War Hitler Neger? In die Tanzgruppe von zwölf „Hitlerdoppelgängern“, die krachend über die Bretter steppen, den Arm zum „Hitler-Gruß“ hochreißen und mit dem schwarzen Bärtchen auf der Oberlippe wackeln, prescht ein dunkelhäutiger Adolf und kreischt ins Mikrophon: „Der Führer bin ich.“ Aber auch er wird von Attentätern umgelegt. Über die Leichen stiefelt der „richtige“ Führer und befiehlt seinem Stellvertreter Göring, sofort dreizehn neue Doppelgänger zu rekrutieren. Dann beugt er sich über den Marschallstab seines dicken Kompagnons und beißt die verzuckerte Blätterteig-Spitze ab.

War Fallada ein Hallodri? Auf die Bühne des für acht Millionen renovierten und nicht schöner gewordenen Schiller-Theaters schlendert der von Ost- nach West-Berlin beurlaubte Schauspieler Hilmar Thate. In zerknittertem dunklem Anzog, aus dessen Rocktaschen das Rowohlt-Taschenbuch von Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ schaut, balanciert Thate über den Orchestergraben, wo Wolfgang de Gelmini über eine 13-Mann-Band herrscht. „Was’n das für ’ne furchtbare Laune hier?“ biedert sich der Conférencier Thate dem Publikum an. Er stellt sich vor als der 1893 geborene Rudolf Ditzen, der sich als Schriftsteller Hans Fallada nannte und 1947, von Alkohol, Kokain und Morphium zerrüttet, in Berlin gestorben ist. Dann singt er ein Chanson auf den Text: „Ich bin der Hans im Glück“ und lädt die 1100 Premieren-Gäste, vergeblich, zum Mitsingen ein.

Sowenig Hitler, wenn wir uns recht erinnern, ein Neger oder der fröhliche Gebirgs-Seppl in Lederhosen und Jägerhütchen war, als welcher er in Berlin auch über die Bretter tollt, sowenig war Fallada ein quicker Show-Master.

Jetzt machen wir mal alles anders – das ist die Devise für Peter Zadeks neue Arbeit, die er „Revue“ nennt. Die offene Form, denkt man, kommt der Arbeitsweise dieses Regisseurs entgegen. Seine Inszenierungen in den sechziger und frühen siebziger Jahren hatten anarchische Kraft (und Charme). Davon ist in dieser sich über fünf Stunden hinziehenden Revue nichts übrig geblieben. Kalte Perfektion, totaler Drill. 160 Darsteller, wenn ich recht gezählt habe, unter ihnen eine Kompanie präzis agierender Statisten, eine Motorrad-Artisten-Gruppe der Polizei, eine Feuerschluckerin, ein sangeskundiger Transvestit aus Paris, und viele singende, bravourös. steppende und berlinernde Gören bewegen sich so exakt wie die Drehbühne und die von dem Licht-Künstler André Diot gesteuerten Scheinwerfer. Viel wird bewegt, im Zuschauer nichts.

Ein schreiendes Mißverständnis herrscht zwischen der stillen, rührenden Fabel von Falladas letztem Roman „Jeder stirbt für sich allein“ und der Zurichtung für die Bühne, wozu Zadek sich der Mitarbeit großer Künstler versichert: Jerôme Savary (Revuen), Dieter Flimm und Johannes Grützke (Bühnenbild und Prospekt-Entwürfe), Barry Collins (Choreographie), Charles Lang (Bewegungsregie und Kämpfe), Erwin Bootz (musikalische Leitung), Hartmut Lange (Texte der Fallada-Szenen).

Ja, höre ich Zadek sagen, genau dies wollten wir: das schreiende Mißverhältnis. Die wüste Geschichte Deutschlands unter Hitler soll wüst gezeigt werden. Da soll niemand Tränen verdrücken über das tapfere Arbeiter-Ehepaar von Falladas Roman, das einen hoffnungslosen Kampf gegen das Mord-Regime der Nazis wagt. Der Irrsinn einer Nation von Mitläufern und Spitzeln, Mördern und Opfern kann nicht in einem adrett gebauten, heroischen Drama gezeigt werden, allenfalls in einer kreischend überdrehten, auf „guten Geschmack“ pfeifenden Nazi-Horror-Picture-Show.

Weshalb werden all diese richtigen theoretischen, Überlegungen für die Aufführung nicht fruchtbar? Weil Zadek nichts einfällt. Der große Regisseur zeigt sich bei dem Zwei-Personen-Kammerspiel des älteren Ehepaares, das sich nach dem „Heldentod“ des einzigen Sohnes zum Widerstand entschließt, in schönen, bewegenden, die, Figuren erklärenden Erfindungen. Doch gewinnt die Geschichte im Zentrum, trotz der einprägsamen Kraft von Bernhard Minetti und Angelica Domröse, nie eigenes Leben. Die einundsechzig oft nur zwei, drei Minuten dauernden Szenen, in die Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen den Vierhundert-Seiten-Roman zerlegen, bleiben flach plakativ, illustrieren nur die Handlung.