Tomas Tranströmer
TOMAS TRANSTRÖMER VIELE SCHRITTE Die Ikonen wurden mit dem Gesicht nach oben in die Erde gelegt, und die Erde wurde zugetrampelt von Rädern und Schuhen, von tausend Schritten, von den schweren Schritten von zehntausend Zweiflern.
Im Traum stieg ich unter der Erde in ein selbstleuchtendes Becken, ein wogender Gottesdienst.
Welch eine starke Sehnsucht! Welch eine idiotische Hoffnung!
Und über mir das Getrampel von Millionen von Zweiflern.
DER BLICK DES WINTERS Ich stehe schräg wie eine Leiter und reiche mit dem Gesicht ins erste Stockwerk des Kirschbaums.
Ich bin in der Glocke der Farben, die vor Sonne läutet.
Mit den schwarzroten Beeren werde ich schneller fertig als vier Elstern.
Da trifft mich plötzlich die Kühle von weither. Der Augenblick wird schwarz und bleibt wie das Mal der Axt in einem Stamm. Von jetzt an ist es spät. Halb springend begeben wir uns außer Sichtweite, hinab, hinab in das antike Kloakensystem, Die Tunnel. Dort wandern wir monatelang, halb im Dienst, halb auf der Flucht.
Kurze Andacht, wenn über uns ein Deckel sich öffnet und ein schwaches Licht fällt.
Wir blicken nach oben: der Sternenhimmel durch das Abflußgitter.
CODEX Die Männer der Anmerkungen, nicht die der Titelzeilen . Ich befinde mich in dem tiefen Flur, der dunkel wäre, wenn nicht meine rechte Hand leuchtete wie eine Taschenlampe.
Das Licht fällt auf etwas, das an die Wand geschrieben worden ist, und ich sehe es, wie der Taucherden Namen des gesunkenen Rumpfes in der strömenden Tiefe auf sich zuflimmern siehf:
ADAM ILEBORGH1448. Wer?
Derjenige, der die Orgel dazu brachte, ihre plumpen Flügel auszubreiten und aufzusteigen — annähernd eine Minute lang schwebte sie.
Welch ein gelungenes Experiment!
An die Wand geschrieben: M A YONE, DAUTHENDEY, KAMINSKI Das Licht fällt auf Namen um Namen.
Die Wände sind vollgekritzelt.
Es sind die Namen der fast ausgelöschten Künstler, die Menschen derAnmerkungen dieungespielten die halbvergessenen, die unsterblichen Unbekannten. Für einen Augenblick ist es, als flüsterten alle ihre Namen auf einmal— .
Flüstern zu Flüstern addiert zu einer Schlagwelle, die den Flur entlangstürzt, ohne jemanden umzuwerfen.
Übrigens ist es kein Flur mehr.
Weder Begräbnisstätte noch Marktplatz, sondern etwas von beidem.
Sogar ein Treibhaus ist es.
Hier gibt es massenhaft Sauerstoff.
Die Toten der Anmerkungen können tief atmen, sie gehören zum Echosystem wie früher.
Aber sie kommen um vieles herum!
Sie kommen darum herum, die Moral der Macht zu Schlucken, sie kommen um das Spiel mit den schwarzen und weißen Feldern herum, worin der Leichengestank das einzige ist, das nicht stirbt.
Sie werden rehabilitiert.
Und diejenigen, die nicht mehr nehmen können, haben zu geben nicht aufgehört.
Sie rollten den strahlenden und schwermütigen Wandteppich ein Stückchen auf und ließen dann los.
Manche sind anonym sie sind meine Freunde, aber ich kenne sie niclit. Sie ähneln jenen Stein- , menschen, die man auf Grabplatten in alten Kirchen ausgehauen findet.
Milde oder strenge Reliefs in Wänden, die wir streifen, Figuren und Namen, eingesunken in Steinfußböden, dem Ausgelöschtwerden nahe.
Aber diejenigen, die wirklich aus der Liste gestridien werden wollen .
Die bleiben nicht im Bereich der Anmerkungen stehen; sie betreten die abwärtsführende Laufbahn, die in Vergessen und Frieden endet.
Dem völligen Vergessen. Es ist eine Art Prüfung, die IM stillen abgelegt wird, über die Grenze zu gehen und keiner merkt es.
- Datum 17.04.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.4.1981 Nr. 17
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