2000 m - drunter und drüber

Iamen werde ich nur nennen, wenn sie im Ungefähren bleiben können, so daß mit ihnen wenig anzufangen ist. Denn dort, wo unsereiner sich vorzugsweise herumtreibt, möchte ich nach Möglichkeit niemandem begegnen. Höchstens dem einen oder anderen verläßlichen Einzelgänger, mit dem man ein kurzes „Grüß Gott!" wechselt oder, wenns hoch kommt, ein paar zweckdienliche Informationen austauscht: „Gehts da herauf oder dort drüben?" Gegen so einen, der dann vielleicht ein großkariertes Taschentuch zieht, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, denn die Sonne zieht Wasser, und er steht eh gerade, gegen so einen also ist nichts einzuwenden. Denn er ist einer von uns, eigensinnig und zäh, und er hat entdeckt, was ihn glücklich macht. Aber nicht aus den Wandertips in der Zeitung, sondern in vielen Jahren entbehrungsreicher Fußarbeit bergauf und bergab.

Wir befinden uns nämlich, das muß nachgetragen werden, im Gebirge, genauer: in den Alpen, noch genauer: in den bayerischen Voralpen, kaum hundert Kilometer südlich von München. Doch wer da gleich an Wallberg- und Tegelbergbahn denkt oder an den Sonnengrill auf dem Wank, wo man ; sehen kann, wie ein biederer Berg sich mißbrauchen lassen muß im Interesse des Fremdenverkehrs, der ist auf dein Holzifce Hochalpmes name droppmg wild weht sfatttinden Montblanc, Matterhorn und Oii ler sind jenseits unseres Horizontes, und die Lokalgroßen von Wetterstein und Karwendel erheben sich nur am Räude unseres Blickfeldes Sie liefern lediglich geographische Firpunkte und damit die Bestätigung dafür, daß wir uns nicht im montanen Nirwana befinden, sondern in der kernigen, kanugen, oberbayenschen Wirklichkeit etwa zwischen Tegernsee und Fiissen.

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Die Talbummler da unten, in den Aussichtscafes, nehmen freilich nur die alpine Prominenz ms Visier, damit sie etwas vorzuweisen haben, wenn sie Rechenschaft über ihren Urlaub ablegen müssen Den belanglosen Jachenauer, Oberammergauer und Karwendelvorbergen, den Soiern und dem Estergebirge, auf denen unsereiner möglichst keinem begegnen möchte, es sei denn dem Einzelgänger mit dem karierten Taschentuch — denen allen kehren sie den Rükken zu. Denn die heißen so unscheinbar, heißen Grasberg oder Ochsenstaffel, Fricken oder Klafien, Kreuzkopf oder Gabelschrofen, daß sich mit ihnen schlechterdings gar nichts Rühmliches anfangen läßt in der Norddeutschen Tiefebene. Und über die Höhenangaben hinter den Namen kann man wirklich nur lachen! Viele Gipfel, wenn man die so nennen will, erreichen nicht einmal das Niveau des Bahnhofsrestaurants in Davos 1800 Meter gelten schon als stattliche Höhe, und die Berge jenseits der „Schallgrenze" von 2000 Meter geben sich gleich ganz erhaben. Ihre Häupter über dem dichten Latschenpelzkragen schmücken sie mir klobigem Kalkgestein, ungeschliffen und lupenrein.

Unsereiner grämt sich wenig darüber, daß es diesen Revieren an Renommee fehlt. Er hat dem höheren alpinen Ehrgeiz nicht grundsätzlich entsagt. Doch zu Zeiten weiß er nichts Schöneres, als in der namenlosen Zone zwischen 1500 und 2200 Meter unterzutauchen: im Frühsommer und im Spätherbst, oder wenn dem Wetter nicht zu trauen ist, oder wenn sich absehen läßt, daß die gängigeren Gebirge von Alpinschulen, geführten Gruppenwanderern und Punktesammlern für den „goldenen Bergsofeuh" verstopft sein werden. Dann streift er am liebsten durch die ausgefransten Hochwälder, wo die letzten Fichten einen harten Dauerkampf gegen Wind, Wetter und Bodenerosion führen. Dann schlägt er sich durch dichte Latschenfelder, strampelt sich steile Schuttruinen hoch, sucht zugewachsene Pfade, verblichene Markierungen, verfallende Diensthütten, wandelt über üppig blühende Bergwiesen, die kein Naturschutzgesetz brauchen, lauscht dem in der Still dröhnenden, Bienengesumm, jagt Fliegenseh wärme über frischer Gemslosung auf, erschreckt Gemsen, die fünf Meter vor ihm friedlich äsen. Denn damit, daß heute nocheiner hier vorbeikommt, haben sie offenbar nicht gerechnet.

Vergessen sind die komfortabel möblierten Erschließungszonen, mit Ruhebänken, Forstmeilen, Berggasthäusern, mit Rundwanderwegea, numerierten Markierungen und Klettersteigen. Den Spuren, auf denen unsereiner sich durchs Gelände schlägt, ist nicht anzusehen, ob sie der Jäger getreten hat oder das Rindvieh, als es vor Jahren noch hier weidete. Ich kenne einen Berg, der wie ein hoher geistlicher Würdenträger heißt, auf dem die Markierungen nur für Absteiger zu erkennen sind; Ihnen darf geholfen werden; denn sie haben zuvor gezeigt, daß sie sich selbst zu helfen und den Gipfel zu finden wissen; nun sollen sie auch heil wieder runterkommen. Dabei strebt unsereiner nicht immer mit allen Mitteln, oft auch nur mit halbem Herzen dem Gipfel zu. Der Weg ist wichtig, nicht das Ziel. Doch wenn wir den höchsten Punkt erreichen, so sind wir nicht enttäuscht, vielleicht nur ein morsches Holzgestänge oder ein zusammengesacktes Steinmanndl vorzufinden, Gipfelkreuze, Gipfelbücher bleiben feineren Bergen mit einem größeren Publikum vorbehalten. Auch haben wir längst gelernt, ohne die : gastlichen Häuser auszukommen, die in den wohnlich ausgestatteten Zonen der Alpen so dicht aufeinander sitzen. Hier, in der Region 1800, sind sie entweder weit, oder es sind keine ,Dann, stehst du unerlöst vor einer verschlossenen Tür, oder du darfst eintreten — um zu erfahren, daß man auf dieser Hütte sich selbst versorgt.

Unzulänglich ausgerüstet ist unsereiner auf solchen Streif zögen fast immer. Denndas sind, spontane Unternehmungen, geboren aus der Lust des Augenblicks oder beim Studium einer Tourenkarte von Anno 1905. Gerade daß die Schuhe fest sind und die Hose hält. Den Wärmeschutz läßt die Vorsorge schon aus. Und all die anderen kleinen Sachen, die im Rucksack Freude machen, Butterbrote, Traubenzucker, Heftpflaster, Kompaß, Tee— ach du liebe Bergwacht!

Da klebst du nun mitten, in einer Sandreiße, und was wie ein Pfad ausgesehen hat, bricht unter dir in einer Felswand ab, der nicht beizukommen ist. Natürlich fängt es nun sanft durch dringend zu regnen an und liässelt dir zügig zum Hemdkragen herein. Der federleichte Regenumhang liegt trocken, unten im Auto. Dabei hängt der Himmel schon seit Stunden voll von schweren Wolken. Also schlägst du dich zurück durch das schon bekannte Latscbengestrüpp, regenfeuchte Zweige peitschen dir das Gesicht, streifen den Hut vom Kopf, und bevor du seiner auf allen Vieren wieder habhaft wirst, bist "du noch ein paarmal auf den nassen "Wurzeln ausgerutscht. Endlich entdeckst du wieder eine knappe Anauf einer weichen Wiesenmatte wieder, tausendfach bedeckt mit Bergaurikeln, Enzian, Solda~ „neuen, die Sonneblinzelt durch dieJWolken, die Wiese und du, ihr dampft vor Verdunstung — imd gleich über euch das kleine, langgesuchte Felsenköpf l aus griffigem Kalk (1876 Meter), Fünf Minuten später bist du oben und sicher, daß vor dir noch niemand hier gestanden hat, außer höchstens ein paar hundert solcher Narren wie du.

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