Zum 200. Todestag: Nachdenken über Gotthold Ephraim Lessing

Von Fritz J. Raddatz

„Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.“

Also, lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schluße: und je cynischer je besser!“ – damit endet jener Brief Lessings vom 26. Oktober 1774 an Johann Joachim Eschenburg, der ihm gleich nach Erscheinen die „Leiden des jungen Werthers“ zugesandt hätte; denn, noch heute eine der beliebtesten Fragen in germanistischen Staatsexamen: Welches Buch lag aufgeschlagen neben dem toten Werther? – „Emilia Galotti“. Nun ist das mehr als Literaturquiz oder Hommage eines literarischen Debütanten aus gutem Frankfurter Hause an einen bereits Gefeierten. Es ist schon Literaturgeschichte in dem Sinne, daß Literatur Interpretation – gelegentlich Röntgenbild – von Geschichte ist; also von Gesellschaft. Und zwar auf doppelte Weise. „Emilia Galotti“ ist das bürgerliche Trauerspiel par excellence, ist – fast drei Jahrzehnte vor Schillers „Kabale und Liebe“ entstanden – die radikale Kampfschrift gegen Fürstenwillkür und für Menschenwürde im Sinne der Aufklärung. Jenes Stück, dessen Prinz in banal-lüsterner Eile „recht gern“ sagt, als man ihm ein Todesurteil zur Unterschrift vorlegt, der „vor einem kleinen Verbrechen nicht erschrickt“, lügen, betrügen, verraten und morden läßt für eine gewähnte Nacht – und dessen Summe im Satz der schnöde abgelegten Geliebten Orsina gezogen wird: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“

Dieser Appell an den Verstand durchzieht Lessings Œuvre; Verstand ist Moral, das eine existiert nicht ohne das andere. Und der Schriftsteller, der Shakespeare gegen die Franzosen – damit eine deutsche nationale Literatur – durchsetzte, bekennt dennoch, daß es (der von ihm übersetzte) Diderot war, „der an Bildung meines Geschmacks so großen Anteil hat“; das ist der deutsche Schriftsteller, der sich empört hatte, „Ruft immer mit jenem französischen Bedienten: Es lebe das Leben! Ich rufe: Es lebe der Tod! – Sollte es auch nur seyn, um mit keinem französischen Bedienten etwas gemein zu haben“; und über den Matthias Claudius zu seinem Sohn sagte, „Wenn Dir Lessing begegnet, kannst Du immer den Hut vor ihm abnehmen“.

Zeitbezüge – Denkverbindungen: politisches Manifest. Lessing heute wieder – also neu – zu lesen ist ein Abenteuer ohne Beispiel, nicht nur, weil die Verschwisterung von Ruhmbegierde und Todessehnsucht (wie sein großartiger Biograph Dieter Hildebrandt das trefflich formuliert) immer wieder Sätze uns einbrennt, die heutig klingen in ihrer Melancholie: „Man schließe einen Blick in sich selbst; man setze alles, was man weiß, als wüßte man es nicht, beiseite; auf einmal ist man in einer undurchdringlichen Nacht.“

Es ist die Dialektik zwischen Bitte und Aufschrei, die Gebärde des Protests und des gleichzeitigen Wissens seiner Vergeblichkeit, die Lessings Radikalität so „modern“ macht. Kehren wir einen Augenblick zum „Werther“ zurück, und zur „Emilia Galotti“: Da gibt es im vorletzten Auftritt das nahezu vorwurfsvolle Flehen der Tochter: „Ehedem wohl gab es einen Vater, der, seine Tochter vor der Schande zu retten, ihr den ersten den besten Stahl in das Herz senkte... aber solche Taten sind von ehedem! Solcher Väter gibt es keinen mehr!“