den Brückenkopf Tunis. Dönitz scheute um des sturen Durchhaltens willen nicht vor, unmenschlichen Befehlen zurück – mit einer Härte, die auch sich selbst nicht schonte: Seine beiden Söhne sind auf See geblieben. Ein Militärhistoriker und Korvettenkapitän der Bundesmarine bescheinigt ihm „skrupellose, verlogene Anpassung an den militärischen Dilettantismus des ‚Führers‘ “.

Nur ein einziges Mal hat Dönitz einem Befehl nicht gehorcht: im Mai 1945, als er entgegen dem testamentarischen Willen Hitlers so rasch wie möglich den Krieg beendete. Darin liegt sein historisches Verdienst. Hunderttausende deutscher Soldaten-und Zivilisten verdanken seinen verzweifelt-vernünftigen Entscheidungen, daß ihnen der Weg nach Sibirien erspart blieb.

Also doch ein Staatsmann? Verstockt beharrte der Memoirenschreiber auf seinem Nur-Soldatentum, als hätte es sein herzliches Verhältnis zu Hitler nie gegeben. Für die Verbrechen des Dritten Reiches hatte er nur ein Achselzucken übrig: „Was sollte ich denn tun? Ich saß am Atlantik und schaute aufs Meer.“ Er wollte nie einsehen, daß ein Offizier in seiner Stellung über seinen militärischen Fachbereich hinausdenken muß. Dönitz hat, militärisch wie politisch, versagt. Kein Vorbild für die Bundeswehr. kj.

 
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