Über viele Jahre hin war er als Bach-Interpret nahezu konkurrenzlos; da gab es wohl nur wenige Musikfreunde, die sich die Werke des Thomaskantors in einer anderen Wiedergabe „richtiger“ vorstellen könnten als in seiner. Seinem Münchner Bachchor und -Orchester hat fast zwei Jahrzehnte lang die musikalische Welt von New York bis Leningrad, von Tokio bis Paris zu Füßen gelegen, viele seiner unfehlbaren Aufnahmen gehören zu den meistgekauften Schallplatten. Jetzt ist Karl Richter, der Dirigent, Kammermusiker, Organist und Cembalist völlig Unerwartet im Alter von 54 Jahren gestorben.

Sein Bachstil – so sehr er Sich in Einzelheiten auch gewandelt haben und gereift sein mag – war immer gekennzeichnet von impulsiver, oft motorischer Musizierfreude und von elementarem Ausdrucksbedürfnis: Karl Richter war ein unakademischer Espressivo-Musiker und auf den Tasteninstrumenten ein vitaler Virtuose dazu. Der vogtländische Pfarrerssohn ist sich im Wechsel der Zeiten, auch wo er selber einmal zu etwas trockenerer Interpretationsweise neigte, stets treu geblieben – selbst dann noch, als ihm gewichtige Konkurrenten erwuchsen wie Nikolaus Harnoncourt mit seinem historischen Instrumentarium oder Helmuth Rilling mit seinen jungen Stuttgartern. Karl Richter blieb eine Konstante, ein Maßstab.

Sein erster Mentor war Rudolf Mauersberger, in dessen Dresdner Kreuzchor er als Knabe gesungen und wo er es bis zum ersten Chorpräfekten gebracht hatte. In Leipzig studierte er beim großen Karl Strauber und bei Günter Ramin; als junger Thomaskirchen-Organist trat er für kurze Zeit ihre Nachfolge an. Doch schon 1951 begann der Fünfundzwanzigjährige sich in München ein eigenes Imperium aufzubauen. Das „Romantische“ der sächsischen Bachtradition, der warme, fast sinnlich-leuchtende Chorklang, der bei den Kruzianern und Thomanern selbst den Knabenstimmen abgewonnen wurde, ist ihm niemals verlorengegangen.

Daß aus dem katholischen München die Musik des Protestanten Bach einmal so unüberhörbar in die Welt hinausklingen würde, wäre vor Karl Richter nicht denkbar gewesen. Auch die Ansbacher Bachwochen haben ihm fast alles zu verdanken. Aber Karl Richter befaßte sich auch mit anderer, älterer und jüngerer Musik, er versuchte sich (nicht so erfolgreich) sogar als Operndirigent – etwa mit Handels „Julius Cäsar“ oder jüngst mit Glucks tauridischer Iphigenie. Aber Bach blieb sein Zentrum; noch nie hat sich ein einzelner das Gesamtwerk des Thomaskantors derart umfassend angeeignet.

Dabei hat er sich mit seinen Interpretationen eigentlich nie wiederholt; seine Impulsivität hat Routine verhindert, seine theologische Neugier hat ihn getrieben, die Bachschen Textexegesen immer wieder zu überdenken. Wie verschieden in Tempo und Dynamik vermochte er die gleichen Choräle auszulegen! In Karl Richter haben wir eine der großen Musikerpersönlichkeiten unseres Jahrhunderts verloren.

Wolfram Schwing