Der Theologe F. Stier, ein Querulant des Glaubens

In der vergangenen Woche starb in Tübingen der katholische Alttestamentler und Bibelübersetzer Professor Fridolin Stier – 79 Jahre alt. Kurz vor seinem Tod hat er auf Drängen von Freunden seine jahrelang gemachten tagebuchartigen und eigentlich nie für Dritte bestimmten Aufzeichnungen veröffentlicht (Fridolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag – Aufzeichnungen, Verlag Kerle, Freiburg/Heidelberg, 1981, 384 S., 42 Mark). Diese spontanen Notizen reichen von der philosophischen Reflexion bis zum Wutschrei, von der Fabel über die Erzählskizze bis zum Gedicht. Da breitet ein Mann seine Gedanken und Gefühle aus, der sich seit Jahren den üblichen theologischen Denk- und Rechtfertigungsschemata verweigert hat. Ein – wie er sich selbst bezeichnet – „Querulant des Glaubens“, weil er das Wort Gottes wörtlich nimmt und zornig abrechnet mit der theologischen Harmonisiererei.

Dieses Buch ist faszinierend und bewegend, nicht nur der Sprachmächtigkeit des Autors, sondern vor allem auch seiner radikalen Wahrhaftigkeit wegen. Es dokumentiert auf oft intimste Weise das Ringen eines Mannes, der in seinem Leben Leid und Sinnlosigkeit erfahren hat, an sich und an anderen. Der mit Gott hadert und zornig streiten kann angesichts des qualvollen Todes einer Katze, eines Vogels.

Der großartige Übersetzer des alttestamentlichen Hiob-Buches hat mit seinen Aufzeichnungen selbst ein Hiob-Buch des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Ein Mensch, der sich auflehnt gegen sinnlosen Schmerz und Tod der Kreatur, gegen das Gefühl des Gefangenseins im Kerker des Kosmos, gegen die „ungefragt und unerbeten auferlegte Existenz“ – und dennoch glaubt. „Kein Spatz fällt vom Dach (ohne den Willen eures Vaters)... – stell dich dazu! Laß dich auslachen für diesen ‚Mehr-wert-als-viele-Spatzen’-Glauben! Erster Augenaufschlag: Von der Veranda herein der Kater mit dem Vogel im Maul – einem halbflüggen Dompfäffchen... Unerträglich, verehrtester Herr! Aber dein ist das ‚Recht‘ und die Macht und die Herrlichkeit – aber mein ist das ‚Recht‘ auf den Schrei! Guten Morgen Herr Allherr! Guten Morgen, Herr ‚Vater‘! Das Dompfäffchen zwischen den Zähnen des Katers, es jammert dir piepsend, kläglich die laudes, den Psalm. Und stirbt. „Wenn ich deiner gedenke...‘ – gestatte: mich würgt’s!“

Die Auseinandersetzung mit der Sprache der Theologie und der Bibelübersetzer durchzieht die über einen Zeitraum von vier Jahren reichenden Aufzeichnungen. Immer wieder Zornesausbrüche über die „Sprache, die an Fettwucherungen, Lipomen leidet, an Ödemen, wäßrigen Aufschwemmungen...“ Fridolin Stier hat das „Große Haus verlassen“, um „Theologie im Vorhof“ zu treiben.

„Ich sah einmal zu – es war ein quälender Anblick – wie ein Bussard sich kröpfte. Daran erinnert mich das Gedanken-, Ausdrücken‘ mancher Theologen. Es war das Unverdauliche, das der Vogel aus sich herausdrückte. Immerhin war es nicht dazu bestimmt, daß ein anderer es verdaue...“ Ein anderes Zitat von Stier:

„Was ich ,in ventre piscis‘ (im Bauch des Fisches) vor mich hin sinne und schreibe, das werden Theologen für Ketzerei, Fachphilosophen für Pfusch erklären. Aber ich habe weder die Absicht noch den Ehrgeiz noch den nötigen Dünkel, um bei ihren Geschäften mitreden oder mitmachen zu wollen. Allerdings habe ich mich in ihren Denkwerkstätten und systematischen Konstruktionsbüros fleißig umgesehen und umgehört. Ich hörte sie über den ‚Dornbusch‘ reden und das Reden anderer darüber bereden, ich selbst aber habe mir, mein ich, an der Flamme die Finger verbrannt, sie besprechen das Feuer, ich falle hinein ... Meine ‚Gedanken‘ riechen nach Erde, Wurzeln und Wasser, sie schmecken nach etwas – nach dem konkreten Welt- und Schicksalsstoff.“