Zum 200. Todestag: Nachdenken über Gotthold Ephraim Lessing

Von Fritz J. Raddatz

„Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.“

Also, lieber Göthe, noch ein Kapitelchen zum Schluße: und je cynischer je besser!“ – damit endet jener Brief Lessings vom 26. Oktober 1774 an Johann Joachim Eschenburg, der ihm gleich nach Erscheinen die „Leiden des jungen Werthers“ zugesandt hätte; denn, noch heute eine der beliebtesten Fragen in germanistischen Staatsexamen: Welches Buch lag aufgeschlagen neben dem toten Werther? – „Emilia Galotti“. Nun ist das mehr als Literaturquiz oder Hommage eines literarischen Debütanten aus gutem Frankfurter Hause an einen bereits Gefeierten. Es ist schon Literaturgeschichte in dem Sinne, daß Literatur Interpretation – gelegentlich Röntgenbild – von Geschichte ist; also von Gesellschaft. Und zwar auf doppelte Weise. „Emilia Galotti“ ist das bürgerliche Trauerspiel par excellence, ist – fast drei Jahrzehnte vor Schillers „Kabale und Liebe“ entstanden – die radikale Kampfschrift gegen Fürstenwillkür und für Menschenwürde im Sinne der Aufklärung. Jenes Stück, dessen Prinz in banal-lüsterner Eile „recht gern“ sagt, als man ihm ein Todesurteil zur Unterschrift vorlegt, der „vor einem kleinen Verbrechen nicht erschrickt“, lügen, betrügen, verraten und morden läßt für eine gewähnte Nacht – und dessen Summe im Satz der schnöde abgelegten Geliebten Orsina gezogen wird: „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“

Dieser Appell an den Verstand durchzieht Lessings Œuvre; Verstand ist Moral, das eine existiert nicht ohne das andere. Und der Schriftsteller, der Shakespeare gegen die Franzosen – damit eine deutsche nationale Literatur – durchsetzte, bekennt dennoch, daß es (der von ihm übersetzte) Diderot war, „der an Bildung meines Geschmacks so großen Anteil hat“; das ist der deutsche Schriftsteller, der sich empört hatte, „Ruft immer mit jenem französischen Bedienten: Es lebe das Leben! Ich rufe: Es lebe der Tod! – Sollte es auch nur seyn, um mit keinem französischen Bedienten etwas gemein zu haben“; und über den Matthias Claudius zu seinem Sohn sagte, „Wenn Dir Lessing begegnet, kannst Du immer den Hut vor ihm abnehmen“.

Zeitbezüge – Denkverbindungen: politisches Manifest. Lessing heute wieder – also neu – zu lesen ist ein Abenteuer ohne Beispiel, nicht nur, weil die Verschwisterung von Ruhmbegierde und Todessehnsucht (wie sein großartiger Biograph Dieter Hildebrandt das trefflich formuliert) immer wieder Sätze uns einbrennt, die heutig klingen in ihrer Melancholie: „Man schließe einen Blick in sich selbst; man setze alles, was man weiß, als wüßte man es nicht, beiseite; auf einmal ist man in einer undurchdringlichen Nacht.“

Es ist die Dialektik zwischen Bitte und Aufschrei, die Gebärde des Protests und des gleichzeitigen Wissens seiner Vergeblichkeit, die Lessings Radikalität so „modern“ macht. Kehren wir einen Augenblick zum „Werther“ zurück, und zur „Emilia Galotti“: Da gibt es im vorletzten Auftritt das nahezu vorwurfsvolle Flehen der Tochter: „Ehedem wohl gab es einen Vater, der, seine Tochter vor der Schande zu retten, ihr den ersten den besten Stahl in das Herz senkte... aber solche Taten sind von ehedem! Solcher Väter gibt es keinen mehr!“

Das nun findet sich, gleichsam verbal wie logisch fortgesetzt, in einem Aufsatz des Jahres 1776, in dem es heißt: „Den Verlust eines solchen Sohnes kann jeder Vater fühlen. Aber ihm nicht unterliegen, kann nur ein solcher Vater.“ Das steht zum Beginn einer Vorrede zu den philosophischen Aufsätzen jenes „yxx“, wie Lessing ihn noch im Brief an Eschenburg abkürzt: Karl Wilhelm Jerusalem, Pate des Braunschweiger Erbprinzen und mit dreiundzwanzig Jahren geschätzter Gesprächspartner Lessings in Wolfenbüttel, von intellektuellem wie gesellschaftlichem Ehrgeiz zerfressen, unglücklich verliebt in Wetzlar, wo Goethe dem Gesandtschaftssekretär Johann Christian. Kestner dessen Verlobte Christiane Buff entführte.

„Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reise um Ihre Pistolen gehorsamst ersuchen? J.“ – dies waren die letzten Zeilen des von der verheirateten Geliebten Zurückgestoßenen, von der Tafel des Gerichtspräsidenten Graf Bassenheim abgewiesenen jungen Mannes. Er erschoß sich mit der Pistole Kestners, mit dessen Braut Goethe soeben geflohen war. „Barbiergesellen haben ihn getragen, kein Geistlicher hat ihn begleitet“ – diese noch heute so berühmten Schlußsätze des Werther-Romans stammen nicht von Goethe. Wie den Vorfall, so hat er auch die Worte aus der Wirklichkeit übernommen – aus Kestners Bericht über den Freitod.

Lessing mochte Goethes Love-Story-Bestseller nicht und fand den Impuls seiner „Emilia Galotti“ hineincollagiert statt aufgenommen. „Je cynischer je besser“: das muß ja ins heutige übersetzt werden; „cynisch“ – das hieß gesellschaftlich aggressiv, nicht zynisch gegen Personen, sondern mit Personen. Dies ist die zentrale Theorie von Lessings Dramentheorie, damit seines Konzepts von Politik und Moral.

Lessing war Moralist nicht im Sinne „Du sollst nicht...“, sondern des Sinnes „Die Gesellschaft sollte...“; er war der politische Kopf seiner Zeit. „Das Unglück des Helden in der Epoche muß keine Folge aus dem Charakter desselben sein..., sondern es muß ein Unglück des Verhängnisses und Zufalls sein“, schreibt er am 18. Dezember 1756 an Moses Mendelssohn. Dieser Briefwechsel zum Thema Trauerspiel, wechselweise zwischen Nicolai, Mendelssohn und Lessing geführt, ist schlichtweg frappant. Man muß sich nur der geringfügigen Mühe unterziehen, die Sprach-, Bild- und Begriffswelt des 18. Jahrhunderts zu „übersetzen“ – das Resultat ist, im Diskurs aristotelischer Kategorien, eine anti-aristotelische Dramaturgie. Sprechen wir es klar aus: Brecht. Lessing nämlich entwickelt einen völlig neuen, eigenständigen Begriff des Mitleids, des Denkens als Resultat dramatischer Abläufe: „Dem zu Folge kann also die Furcht, nach der Meinung des Aristoteles, keine unmittelbare Wirkung des Trauerspiels sein, sondern sie muß weiter nichts als eine reflektierte Idee sein. Aristoteles würde bloß gesagt haben: das Trauerspiel soll unsere Leidenschaften durch das Mitleiden reinigen, wenn er nicht zugleich auch das Mittel hätte angeben wollen, wie diese Reinigung durch das Mitleiden möglich werde; und dieser wegen setzte er noch die Furcht hinzu, welche er für dieses Mittel hielt. Jenes hat seine Richtigkeit; dieses aber ist falsch. Das Mitleiden reinigt unsre Leidenschaften, aber nicht vermittelst der Furcht, auf welchen Einfall den Aristoteles ein falscher Begriff von dem Mitleiden gebracht hat.“

Im langen Brief vom 18. Dezember wird das noch deutlicher – man glaubt, einen Text zur „Mutter Courage“ zu lesen, wenn für Lessing Charakter und Unglück allein sich nicht bedingen, keine dramatische Einheit bilden – es muß ein „Fehler“ hinzukommen. Ein Fehler im gesellschaftlichen Mechanismus; sogar Lessings Satz über den ungeliebten Rousseau gehört in diesen Kontext: „Er hat Unrecht; aber ich weiß keinen, der es mit mehrerer Vernunft gehabt hätte.“

Deshalb ist es auch von großer Bedeutung, daß Lessings Begriff des Mitleids neu interpretiert wird; es ist kein passiver, sehnsüchtig humanistischer, sondern ein akut aggressiver Entwurf. Lessings Mitleid ist stets auch Appell, die Ursache von Leid abzuschaffen; übrigens nicht durch irgendeinen Thermidor – Lessing war kein Revolutionär: „Was Blut kostet, ist gewiß kein Blut wert“, war einer seiner Merksätze. Nein, er war ein aufklärerischer Materialist, avant la lettre: Die Fähigkeit, Mitleid mit der erniedrigten Kreatur zu spüren, wollte er durch Denken erweitern. Nicht mit dem Unglücklichen sollen wir fühlen, schreibt er im November 1756 an Nicolai, nicht bloß Schrecken durch die Tragödie erfahren oder Bewunderung für ihre Helden, sondern aufgerufen zum Abschaffen eines Erniedrigungssystems, das – wie er es, verblüffend genug, an anderer Stelle nennt – die Menschen fremd macht. Da wüßte man schon ganz gern, wie genau Brecht wohl seinen Lessing kannte.

Lessings Analyse ist stets auch Entwurf: „Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes tut, tut auch dieses, oder – es tut jenes, um dieses tun zu können. Bitten Sie es dem Aristoteles ab, oder widerlegen Sie mich.“

Es ist dieser nach vorne gerichtete Mitleidsbegriff, der ihn schließlich die Kurzformel finden läßt „Ein Trauerspiel voller Schrecken, ohne Mitleid, ist ein Wetterleuchten ohne Donner“. Noch im selben Monat präzisiert Lessing in einem weiteren Brief an Nicolai, wenn er „Rührung, Tränen und Beklemmung“ fortweist als erstrebenswerte Resultate dramatischer Dichtung, und an deren Stelle einen, seinen, Begriff setzt: Denken. Er erzählt eine nun tatsächlich Brechtsche Parabel vom Bettler, der einen zwar zu Tränen rühren mag – dem aber nicht geholfen sei, würden die Ursachen seines Schicksals nicht erkannt. Das ist ein vollkommen neuer Ansatz der Weltsicht – Lessings Kampf gegen Feudalismus und Klerisei, ob in seinen Dramen oder im Goeze-Streit, erweist sich als weit mehr denn ungebärdige Anti-Intelligenz. Hier reimt kein Bürgerstolz vor Königsthronen – hier wird vollkommen neu gedacht.

Die von Jacobi überlieferten Dialoge mit Lessing liefern wahrhaft sensationelle Formulierungen – wenn etwa Jacobi den von Lessing bewunderten Leibniz als einen Mann charakterisiert, der „keine supramundane, sondern nur eine intramundane Ursache der Welt geglaubt haben sollte“ – also die Welt nicht als Schöpfung und Gottes Werk, sondern Entwicklung aus sich selbst. Man glaubt, Karl Marx zu lesen, wenn schon hier das Gesetz der Dialektik beschrieben wird, daß „eine jede Endursache eine würkende voraussetzt... Das Denken ist nicht die Quelle der Substanz, sondern die Substanz ist die Quelle des Denkens“. Das wird hundert Jahre vor dem Dictum geschrieben „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“!

Beliebt bei den Mächtigen konnte nicht sein, wer so dachte, so sprach, so schrieb. Gotthold Ephraim Lessing war ein berühmter Mann – wohlgelitten war er nicht; so wenig, wie der nur vorübergehend bei Hofe geduldete Voltaire, der so köstlich-bissig wie traurig-wahr im Dezember 1752 seiner Nichte einen Brief schrieb, wie ihn jeder Chefredakteur noch heute, seinen „König“ meinend, schreiben könnte: „Nicht, als ob ich an Ihre alte Prophezeiung glaubte, der König von Preußen würde mich totärgern. Ich fühle mich nicht bei Laune, eines so blöden Todes zu sterben ... Ich werde mir, zu meinem eigenen Gebrauch, ein kleines Wörterbuch für den Umgang mit Königen anlegen: Mein Freund bedeutet mein Sklave. Mein lieber Freund soll heißen: Sie sind mir mehr als gleichgültig. Ich werde Sie glücklich machen besagt nichts weiter als: Ich werde Sie so lange ertragen, wie ich Sie brauche. Speisen Sie heute abend mit mir? meint nur: Ich werde mich heute abend über Sie lustig machen.“

Doch Lessing ging über die Sottise hinaus. Er hätte einen Entwurf, eine Vision – eine konkrete Utopie; formuliert wurde sie in den hundert „Geboten“ – Paragraphen – der „Erziehung des Menschengeschlechts“, in denen es heißt: „Nein, sie wird kommen, sie wird gewiß kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften und stärken sollten, die innern, bessern Belohnungen desselben zu erkennen.“

Das ist so kühn, daß man mehr als zwei Jahrhunderte später erschrickt – und es ist von Lessing auch nie als gesicherte Wahrheit, als unveränderbare Erkenntnis gepredigt und gepriesen worden. Das Bewegungsgesetz seines Denkens war dialektisch, und der Vision stand die Skepsis gegenüber: „Glaubt ihr Menschen, daß man es nicht satt wird?“ Dem Streben nach Erkenntnis wurde stets die Balance gehalten vom Mißtrauen gegen gesicherte Wahrheit: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusätze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir:

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wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“

Diesem dialektischen Denkprinzip entspricht ein formales: Lessing, auch wenn er keine Dramen schreibt, entwickelt seine Gedanken stets in Dialogen, seien es fiktive zwischen inexistenten Gesprächspartnern, seien es tatsächliche Streitgespräche, seien es zumindest Briefe; „ein kritischer Schriftsteller... suche sich nur erst jemanden,mit dem er streiten kann: So kömmt er nach und nach in die Materie, und das übrige findet sich“.

Nun ist die Stilfigur des Dialogs spätestens seit Diderots „Le Neveu de Rameau“, berühmt geworden Jahrzehnte nach seinem Entstehen durch Goethes Übersetzung 1805, ein intellektuelles Kennzeichen der Aufklärung: Der andere soll ja aus der Fremdheit gelockt, in die Humanitas einbezogen werden. Kein Zufall, daß Louis Aragon mit seinem „Neveu du Monsieur Duval“ Diderot paraphrasierte, daß das ideelle Herzstück des „Zauberbergs“ der Settembrini-Naphta-Dialog ist und daß wir die Prosa des Stückeschreibers Brecht als „Flüchtlingsgespräche“ oder „Keuner-Geschichten“ kennen.

So ist es auch das zentrale Stück von Lessings radikalem Denken, in dem der frappante Satz fällt, „jene Trennungen, wodurch die Menschen einander so fremd werden“, sollten so eng wie möglich. wieder zusammengezogen werden. Die Aufhebung der Entfremdung – formuliert 1778 in einem Dialog „Ernst und Falk – Gespräche für Freimäurer“ und versehen mit einer Widmung für den durchlauchtigsten Herzog Ferdinand, die mit dem sausenden Satz endet „Das Volk lechzet schon lange und vergehet vor Durst“.

Es war nicht nur „das Volk“; im Juni 1779 bestellt sich Johann Gottfried Herder in einem Brief an Lessing dringlich die dritte Fortsetzung der „Freimäurergespräche“ – „wenn Freimaurerei dazu gehört, es zu lesen, so bin ich’s leider auch“ – und trägt dieselbe Bitte Hamanns vor, der „die beiden ersten mit einer Wollust gelesen, daß ihm die Mitteilung des dritten eine wahre Wohltat wäre“; im übrigen versichert Herder, daß sie beide behutsam mit diesen explosiven „excorsi“ umgingen und Sorge tragen würden, daß Manuskript wie Gedrucktes „durchaus in keine andere Hände und vor Augen kommen“. Man wußte, was man da las, und Lessing wußte, was er schrieb; „man mache hiervon die Anwendung selbst“, heißt der letzte Satz einer kurzen Vorbemerkung, den aufklärerischen Impuls „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ zum Appell nützend. Sehr rasch ist er medias in res, mitten in der Diskussion um Staatsform, Bürgerrechte und Diktatur: „FALK: Glaubst du, daß die Menschen für die Staaten erschaffen werden? Oder daß die Staaten für die Menschen sind? ERNST: Jenes scheinen einige behaupten zu wollen. Dieses aber mag wohl das Wahrere sein. FALK: So denke ich auch. – Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sicherer genießen könne. – Das Totale der einzeln Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staates. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!“

Nun entwirft Lessing aber kein Utopia der vegetarischen Haifische und Lämmer hütenden Wölfe, verkündete (oder erhofft) auch keine geseilschaftliche Gleichmacherei. Lessing ist zu sehr Realist auch Skeptiker –, zu sehr ein Mensch, der persönliches und gesellschaftliches Unglück an sich selber erfahren hat, um in ein blökendes „Alle Menschen sind gleich“ auszubrechen. Lessing ist Schriftsteller, nicht Politiker – und Propagandist schon gar nicht.

Lessings Gedanken und Empfindungen sind immer auch widerläufig – auch dies eine der großen Tugenden von Hildebrandts Biographie, daß er das immer wieder verführt; „Das Ich des 18. Jahrhunderts war keine Identität, die Individualität war keineswegs mit sich im reinen.“ Claudio Magris hat kürzlich in einem fulminanten Nietzsche-Aufsatz diesen Widerspruch formuliert, der in jeden schöpferischen Menschen eingebaut ist wie ein zerstörender Motor; wer den nicht begreift, möge sich an alten Callas-Platten ergötzen oder Fresken in Palladio-Villen abschmecken – nur möge der aufhören, Literatur und Lebensentwurf begreifen zu wollen: „Das Eis, das heute noch trägt’, schreibt Nietzsche in der „Fröhlichen Wissenschaft’, ‚ist schon sehr dünn geworden: der Thauwind weht, wir selbst, wir Heimatlosen, sind Etwas, das Eis und andre allzudünne ‚Realitäten‘. aufbricht.‘ Dieses Eis, das zerbricht, ist der Grund des Denkens und der individuellen Identität überhaupt, ist die Kruste, die das kompakte Gebäude der Welt, der Philosophie und gleichsam“ die Einheit der Person trägt. Nietzsche erforscht die Wurzeln der Vernunft und gräbt sie einzeln nacheinander aus.“

Lessings Problem der Identität ist ein politisches (übrigens von so brennender Aktualität, wie Peter Glotz sie in seinem Merkur-Aufsatz im Dezemberheft präzise bedacht hat): das Abhandensein von Missionseifer und Selbstsicherheit, wie wir es bei Marx kennen, führt Lessing zu Gedanken, die Illusionen, wie Marx sie hatte, gleichsam im vorhinein korrigierten. Lessing hat Freudsche Kategorien in Marx’ Denkgebäude eingebracht – wenn ein solches historisch-philosophisches Paradoxon einmal erlaubt ist. Er sieht nämlich die bleibende Unterschiedlichkeit, gar Gegensätzlichkeit der Menschen, ihrer geistigen Gaben, seelischen Qualitäten, charakterlichen Schründe, wie optimal immer das Staatsgebilde aussehen mag, auf das sie sich geeinigt haben:

„FALK: Oder meinest du, daß ein Staat sich ohne Verschiedenheit von Ständen denken läßt? Er sei gut oder schlecht, der Vollkommenheit mehr oder weniger nahe, unmöglich können alle Glieder desselben unter sich das nämliche Verhältnis haben. – Wenn sie auch alle an der Gesetzgebung Anteil haben, so können sie doch nicht gleichen Anteil haben, wenigstens nicht gleich unmittelbaren Anteil. Es wird also vornehmere und geringere Glieder geben. – Wenn anfangs auch alle Besitzungen des Staats unter sie gleich verteilet worden, so kann diese gleiche Verteilung doch keine zwei Menschenalter bestehen. Einer wird sein Eigentum besser zu nutzen wissen als der andere. Einer wird sein schlechter genutztes Eigentum gleichwohl unter mehrere Nachkommen zu verteilen haben als der andere. Es wird also reichere und ärmere Glieder geben.“

Geist, Seele, Charakter – damit sind wohl die drei Koordinationsbegriffe gefallen, von denen Lessings wichtigstes Stück bestimmt ist. Jenes Stück, zu dessen Vorbereitungsarbeit viele Zeitgenossen die „Ernst und Falk“-Gespräche zählten – „Ich für mein Theil fühle die Schönheit des Dialogs, freue mich des Einflusses, den er auf die Prophanen haben muß – und warte übrigens auf ‚Nathan den Weisen‘ “, schreibt am 24. September 1778 Friedrich Wilhelm Gotter an Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer –; und Hamann meint: „An Lessings ontologischen Gesprächen habe ich mich nicht satt lesen können; auf seinen Nathan freue ich mich.“

Die Freimaurer-Dialoge also, der Goeze-Streit und alle damit zusammenhängenden theologischphilosophischen Querelen (bis hin zu Zensurmaßnahmen: Lessing durfte ohne vorheriges Vorlegen beim Fürsten dem Hauptpastor Goeze nicht mehr antworten): Sie alle münden in dem Stück zusammen, das er selber einmal seinen „Anti-Goeze Nr. 12“ nannte, das später Schlegel mit der unvergeßlichen Chiffre charakterisierte: „Lessings Lessing, das Werk schlechthin unter seinen Werken ... Wer den Nathan recht versteht, kennt Lessing.“ Viele verstanden ihn erstmal nicht, und die meisten kannten Lessing nicht wirklich Selbst gegen des Bruders Karl Jubelruf „Es ist eine Komödie ... er hat eine große Stärke zu spotten und lachen zu machen. Er ist ein Voltaire“ muß der Autor sich leicht gequält wehren: „Aber, lieber Bruder, selbst Du hast Dir eine ganz unrechte Idee davon gemacht. Es wird nichts weniger, als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen.“

In einer jüngst publizierten Arbeit, leider nicht in Deutsch, sondern in Germanistisch geschrieben, hat der Verfasser Hans-Friedrich Wessels detailliertes Material zur Entstehungs- wie Wirkungsgeschichte zusammengetragen. Zwischen Herders Bericht an Hamann „Nathan ist gekommen und hier mit allgemeiner Begierde verschlungen worden“ und einem Artikel des „Reichs-Post-Reuters“: „Warum nicht gerade heraus gesagt, daß Nathan der Weise die bitterste Satire gegen die christliche Religion ist?“ spaltet sich die Aufnahme. „Wir rissen einander die Bogen aus den Händen“, schreibt Jacobi – und „Welch ein Bild von Gott?!!!!!“ stöhnten die „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“.

Diese Reaktionen galten allerdings dem Buch; das Stück galt als unspielbar, und Lessings Ahnung „Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte“ erfüllte sich ziemlich genau. Zu Lebzeiten des Autors gab es eine einzige Aufführung, am 15. Oktober 1779 in Mannheim – im Rahmen einer privaten Liebhaberveranstaltung.

„Dissidenten-Seminar“ ist vielleicht eine nur wenig unerlaubte Aktualisierung (ob die Dissidenten nun Brückner oder Kopelew heißen), wenn man den Antrag auf Verbot von Buch und Stück bei der Bücherdeputation der Stadt Frankfurt aus demselben Jahr (28. Mai 1779) liest: ‚Brachte der ältere Herr Bürgermeister mündlich vor, wasmaßen in letzter Leipziger Messe von dem Gotthelf (!) Ephraim Lessing ein Drama unter dem Titel: Der weise Nathan erschienen seye, welches den scandaleusesten Inhalt in Rücksicht der Religion enthielte weshalben er anheimstellen wolte, was gegen dieses verdächtige Buch vorzunehmen sey. Committatur dem älteren Herrn Bürgermeister sogleich bey allen hiesigen Buchhändlern herumzuschicken und dieses Buch nachdrucksamst zu verbieten.“

Gotthold Ephraim Lessing hat seinen „Nathan“ nie auf der Bühne gesehen. Seine Vorwegnahme der Freudschen Theorie, daß Kultur auf Schuldbewußtsein begründet sei, formulierte kein Zeitgenossen sondern ein Nachfahr, Leszek Kolakowski: „Die damit ausgedrückte Idee, wonach die Fähigkeit zum Schuldbewußtsein das Fundament ist, mit dem das Menschsein steht und fällt, darf und soll ganz ernst genommen werden.“

Zwei große Kollegen, Zeitgenossen und Nachfahren zugleich, hatten das ernst genommen: Unter Goethes Leitung und in Schillers Bearbeitung erscheint „Nathan der Weise“ auf dem Weimarer Hoftheater. Ein Siegeszug beginnt, der anhält – Lessing ist der meistgespielte deutsche Dramatiker auf deutschen Bühnen nach dem Zweiten Weltkrieg, Klassiker wie Zeitgenossen inbegriffen; die Regie-Interpretationen der zahllosen Aufführungen (die Gerhard Stadelmaier in seiner Studie analysiert) reichen von Wolfgang Langhoffs hochpolitischer Ostberliner „Nathan“-Inszenierung von 1966 bis zu Fritz Kortners sonderbar privater Auffassung der in den Prinzen verliebten „Emilia Galotti“ (Wien 1970). Lessing blieb, auch im Streit der Konzeptionen, lebendig.

Als er starb, mit zweiundfünfzig Jahren, Witwer schon seit langem und ohne Sohn, einsam im Braunschweiger Haus eines Weinhändlers, erschien nächsten Tags, am 16. Februar 1781, die Todesanzeige, formuliert und signiert von seiner Stieftochter Amalia König, die er wohl geliebt hatte. Unter Name und Datum stand ein steinschwerer Satz, der Würde eines radikalen Materialisten gemäß und der Bitternis eines Lebens die Summe ziehend: „Die Antwort wird verbeten.“