Die Jungdemokraten übten sich bei ihrem Bundesdelegiertenkongreß in ungewohnter Rolle. Loyal, wie es einem Jugendverband geziemt, lieferten sie in Leverkusen jenes Maß an Selbstkritik, das die FDP erwartete. Als Abgesandter der Parteiführung registrierte Innenminister Baum die Besinnung zur Zusammenarbeit und munterte gleich wieder zu begrenzter Unbotmäßigkeit auf: Mehr als kritische Sympathie wird den Judos gar nicht abverlangt.

Baum erntete für seine Vermittlung ungeteilten Beifall. Ihn selber mag das gewundert haben; schließlich hatte er wenige Tage zuvor den Bundesgrenzschutz gegen jene Judos aufgeboten, die in Brokdorf mitdemonstrierten.

Um ihre Einsicht zu beweisen, mußten die Judos nur eine geringfügige Korrektur anbringen: Der oftmals beanstandete Satz aus dem Strategiepapier zur Bundestagswahl 1980, daß die FDP eigentlich „eine Agentur jener Kräfte ist, die es zu bekämpfen gilt“, wurde gestrichen. Dann bekam die Mutterpartei wieder reichlich Kritisches zu hören, vor allem zur Sicherheitspolitik: Viel zu eilfertig sei Breschnjews Moratoriums-Angebot abgelehnt worden; die sozial-liberale Regierung falle noch immer auf die „Legende von der sowjetischen Bedrohung“ herein.

Die Judos haben es sich zum Prinzip gemacht, durch anstößige Thesen Denkanstöße zu geben. Sie verstehen sich als Teil der Linken und legitimieren sich durch forsche Abgrenzung vom gewöhnlichen Liberalismus. Ihre mehr als lose Bindung an die FDP erleichtert die politische Sonderkultur. Nachdenkliche Judos nehmen freilich auch den Nachteil ihrer Ausnahmestellung wahr: Weil die FDP sie weitgehend links liegenläßt, haben keine gegenseitigen Lernprozesse stattgefunden.

Die FDP respektiert, daß die Judos immerhin Zugang zu den außerparlamentarischen Randgruppen haben. Ob bei Anti-Atomdemonstrationen oder bei den Berlinern Instandbesetzern – wo sich Widerstand bildet, stehen die Judos auf der Matte. Zwar gehören sie nirgends zu den Wortführern, sind aber in der Szene heimisch. Ihr Anspruch ist es, die Sprachlosigkeit zwischen der etablierten Partei und der neuen Protestbewegung zu überwinden.

Allerdings steht zu befürchten, daß sich die Judos übernehmen, und deshalb war das Echo auf William Borms Parole: „Kampf dem Atomtod“ zwiespältig. Denn was passiert, wenn demnächst vor Arsenalen mit Atomsprengköpfen demonstriert wird? Die Judos werden wieder dabeisein, während der Parteivorsitzende Genscher den Nachrüstungsbeschluß verteidigt.

Gerhard Spörl