Von Fritz J. Raddatz

„Die Fleißer und (auf anderem Feld) Walter Mehring sind von den Jüngeren die stärksten Könner.“

Alfred Kerr 1929

Bei der Verhaftung meinte der Dorfpolizist des südfranzösischen Fleckens Perpignan gewiß, in dem abgerissenen Vagabunden mit falschem Paß einen großen Fang gemacht zu haben; daß er einen modernen Villon fast ans Messer lieferte, konnte er nicht wissen. Das war 1941, Walter Mehring lebte seit 20 Jahren in Paris, aber der Sichtvermerk der „Sûreté Nationale Marseille“, mit dessen Hilfe er dem Sammellager für staatenlose Ausländer und dem ganzen mordhungrigen Kontinent Europa entkommen konnte, liest sich wie eine Überschrift für sein Leben: „Gültig zur einmaligen Ausreise – sans idée de retour

So hat er sich selber stets gesehen. Als Willy Haas seine Arbeiten einmal charakterisierte: „und doch kommt Mehring von anderswo her und mündet anderswo .. schrieb er dem Kritiker einen Brief: „Nun, wo auch immer, jedenfalls bei keiner herrschenden Anschauung.“ Das war die Querköpfigkeit, die ihm schon der Deutschpauker des Königlichen Wilhelmgymnasiums in Berlins Bellevuestraße bescheinigt hatte – ein Heft wurde stets neben den Stapel der Aufsätze auf den Katheder gelegt: „Die meisten haben das Thema, richtig behandelt – nur unser Freund Mehring ist natürlich anderer Meinung.“ Er war immer „anderer Meinung“, und er hat dann „das Thema richtig behandelt“, hat den Mann – der dem Primaner Mehring noch kürz vor der Einberufung zu einem Ersatzbataillon einen „Verweis wegen unpatriotischen Verhaltens erteilte – zum Typ gemacht in seiner Untertan-Fabel „Müller – Chronik einer deutschen Sippe“.

Das ist einer der großartigsten satirischen Romane, an denen die deutsche Literatur so arm ist wie die deutsche Wirklichkeit reich an Sujets dafür. Selbst das Gesuch des deutschen Gesandten in Wien 1934, des Herrn von Papen, die Drucklegung in Österreich zu unterbinden, liest sich, als habe Mehring selber das formuliert; verlangt wurde „die Beschlagnahmung und Vernichtung des Machwerkes, das eine vorsätzliche Kränkung des arischen Rasse-Empfindens und eine grobe Entstellung der germanischen Geschichte“ darstelle. Hermann Kesten, der dem Freund Mehring für seine Tonfühligkeit einmal den herrlichen Titel „der pathetische Polizeireporter der deutschen Lyrik“ verliehen hat, sagte in diesem Zusammenhang: „Ja, die Deutschen arbeiten so. intensiv für ihre Satiriker und Parodisten, daß es oft geradezu so aussah, als bliebe den Satirikern und Parodisten nichts mehr zu tun übrig. Statt zu übertreiben, wie es ihrem Gewerbe zusteht, mußten sie untertreiben, um nicht jede sogar satirische Wahrscheinlichkeit zu zerstören. Arme deutsche Satiriker!“