Von Henryk M. Broder

Meine mehr oder weniger lieben linken Freunde! Ich schreibe Euch diesen Brief, weil ich keine Lust mehr habe, mit Euch zu reden. Ich will jetzt nur noch ein paar Dinge aussprechen und festhalten. Dadurch wird nichts besser, aber es wird einiges klarer. Und nur noch darauf kommt es mir an.

Vor ein paar Wochen war ich In einer sogenannten alternativen Kneipe. An den Wänden Plakate über Chile, El Salvador, Iran, auf den nannten ein Solidaritätsaufruf für die inhaftierten Genossen von der IRA, auf dem Klo in die Wand geritzte Sprüche, darunter auch diesen „Wir sind diejenigen, vor denen uns unsere Eltern gewarnt haben!“ – Toll, dachte ich, die sind noch auf die Irrtümer ihrer Alten stolz.

Ihr bildet Euch viel darauf ein, ganz anders als Eure Eltern zu sein. Ihr habt, so scheint es, etwas geschafft, was vor Euch noch keiner Generation gelungen ist: Ihr wollt mit dem Stamm, von dem Ihr gefallen seid, nichts zu tun haben. Vor ein paar Tagen habe ich in der TAZ ein Interview mit ein paar Punks der fortschrittlichen Art gelesen. Auf die Frage: „Was habt ihr für einen Begriff vom Faschismus?“ antwortete einer der etwa 20 Jahre alten Jugendlichen! „Ich hab’ keinen Juden ins KZ gesteckt, ich hab’ auch keinen Polen erschossen, ich hab’ da echt nichts mit zu tun, das war mein Vater oder mein Großvater. Ich mach’ auch meine Großmutter oder meine Vorfahren nicht für den Dreißigjährigen Krieg verantwortlich...“ Ein anderer Punk schlug daraufhin die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart: „Früher haben se Juden vergast, heute werden die Leute in Stammheim abgeknallt.“

So platt und so dumm klingt es nicht aus jedem alternativen Mund. Aber diese beiden Sätze stecken genau den Rahmen ab, in dem sich auch Euer historisches Bewußtsein entfaltet: Mit Eurer Geschichte habt Ihr „echt nichts mit zu tun“, und was Eure Eltern mit den Juden angestellt haben, kommt Euch allenfalls dann in den Sinn, wenn Ihr darüber klagt, wie schlecht einige Gruppen in der Gesellschaft heute behandelt werden. Dann sind die Frauen oder die Studenten oder die Schwulen „die Juden von heute“; die Schamlosigkeit solcher Vergleiche fällt Euch ebensowenig auf wie die Tatsache, daß Ihr Euch mit solchen Konstruktionen in die unmittelbare Nachbarschaft von Strauß, Stoiber und Kohl bringt, die es passend finden, die Anti-Strauß-Kampagne mit der Hetze des Stürmer gegen die Juden gleichzusetzen. Auch Ihr mißbraucht Millionen von Toten für Eure tagespolitischen Geschäfte, auch Euch sind alle Maßstäbe abhandengekommen, so Ihr überhaupt jemals welche gehabt habt.

Ich könnte Euch ein paar mildernde Umstände zugute halten: Eure Eltern haben Euch allein gelassen, das wenige, was Ihr über Eure Geschichte wißt, habt Ihr zufällig aufgeschnappt. Ihr könnt Euch von Vater und Mutter so viel distanzieren, wie Ihr wollt, und so abfällig über Eure Erzeuger sprechen, wie Ihr nur könnt – Ihr bleibt dennoch die Kinder Eurer Eltern. Nur in Eurem bewußten Verhalten, also dem Bereich, den Ihr kontrollieren könnt, habt Ihr Euch von Euren Eltern abgesetzt, je demonstrativer desto verkrampfter.

Was ich Euch zum Vorwurf mache, ist, daß Ihr den Zusammenhang von Ursache und Wirkung nicht erkennen wollt, wenn es um Euch selbst geht und daß Ihr so tut, als wäret Ihr die neuen Menschen: Unbelastet von dem Geruch der Küchen, aus denen Ihr kommt, hineingeboren in ein Vakuum, das erst mit Eurem Auftreten anfing, sich zu füllen. Daß Ihr aber in Euren Wiegen mehr aufgenommen habt als nur das Geräusch der Kinderrassel, daß Ihr nicht nur mit Milchbrei gefüttert worden seid, sondern auch mit den Vorurteilen und Vorlieben Eurer Mütter und Väter, mit deren Art zu denken und zu fühlen – dies ist ein Gedanke, von dem Ihr bis heute verschont geblieben seid.

Das „pathologisch gute Gewissen“ Eurer Eltern, die nichts gewußt und allenfalls mitgemacht haben, um Schlimmeres zu verhüten, dieses pathologisch gute Gewissen ist auch Euer politisches Startkapital: Auschwitz im Rücken, aber weder im Kopf noch im Herzen, erlaubt Ihr Euch heute Debatten darüber, ob die Vietnam-Flüchtlinge „richtige“ oder nur „Wirtschaftsflüchtlinge“ sind, die sich nicht am Aufbau des Sozialismus beteiligen wollen, und Ihr zählt die Dollarnoten und Goldbarren, die diese Menschen mitbringen, falls sie das Glück haben, die Flucht zu überleben. Solche Debatten hat’s hier schon mal gegeben, als es darum ging, ob man die reichen Juden gegen eine „Gebühr“ ausreisen läßt oder sie gleich umbringt.

Ihr habt den Rassismus Eurer Eltern geerbt und auf Eure speziellen Bedürfnisse hin zurechtgebogen. Nicht das „Was“ hat sich geändert, lediglich das „Wie“. Die Art, wie Ihr Euch mit der Dritten Welt beschäftigt, wie Ihr gute und schlechte Befreiungsbewegungen unterscheidet je nach dem, ob diese Befreiungsbewegungen Euren revolutionären Ansprüchen genügen; die Bereitschaft, Grausamkeiten zu verschleiern oder sogar propagandistisch zu fördern, wenn sie nur von Euren ideologischen Verbündeten an den richtigen Gegnern begangen werden, weist Euch als begabte Nachfahren jener aus, die in China die Boxeraufstände niedermachten und in Südafrika die Hereros liquidierten. Ihr macht Euch freilich die Finger selbst nicht mehr schmutzig, ihr treibt’s vom alternativen Schreibtisch aus und an der revolutionären Theke.

Ich will mich hier nur mit einem Punkt Eures rassistischen Reservoirs beschäftigen, der mich speziell betrifft: Eurem Antisemitismus. Daß ein Linker, sozusagen von Natur aus, kein Antisemit sein kann, weil dies die Domäne der Rechten sei, das ist eine ebenso beliebte wie verlogene Ausrede, an die Ihr Euch klammert, die Generalabsolution, die Ihr Euch selbst erteilt, ein weiterer Beweis für die Dürftigkeit Eures historischen Wissens. Ich wette: mit den Namen Slansky und Rajk könnt Ihr nix anfangen und die Ärzteprozesse 1953 (Stalins antisemitische Kampagne kurz vor seinem Tod im März 1953, d. Red.) haltet Ihr wahrscheinlich für eine Fortsetzungsserie über den Konflikt zwischen Hackethal und der Schulmedizin.

Wieso kann ein Linker eigentlich kein Antisemit sein? Sind Linke denn per se die besseren Menschen? Verprügeln Linke nicht auch ihre Frauen und diskriminieren Schwule? Euer Rassismus fängt schon bei der Überschätzung Eurer eigenen Moral an. Sicher, Ihr schmiert keine Hakenkreuze an die Mauern und von jeder „Juda verrecke!“-Parole könnt Ihr Euch leicht distanzieren. So primitiv seid Ihr nicht – auch den Mitarbeitern der Zeitschrift Das Reith waren die Pöbeleien des Stürmer peinlich. Euer Antisemitismus ist von subtilerer Art, durch Euer Bewußtsein veredelt und Eurem politischen Umfeld angepaßt Ich will Euch an ein paar konkreten Beispielen erklären, was ich meine.

  • Vor rund zwei Jahren, Ende 1978, veranstaltete die Westberliner „Galerie 70“ eine Ausstellung zum Thema Neonazismus. Während der mehrwöchigen Ausstellung fanden in der Galerie regelmäßig Diskussionen statt. Bei einer dieser Diskussionen war ich dabei, es ging um neonazistische Vorfälle an Westberliner Schulen. Etwa 150 Lehrer, die meisten von ihnen in der GEW organisiert, berichteten über ihre Erfahrungen mit rechtsextremen Schülern und bemühten sich um eine „Einschätzung“ des faschistischen Potentials unter Jugendlichen. Im Laufe dieser Diskussion sprach eine junge Lehrerin – sie war vielleicht 30 Jahre alt – diese Sätze:

„Die Jugendlichen wehren sich auch dagegen, daß sie falsch informiert werden. Es ist doch so gewesen, daß die KZs in erster Linie Arbeitslager waren, wo Rüstungsgüter billig hergestellt wurden und erst gegen Ende des Krieges, als die Niederlage absehbar war, fingen die Nazis mit der Vernichtung der Juden an. Heute wird der Holocaust als zionistische Propaganda benutzt, um die Existenz des Staates Israel zu rechtfertigen.“

Mir blieb einen Moment lang die Luft weg, das hörte sich an, wie aus der Nationalzeitung vorgelesen. Ich schaute mir die Lehrerin an, eine junge Frau mit hennaroten Haaren, dezent alternativ gekleidet, und dachte: „Die muß jetzt gleich noch was sagen, so kann sie das doch nicht gemeint haben...“ Aber sie hatte es genauso gesagt, wie sie es gemeint hatte. Und das tollste war: Niemand widersprach ihr! Keiner der rund 150 Lehrer stand auf und sagte: .„Mädchen, entweder du redest Unsinn oder du willst uns hier auf die Probe stellen, aber auf so was fallen wir nicht rein ...“ Nichts passierte, es wurde weiter über rechtsextreme und faschistische Haltungen bei den Schülern gesprochen. Ich verließ die Galerie mit der sicheren Überzeugung im Kopf und im Bauch: Wenn dies die Garanten einer antifaschistischen Erziehung sind, dann braucht die Wiking-Jugend von sich aus nichts zu tun, diese Pauker sind ihre besten Helfershelfer.

  • Im Sommer 1980 nahm ich an einer Diskussion beim Hamburger Literatrubel teil. Auf ein nicht besonders wichtiges Statement. von mir meldete sich ein junger Mann zu Wort, sagte, er wäre vollkommen meiner Meinung, er kenne auch meine Arbeiten, hätte da aber ein Problem mit mir: Als Verbündeten im antifaschistischen Kampf schätze er mich sehr, nur als Zionisten könnte er mich nicht akzeptieren, mit meiner Einstellung zum Staat Israel sei er überhaupt nicht einverstanden. Ich sagte nichts. Ich hätte keine Lust, diesen Jungen auch nur zu fragen, wie denn ein Jude sein müsse, damit er ihn heute akzeptieren könne. Dieser Antifaschist tat genau dasselbe, was schon seine Eltern getan hatten: Er bestimmte, wie er sich den Juden wünschte, um mit ihm etwas anfangen, um ihn für seine Zwecke instrumentalisieren zu können. In diesem Moment beschloß ich, den antifaschistischen Kampf jenen zu überlassen, die ihn am meisten nötig haben.

Ich habe, wie Ihr vielleicht wißt, ziemlich lange über ein Thema gearbeitet, das Euch besser angestanden hätte: den Neonazismus. Ich habe seit über zwei Jahren kein Wort und keine Zeile mehr darüber verloren, weil ich gemerkt habe, daß diese Auseinandersetzung mehr verschleiert als enthüllt. Von Hakenkreuzschmierern und Adolf-Hitler-Fans, die noch jeden 20. April feiern, kann sich in diesem Lande jeder guten Gewissens absetzen, Franz Josef Strauß ebenso wie Ihr. Die Empörung über solche fossilen Äußerungen des Nazi-Geistes schafft Luft und verstellt zugleich die Optik auf das faschistische „alter ego“ in Herrn und Frau Jedermann, auch in Euch. Ein Hakenkreuz an einer Hausmauer, eine SS-Rune an einer Bushaltestelle, ein „Juden raus!“ an einem jüdischen Geschäft sind Anachronismen, gradezu nostalgisch anmutende Formen des Ressentiments. Ihr hingegen seid ganz auf der Höhe der Zeit. Gerhard Zwerenz zum Beispiel schreibt ein Stück ausgerechnet über einen jüdischen Haus- und Grundbesitzer, weil es in diesem Land bekanntlich an arischen Vertretern dieser Gattung mangelt; im Frankfurter Häuserkampf hat die Tatsache, daß es gegen jüdische Spekulanten ging, eine maßgebliche Rolle gespielt.

Ist alles schon mal dagewesen: Als die großen Warenhäuser noch im jüdischen Besitz waren, ging die Parole von der „Warenhausseuche“ um, auf Flugblättern, in denen zu „Volks-Versammlungen“ geladen wurde, hieß es: „Es kam der Jude und setzte dem deutschen Kaufmann die Warenhäuser vor die Nase, er vernichtete ihm mit der marktschreierischsten Reklame die Existenz, er nahm dem Handwerker das Brot, er zog jedem Gewerbetreibenden den Hals zu...“ Als dann die Warenhäuser arisiert wurden, regte sich niemand mehr darüber auf, daß sie die Existenz der kleinen Geschäfte genauso gefährdeten wie vorher unter ihren jüdischen Besitzern. Ein Glück, daß der Verfall von Kreuzberg nicht auf das Konto von Juden geht, nicht auszudenken, wie Euch das beflügeln würde.

Hielten sich Eure Eltern noch an die Devise „Die Juden sind unser Unglück!“ (beziehungsweise „Die Juden sind an allem schuld!“), so habt Ihr, mangels vorhandener jüdischer Masse, diesen Grundsatz ein wenig abgewandelt. Bei Euch heißt es nur noch: „Das Jüdische ist schuld!“

  • Im Oktober 1979 veröffentlichte ich in konkret eine Geschichte („Ich bin ein. Chauvi“), in der ich meine Vorliebe für vollbusige Frauen erklärte: „Jeder Busen ist eine Provokation, jeder Hintern eine Herausforderung.“

„Ich bin ein Chauvi“ war einerseits durchaus ernst gemeint, andererseits aber auch eine ironische Provokation gegenüber den immer mehr sich ausbreitenden „Softis“, die den ganzen Tag damit beschäftigt sind, ihr Rollenverhalten zu hinterfragen, und die ihre Solidarität mit der Frauenbewegung dadurch demonstrieren, daß sie sich zum Pinkeln hinhocken. Man tut in Deutschland gut daran, zu jeder Satire gleich eine Ausführungsbestimmung mitzuliefern, andernfalls man einen Aufstand der Studienräte riskiert, der leibhaftigen und auch der verhinderten. In diesem Fall liefen nicht nur einige Dutzend konkret-Leserinnen und vor allem Leser brieflich Amok (ich hatte auf keine meiner „politischen“ Geschichten jemals ein so massives Echo), es erhob auch ein linker Linienrichter seine Stimme, um mir mein Bewußtseinsdefizit um die Ohren zu schlagen. Hermann P. Piwitt versicherte einen Monat nach mir in konkret auch er habe „nichts gegen Arsch und litten, wen macht das nicht verrückt?“, geißelte aber „typisch männliche“ Züge an mir: „Der Hochmut und die Verachtung für den Sexualpartner, an dem nur das Fleisch interessiert“. Piwitt nannte mich in einem Satz mit dem Dichter Bukowski („... ein ziemlicher Dreckhaufen“), was mir geschmeichelt hätte, wenn er nicht als dritte Horrorgestalt nach Broder und Bukowski auch den Frauenmörder Honka aufgereiht hätte. En passant ging Piwitt auch auf die Frage ein, von welcher „Weltanschauung Broder verhunzt worden ist“ und kam ganz schnell auf „eine sprichwörtlich patriarchalische, nämlich jüdische Erziehung...“

Es wäre müßig, Piwitt faktisch zu korrigieren und ihn darauf hinzuweisen, daß die jüdische Erziehung, in der er die Ursache für mein Chauvi-Sein sieht, mitnichten „sprichwörtlich patriarchalisch“, sondern viel mehr von der Mutter bestimmt ist und der Vater in der jüdischen Familie die Gebete zelebriert, aber sonst wenig zu sagen hat; weswegen auch jeder jüdische Junge, der etwas auf seine Erziehung hält, ein Leben lang mit dem Ödipus-Komplex herumläuft. Auf eine solche Auffüllung der Piwittschen Wissenslücken kommt es nicht an; Piwitt ging es nicht darum, etwas über die jüdische Erziehung zu sagen, sondern darum, für ein Verhalten von mir, das ihm nicht paßt, das Charakteristikum „jüdisch“ verantwortlich zu machen, koste es, was es solle.

Das antisemitische Syndrom ist von seinem Gegenstand vollkommen unabhängig. Nicht das Verhalten des Juden zählt, sondern das Bedürfnis des Antisemiten, das, was ein Jude tut, negativ zu besetzen. Weswegen ein Antisemit immer etwas findet, wo er sich einhaken kann. Ein besonders tolles Ding in dieser Beziehung hat sich vor Jahren Klaus Rainer Röhl geleistet. In einer Glosse über Henry Kissinger schrieb er, Kissingers hervorragende körperliche Verfassung sei zurückzuführen auf „jahrtausendealte gesunde koschere Ernährung“, speziell „Knoblauch“. Röhl, der Schmock von der Elbchaussee, hat keine Ahnung, daß Knoblauch mit koscherer Ernährung nicht zu tun hat, aber wo von einem Juden die Rede ist, da reagiert der Antisemit wie ein Pawlowscher Hund auf die Glocke, und Knoblauchduft (oder besser: Gestank) steigt in seine arisch gradlinige Nase. Ich halte solche Reaktionen deswegen für so aussagestark, weil sie vegetativ ablaufen; das Es triumphiert über das Ich, da kann auch der aufgeklärteste Intellektuelle mit seinem Bewußtsein nix anfangen. Er stolpert in eine Falle, die er sich selbst gestellt hat und die er dennoch nicht sieht.

Emma, die Zeitschrift von Frauen für Frauen, brachte zum Papstbesuch in der Bundesrepublik einen Offenen Brief an den reisenden Stellvertreter. Darin ging es um die Sünden der katholischen Kirche an den Frauen. Und mitten in diesem Offenen Brief, völlig unvermittelt, heißt es auf einmal: „Wenn man eines aus dem Talmud lernen kann als Christ, dann doch dieses Dankgebet: ‚...gepriesen sei, der mich nicht zur Frau machte!“

Unbewußter Etikettenschwindel

Dieser Einschub folgt derselben Logik bzw. Unlogik wie die Piwittsche „jüdische Erziehung“ oder die Römische „koschere Ernährung“. Das Zitat steht nicht im Talmud, sondern stammt aus einem Morgengebet, für jüdische Männer. Daß eine Quelle nicht stimmt, kann schon mal passieren. Aber wie kommt die Verfasserin ausgerechnet auf den Talmud? Der Talmud spielt seit jeher in der antisemitischen Propaganda eine zentrale Rolle. Er ist, aus der Sicht der Judenhasser, sozusagen das Hauptbuch der jüdischen Gemeinheiten. Würde man all das zusammenstellen, was angeblich im Talmud steht, käme dabei ein Werk vom mehrfachen Umfang der Encyclopaedia Britannica heraus. Die Autorin des Papst-Briefes wird irgendwann mal irgendwas Negatives über den Talmud mitgekriegt haben und assoziiert ihn nun mit jüdischer Misogynie. Als gäbe es in der katholischen Kirche nicht genug Beispiele für die Diskriminierung der Frau, von der Hexenverfolgung bis zum Marienkult, muß sie auf ein jüdisches Exempel zurückgreifen. Und dazu eins, das die Beweislast nicht mal trägt.

Ich möchte jetzt nur noch wissen, wie nichtjüdische Männer an ihren Chauvinismus und ihre Frauenverachtung kommen, wo sie weder eine patriarchalische jüdische Erziehung genossen haben, noch jeden Tag dem Herrgott dafür danken, daß er sie nicht zur Frau gemacht hat.

Nun macht Ihr die Juden nicht nur für alles Mögliche und Unmögliche verantwortlich, Ihr könnt einfach nicht von den Juden lassen. Daß Aufklärung, Arbeiterbewegung und Assimilation Auschwitz nicht verhindert haben, macht Euch nicht stutzig. Und daß Ihr Euch heute wieder mit uns beschäftigen müßt, liegt natürlich an den Juden und nicht an Euch. Ihr merkt nicht einmal, daß Ihr wie ein in Schlamm und Geröll steckengebliebener Zug an genau der Stelle weitermacht, an der Eure Eltern aufhören mußten mit ihrem gescheiterten Versuch, das Weltjudentum aus der Welt zu schaffen. Die Endlösung der Judenfrage setzt Ihr nun mit ideologischen Mitteln fort; es geht Euch, wie allen Antisemiten vor Euch, um dieselbe Sache: Die Juden sollen aufhören, Juden zu sein, erst dann seid Ihr bereit, sie zu akzeptieren.

Und wenn Ihr meint, daß Ihr deswegen keine Antisemiten seid, weil Ihr Euch selbst nicht als Antisemiten definiert, dann sage ich Euch: Es wäre nicht das erste Mal, daß die Angaben auf der Verpackung nicht mit dem Inhalt übereinstimmen.

Euer Etikettenschwindel mag Euch selbst nicht bewußt sein, aber das spricht nicht gegen seine Existenz sondern, im Gegenteil, für die große Effizienz dessen, was Ihr verinnerlicht habt. Allerdings haben Eure Eltern so gründliche Arbeit geleistet, daß Euer antisemitisches Potential sozusagen freischwebend vagabundiert. Woran soll es sich festmachen, seit Hermann Tietz (Hertie), Ullstein und Mosse arisiert sind und leider auch feststeht, daß Iwan Herstatt kein Jude ist? Die paar jüdischen Hausbesitzer und Spekulanten, die Euch ins Auge fallen, geben nur kurzfristig was her.

Aber Gott sei Dank gibt es da noch den Über-Juden, den Staat Israel, um den Ihr Euch mit einer Verbissenheit kümmert, als hättet Ihr sonst nix zu tun. Euer Antizionismus ist nichts anderes als eine von links her aufgemotzte Variante des Antisemitismus: gleiche Logik, gleiche Methodik, gleiches Vokabular, nur „Jude“ gegen „Zionist“ ausgetauscht. Und daran hat sich nichts geändert. Ich muß nicht die Israel-Berichterstattung der UZ, der Roten Fahne, der Neuen, der TAZ usw. analysieren, ich muß nicht zum x-ten Male beweisen, daß an Israel ganz andere Maßstäbe angelegt werden als an einen Nicht-Juden, es genügen schon die kleinen Erfahrungen und Beobachtungen, die ich täglich mache.

  • Ich besuche einen sehr netten älteren Prof in Berlin. Eine Sozialarbeiterin, die Gefangenenhilfe macht, kommt dazu, wir werden einander vorgestellt. „Sind Sie der Broder, der nach Israel gehen will?“ – „Ja.“ – „Sagen Sie mal, wie kann ein Linker nach Israel gehen?“ – „Eine gute Frage, gnädige Frau, ich werde sie Ihnen beantworten, wenn Sie mir sagen, wie ein Jude nach Auschwitz in Deutschland leben kann.“

Damit war das gegenseitige Abfragen zu Ende. Ich hatte keine Lust auf eine Debatte. Ich hätte die junge Frau aber vielleicht doch fragen sollen, wie ein Linker in der Bundesrepublik leben kann, ohne tagtäglich mehr kotzen zu müssen, als er essen kann, in einem Land, das sich einen ehemaligen SA-Mann als Präsidenten leistet, in dem zahllose Massenmörder frei herumlaufen und in dem das demokratische Bewußtsein der Massen von der Höhe der Inflationsrate abhängt. Diese Frage wäre sicher unfair gewesen, man kann die Linken nicht für das Umfeld, in dem sie ihre Vergeblichkeit erleben, verantwortlich machen. Aber daß ein Linker – mal unterstellt, ich wäre einer – nach Israel geht, ist ein Vorwurf, an dessen Berechtigung es offenbar keinen Zweifel gibt,

  • Konkret, ein politisches Magazin, in dem ich viel veröffentlicht habe, brachte in der November-Ausgabe 1980 die Anzeige eines „Verlags für ganzheitliche Forschung“ in 2251 Wobbenbüll. Name und Programm des Verlages riechen schon aus der Ferne nach Blut und Boden, unter den angebotenen Titeln ist auch dieser: „Roland Bohlinger, Rassismus in Israel? Unser heißestes Eisen. Verwirklicht Israel, was dem Dritten Reich zum Vorwurf gemacht wird?“ Dies ist, in einer linken, entschieden antifaschistischen Zeitung, ein echter Fortschritt. Dem Dritten Reich wird nur noch etwas „zum Vorwurf gemacht“, es gibt da sozusagen einen gewissen Tatverdacht, aber die Tat, die dem Dritten Reich vorgeworfen wird, findet in Israel statt. Ich habe die konkret-Leute auf diese Anzeige angesprochen, und es war ihnen sehr peinlich. Sie sei „irgendwie reingerutscht“, keiner habe aufgepaßt und es käme nicht wieder vor... Schön und gut, aber kann sich jemand vorstellen, daß eine Buchanzeige, in der zum Beispiel vom „sowjetischen Völkermord in Afghanistan“ die Rede wäre, auch so unbemerkt ins Blatt hätte rutschen können?
  • Abends in einer Hamburger Kneipe, eine Hunde von Journalisten, Autoren, Uni-Menschen. Es wird über Faschismus und die Folgen geredet. Ein stadtbekannter linker Theoretiker namens Oberlercher, ein erklärter Antifaschist, sagt: „Das einzige, was die Juden aus ihrer Verfolgung gelernt haben, ist, wie man selber Leute verfolgt.“

Die gleiche Situation ein paar Tage später in einem Göttinger Lokal, diesmal eine Runde von liberalen Juristen, darunter auch einige engagierte Richter. Von der Rolle der Justiz im Dritten Reich kommt einer von ihnen auf den Holocaust-Film. „Da kann ich mich an die Schlußszene gut erinnern“, sagt er, „der jüngere Sohn der Familie Weiß sagt zu seiner Freundin: Wir gehen jetzt nach Palästina’ und sie sagt darauf: ‚Aber da sind doch schon Menschen“, worauf er sagt: ‚Da müssen: die eben etwas zusammenrücken‘, und seitdem ‚machen die Israelis mit den Arabern dasselbe, – was die Nazis mit den Juden gemacht haben. – Einer aus der Firma Freislers Erben schaut sich den Holocaust-Film an und die Szene, die ihm am besten in Erinnerung bleibt, ist eine, die er braucht, um die Juden mit den Nazis gleichzusetzen. Sonst hat ihn an diesem Film offenbar nichts beeindruckt.

Ich kann es nachvollziehen, wie Ihr auf diesen obszönen Vergleich „Israelis gleich Nazis“ und „Palästinenser gleich die Juden der Israelis“ kommt. Das ist Eure historische und psychologische Entlastungsoffensive. Nicht, daß Ihr ein Schuldbewußtsein gegenüber den Juden hättet, warum denn auch, Ihr habt doch keinem Juden ein Haar gekrümmt; aber ein gewisses Unbehagen habt Ihr doch, da stimmt was nicht mit Euren Eltern.

Die meisten von Euch haben sich nie mit ihren Eltern über deren Vergangenheit auseinandergesetzt. In den Familien wurde darüber nicht gesprochen und wenn Ihr mal Fragen gestellt habt, dann wurde Euch das Fragen verboten. Antworten habt Ihr nie gehört und wenn, dann bestenfalls: „Wir haben von nichts gewußt“ oder „Was hätten wir denn schon tun können...“

Und es könnte doch sein, Ihr wißt es, daß der Vater die Jahre, über die er nicht spricht, nicht an der Front mit dem Knacken von Russenpanzern, sondern im Warthegau bei Einsatzgruppen verbracht hat, die hinter den deutschen Linien das Land von Juden und Zigeunern säuberten.

Es könnte doch sein, daß die Mutter auf dem hübschen Photo aus dem Jahre 1942 ein Kleid, trägt, das mal einer Jüdin gehört hat, die es nicht nach Auschwitz mitnehmen durfte. Und wenn der Vater tatsächlich „nur“ an der Front war (wobei Ihr bedenken müßt, daß die KZs nur so lange arbeiten konnten, wie die Front hielt) und die Mutter das Kleid selbst genäht hatte, dann schulden sie Euch zumindest Aufklärung darüber, was sie sich gedacht haben, als die Cohns und die Blums von nebenan plötzlich verschwunden waren.

Ich verstehe, Ihr habt es nicht leicht mit einer solchen Hypothek im Rücken. Da sind wir, die Kinder der Verfolgten, leider besser dran. Und so verschafft Ihr Euch Erleichterung, indem Ihr die Auseinandersetzung, die Ihr mit Euren Eltern nie geführt habt, nie führen könntet, auf die Opfer Eurer Eltern übertragt. Es funktioniert: Die Juden-sind die Nazis, die Palästinenser sind die Opfer der Juden, und Eure Eltern sind aus allem heraus (und Ihr auch), sie haben’sozusagen mit sich selber nichts mehr zu tun. Ihr könnt ihnen Wieder ins Gesicht schauen, denn Ihr wißt jetzt, wo die Nazis sitzen, die es hier ja nie gegeben hat.

Grenzenlose Arroganz

Aber das ist noch nicht alles. Außerhalb Eurer familiären Problematik gibt es noch etwas, wovon ich schon gesprochen habe: Wer von Euch hat als Kind keine Horror- und Schauergeschichten über „den Juden“ gehört, der an allem schuld ist? Am Kapitalismus, am Kommunismus, an der Inflation, der Arbeitslosigkeit, den hohen Zinsen, den niedrigen Zinsen, der Pornographie, dem Krieg, dem Schandfrieden – an allem, womit der Antisemit nicht fertig wird und wofür er einen Sündenbock braucht. Und von diesem Sündenbock könnt Ihr nicht lassen. Ihr braucht ihn wie ein Süchtiger seinen Stoff, und da hilft keine Willensbekundung, kein Etikettenschwindel („Wir haben nichts gegen Juden, nur gegen Zionisten“); nur eine schmerzhafte Entziehungskur, aber dazu seid Ihr nie gekommen, weil Ihr genauso wie Eure Eltern zu keiner Trauerarbeit fähig seid und Euch statt dessen nicht verantwortlich erklärt für die deutsche Geschichte: „Ich hab’ keinen Juden ins KZ gesteckt, ich hab’ auch keinen Polen erschossen...“

Euer Jude von heute ist der Staat Israel. So wie Eure Eltern meinten, ohne die Juden ginge es ihnen viel besser, meint Ihr, ohne Israel gäbe es im Nahen Osten keine Konflikte. Es gibt keinen arabischen Staat, der nicht mit wenigstens einem anderen Staat in der Region permanent Zoff hätte: Ägypten mit Libyen, Libyen mit Tunesien, Algerien mit Marokko, Marokko mit Mauretanien, Jordanien mit Syrien, Syrien mit Irak, Irak mit Kuwait, Südjemen mit Nordjemen. Aber für Euch ist Israel der einzige Störenfried der Gegend, das einzige Hindernis zu Frieden und Sozialismus.

Ich will nicht sagen, daß Israel nicht kritisiert werden soll. Israels dumme, kurzsichtige, teilweise katastrophale Politik muß kritisiert Werden. Aber wer ist es, der da aufsteht und sich über Israel empört? Über die Siedlungspolitik, über die Verletzung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten, über die soziale Benachteiligung der israelischen Araber? Es sind dieselben, die die sowjetische Besatzung Afghanistans gutheißen, das bekanntlich den Bestand der Sowjetunion bedroht hat; die nicht mal wissen, daß Tibet von China besetzt gehalten wird, die Pol-Pots Terrorregime in Kambodscha für eine revolutionäre Volksregierung hielten und über drei Millionen Tote hinwegsehen. Es sind dieselben, die Begin einen Terroristen nennen, die vor jedem Despoten, sei es nun Idi Amin, Ghadaffi oder Chomeini, Honeurs machen, wenn er sich nur mit dem Etikett „antiimperialistisch“ schmückt; dieselben, die es einen Dreck interessiert, wie die Kurden in der Türkei langsam, aber sicher kulturell endgelöst und im Iran und Irak zu Hunderten massakriert werden; die vom Völkermord in Äthiopien noch nie was gehört haben und die über die anhaltende Sonderbehandlung der Zigeuner in der Bundesrepublik hinwegsehen. – Was bildet Ihr Euch eigentlich ein? Wo nehmt Ihr Eure Arroganz her? Den halben Tag seid Ihr mit Sprücheklopfen beschäftigt, den anderen halben Tag damit, die richtigen „Einschätzungen“ zu suchen. Aus keinem politischen Schaden werdet Ihr klug. Die Entwicklung in China hat Euch total überrollt, so schnell konntet Ihr Eure ewig gültigen Standpunkte nicht revidieren, wie die Pekinger Volkszeitung den Kurs wechselte. Der Krieg zwischen den irakischen und den persischen Revolutionären hat Euch die Sprache verschlagen. Zur Einführung der Vorbeugehaft in Indien fällt Euch genausowenig ein wie zu den dortigen Rassenunruhen, die Tausende von Menschenleben kosten. Daß im Iran Homosexuelle, Ehebrecherinnen und Prostituierte staatlich ermordet werden, rührt Euch nicht an.

Euer freischwebendes Sympathiepotential für die Völker der Dritten Welt wandert von Kontinent zu Kontinent, um-sich mal hier, mal da für eine Weile abzusetzen. Im Augenblick ist es El Salvador, vor einem Jahr war es Rhodesien, im Jahr davor Timor; Und wenn im kommenden Frühjahr die Karottenhosen nicht mehr modern sind, werdet auch Ihr etwas Neues für den fernrevolutionären Gebrauch entdeckt haben, vielleicht eine Befreiungsfront, welche die Antarktis vom Packeis befreien will.

Es gibt in Eurem wechselnden Repertoire nur einen Dauerbrenner: Palästina. Kein Stück Land ist Euch näher, kein Volk liegt Euch mehr am Herzen, kein Konflikt brennt Euch mehr auf den Fingernägeln. Euer Interesse an den Palästinensern hat nur einen einzigen vitalen Grund: daß es Juden sind, von denen sie unterdrückt werden. Nur darauf kommt es an, dies ist der Motor, der Euch antreibt, Ihr würdet an die Palästinenser sonst keinen Gedanken verschwenden, sie sind für Euch nur die Alibikulisse, vor der Ihr Euer antisemitisches Programm aufführt. Auch das läßt sich beweisen.

Kein Linker hat sich empört, daß es junge Deutsche waren, Nachkriegskinder, die in Entebbe eine Selektion jüdischer Passagiere durchführten. Ihr habt Euch erst aufgeregt, als ein israelisches Kommando die Geiseln befreite. Da habt Ihr Kondolenztelegramme an „Seine Exzellenz Idi Amin“ geschickt und die „Verletzung der staatlichen Souveränität Ugandas“ aufs schärfste verurteilt.

Als ob „staatliche Souveränität“ für Linke was Heiliges wäre. Die Verletzung der staatlichen Souveränität war Euch denn auch egal, als ein deutsches Terrorkommando die BRD-Botschaft in Stockholm überfiel.

Gleichgültigkeit gegenüber Tatsachen

Es ist das alte Spiel, das Ihr mit immer neuen Varianten aufführt: Juden wird weniger erlaubt als anderen, aber es wird ihnen mehr zugemutet: daß sie sich schlagen und demütigen lassen, daß sie allenfalls klagen, aber nicht zurückschlagen. Und wenn sich Juden so benehmen, wie es andere schon, immer getan haben, dann schwillt Euch der Kamm, das könnt ihr nicht haben, ob es nun ein jüdischer Hausbesitzer in Frankfurt ist oder ein israelisches Kommandounternehmen inAfrika.

Als Brigitte Schulz und Thomas Reuter vom israelischen Geheimdienst in Kenia gekidnappt und dann in Israel versteckt gehalten wurden, dann war das eine schlimme Geschichte, vorbei an Recht und Gesetz, unabhängig davon, ob die beiden Deutschen tatsächlich versucht hatten, eine El-Al-Maschine abzuschießen oder nicht. Da habt Ihr getobt und geschäumt über diesen „zionistischen Coup“. Als aber bekannt wurde, daß in Argentinien mindestens zwei Dutzend Deutsche, meist Entwicklungshelfer, spurlos verschwunden waren, als die Pfarrerstochter Elisabeth Käsemann in Argentinien von staatlichen Stellen ermordet wurde, da waren Eure Reaktionen – gemessen an Schulz/Reuter in Israel – recht moderat. Es waren. ja auch keine Juden, gegen die sich Eure Wut richten konnte. Alles schon mal dagewesen: Wenn in Polen oder Rußland irgendwo zur Pessach-Zeit ein kleines Kind verschwand, war es allen klar: Die Juden brauchten wieder Christenblut zum Matzenbacken. Meist gab es darauf ein Pogrom. Die christlichen Totschläger waren dann immer furchtbar enttäuscht, wenn das „geschächtete“ Kind wieder auftauchte oder sich herausstellte, daß für sein Verschwinden ein arischer Täter verantwortlich war. Noch heute werden Ritualmordgeschichten in Polen mehr geglaubt als die Verlautbarungen

Heiligabend 1980, ich höre im WDR 2 Nachrichten. Die Top-Meldung kommt aus Rom: „Christen und Moslems haben nach Ansicht von Papst Johannes Paul II., die Pflicht zur Zusammenarbeit, um Freiheit für Jerusalem zu erreichen und die Heilige Stadt allen religiösen Gruppen zurückzugeben.“

Ich will nicht darauf eingehen, was die Institution, die der Papst personalisiert, zwischen Heiligabend 1939 und Heiligabend 1944 für den Frieden und die Beendigung des Genozids an den Juden getan hat; ich will nur, in aller Demut, daran erinnern, daß kein Papst bis zum Jahre 1967, dem Sechs-Tage-Krieg also, dazu aufgerufen hat, „die Heilige Stadt allen religiösen Gruppen“ zu öffnen; bis dahin waren nämlich die Juden die einzige religiöse Gruppe, die keinen freien Zugang zu ihren heiligen Stätten hatte. Heute, da Jerusalem unter jüdischer Souveränität den Gläubigen aller Konfessionen offen steht, meint der katholische Oberhirte dazu aufrufen zu müssen, „Freiheit für Jerusalem“ zu erreichen. Und das Schlimmste: niemand empört sich, niemand schreit auf.

Das antijüdische Ressentiment scheint fast, wie der Freß- und Sexualtrieb, eine anthropologische Grundkonstante zu sein. In jedem Fall ist es der kleinste gemeinsame Nenner der abendländischen Kultur, auf den sich so gut wie alle verständigen können, vom Vatikan bis zum Kreml; da schwingt Ihr im selben Rhythmus wie der Herr Karol Wojtyla. Und Ihr habt noch etwas mit ihm gemeinsam: die völlige Gleichgültigkeit gegenüber Fakten. Die Ritualmordgeschichten waren durch Fakten ebensowenig zu widerlegen wie die von der zaristischen Geheimpolizei verfaßten „Protokolle der Weisen von Zion“, ein Klassiker der antisemitischen Propaganda. Ihr geht, wenn es Euch in den Kram paßt, mit Tatsachen genauso freihändig um.

Ihr habt von nix eine Ahnung, aber zu allem einen fertigen Spruch parat. Ihr wißt nicht, daß Israel genauso viele Juden aus arabischen Ländern aufgenommen hat, wie 1948 Araber aus Palästina geflohen sind; Ihr redet von Palästina und meint den schmalen Wüstenstreifen, das Gebiet von Israel, Gaza und die Westbank. Ihr wißt nicht, daß auch das Gebiet östlich des Jordan historisch ein Teil von Palästina ist und erst im Jahre 1922 von den Briten an die haschemitische Dynastie, aus der auch König Hussein stammt, „abgetreten“ wurde. Ihr wißt auch nicht, daß König Husseins Großvater, Abdullah, für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern eintrat und, deswegen, im Jahre 1947 von arabischen Terroristen umgebracht wurde. Ihr wehrt alles ab, was Euer präfabriziertes Ressentiment, erschüttern könnte.

Während ich diese Geschichte schreibe, erscheint, die Januar-81-Ausgabe von Emma. Auf der Schlußseite die Vorschau auf „die nächste Emma“, unter den angekündigten Themen auch dies: „Palästina: Ingrid Strobl war vor Ort.“ Wo war Frau Strobl? In Palästina. Sie flog von Frankfurt nach Tel Aviv, fuhr von dort quer durch Israel nach Jerusalem, traf in Ost-Jerusalem ihre PLO-Freunde. Für Emma gibt es kein Israel mehr, die zweite Phase der Endlösung ist offenbar bereits beschlossene Sache und nur noch eine Frage der Zeit.

Ich habe Alice Schwarzer gefragt, was sie sich bei dieser Ankündigung gedacht habe, worauf mir Alice Schwarzer sagte, sie habe sich nichts dabei gedacht, mit der Gedankenlosigkeit etwas entschuldigend, was erst durch sie schlimm wird: wie selbstverständlich der Un-Gedanke einer Vernichtung jüdischer Existenz bereits wieder geworden ist, so selbstverständlich, daß man sich nichts mehr dabei denkt.

Von „Palästina“ wieder in Köln zurück, verkündete Frau Strobl, die Juden hätten in Palästina nichts zu suchen, das sei doch eine absolut alberne Geschichte, nur weil irgendwelche Hebräerstämme vor zweitausend Jahren dort mal gelebt hätten... Ich versuchte erst gar nicht zu erklären, daß es historische, religiöse und metaphysische Bindungen gibt, die sie möglicherweise nicht nachvollziehen kann, die aber für andere eine Rolle spielen. Ich zog mich auf ein einfacheres Argument zurück und sagte, wir hätten es zweitausend Jahre ohne einen Staat versucht und dabei reichlich schlechte Erfahrungen gemacht; worauf. Frau Strobl, ein Doktor der Philosophie, mir erwiderte, dann sollten wir es mit dem jüdischen Staat woanders versuchen, vielleicht in Bayern, aber die Palästinenser in Ruhe lassen, die hätten uns nichts getan...

An dem Satz ist was dran. Tatsächlich bezahlen die Palästinenser einen Teil der Zeche, für die Frau Strobls Eltern, pars pro toto gesprochen, verantwortlich sind. Aber an dieser Front hält Frau Strobl still, statt dessen empfiehlt sie den Israelis, sich aus Palästina zu verpissen.

Immerhin ist Frau Strobl in ihrem Ressentiment ehrlich. Sie gibt zu, daß es ihr nicht um irgendwelche besetzten Gebiete geht, Westbank, Gaza, Golan; für sie. wäre Israel auch dann ein Besetzerstaat, der aufgelöst gehört, wenn er sich auf das Stadtgebiet von Tel Aviv beschränken würde. Es geht ihr nicht um einen gerechten Ausgleich im Nahen Osten, nicht darum, daß beide Seiten, Israelis und Araber nachgeben und einen Modus vivendi finden, wenn, sie nicht miteinander draufgehen wollen; es geht ihr, und mit ihr vielen deutschen Linken, ums Prinzip: Es darf keinen jüdischen Staat geben. Dies ist der prospektiven Endlösung.schon fest gebuchter zweiter Teil. Während Eure Mütter und Väter über Auschwitz so zur Tagesordnung übergegangen sind, als wäre ein verregneter. Sommer gewesen, während deutsche Gerichte über die „Echtheit“ des Tagebuches von Anna Frank befinden und die rechte Propaganda nicht nur das Tagebuch, sondern die ganze Judenverfolgung für eine Fälschung erklärt, während Jugendliche, die zur Regierungszeit von Ludwig Erhard geboren wurden, schon darüber witzeln, wieviele Juden in einen VW-Aschenbecher passen, engagiert Ihr Euch dafür, den Staat Israel aufzulösen und setzt damit, wenn auch mit anderen Mitteln, die Arbeit von Adolf Eichmann fort. Wer 40 Jahre nach Auschwitz einem jüdischen Staat das Existenzrecht abspricht beziehungsweise – nicht ganz so direkt – politische Lösungen anstrebt, die auf eine Vernichtung Israels hinauslaufen, sollte wissen, worauf sein Engagement zielt. Und er sollte auch wissen, daß er seine Hände nicht in Unschuld wird waschen können, wenn ...

Ich bin am Ende. Am Ende dieser Geschichte, am Ende meiner Wut, und auch am Ende mit Euch, meine linken Freunde. Ich will nicht mehr an Eurer Dumpfheit leiden, ich will Euch nicht mehr erzählen, was Eure Eltern Euch verschwiegen haben, ich will Euch nicht kritisieren und nicht aufklären, ich will nicht mehr Euer antifaschistischer Bedarfsjude sein – ich will mit Euch nichts mehr zu tun haben.

Dies ist die erste Geschichte, die ich in der Wir/Ihr-Form geschrieben habe. Noch vor einem Jahr hätte ich so was nicht gemacht. Aber es geht nicht anders, obwohl ich weiß, daß ich einigen von Euch Unrecht tue: dem einen Uwe und dem anderen, dem Manfred und dem Detlef, der Barbara und der Hilde, dem Peter und dem Hanno, dem Günter und dem Gerhard und bestimmt noch ein paar anderen, die mir grad nicht einfallen.

Früher kannte jeder Deutsche wenigstens einen anständigen Juden. Heute kenne ich ein paar, anständige Deutsche.

So ändern sich die Zeiten.