"Am liebsten hätte ich Geld"
Wie Industrie und Ärzteschaft auf.' ein Buch reagieren, das die Praktiken des Arzneimittel-Marketing auf deckt / Von Justin Westhoff
Barfüßärzte" werden etwas verächtlich und unter Anspielung auf volkschinesische Verhältnisse von deutschen Standesvertretern diejenigen Kollegen genannt, die keine spezielle Facharztanerkennung aufweisen können. Ausgerechnet Dr. Barfuß heißt, jener praktische Arzt in Wien, der sich offenkundig auskennt. „Schon wieder ein Beta Blocker", hält er den Pharmavertreter auf Distanz; es gebe, ohnehin zu viele derartige Präparate gegen Herz KreislaufErkrankungen, die sich voneinander kaum unterscheiden Ärztemuster und einen Stempel, mit dem sich der Name „Prent" leichter, aufs Rezept praktizieren läßt, nimmt Dr. Barfuß immerhin entgegen. Dann kommt er zum Eigentlichen: Es bestehe prinzipiell kein Grund, Prent einzusetzen—„Was bieten Sie?"
Sein Gegenüber heißt Dr phil. Hans Weiss. Er hat sich in Wallraffscher Manier als Außendienstmitarbeiter bei der österreichischen Tochter des deutschen Chemie- und Pharmakonzerns Bayer anstellen lassen und dabei so viele Fälle gesammelt daß er die Barfuß Geschichte aus Platzgriinden nicht einmal in dem kürzlich erschienenen Buch „Gesunde Geschäfte" unterbringen konnte; seit seinem Erscheinen tat das Werk auch so für genügend Aufregung gesorgt.
Weiss zitiert weiter den Wiener Doktor: „Wir können ja offen miteinander reden. Am liebsten hätte ich Geld. Ich bin gerne bereit, ein bißchen was dafür zu tun. Ich stelle ein paar Patienten mit Hochdruck auf Prent ein, messe den Blutdruck, mache ein paar Aufzeichnungen und liefere Ihnen das ab "
„Feldstudien nennt die Branche solche Scheinuntersuchungen. Der falsche Pharmavertreter informiert seinen Vorgesetzten, den MarketingLeiter Bernd Hocke. Der zieht den für medizinische Studien in Österreich zuständigen BayerDoktor Jackwerth hinzu. Hocke erkundigt sich, ob man „den Schein wahren und ihn ein paar Bögen ausfüllen lassen" soll. Jackwerth: „Wir haben das in der Vergangenheit ja schon ein paar Mal praktiziert, wichtigen Ärzten Geldgeschenke zu machen. Vielleicht finde ich noch irgendwo einen alten Prüfbogen von einem anderen Präparat, den man für diesen Zweck verwenden könnte "
Geschenke von Pharmafirmen an „wichtige" Ärzte — neben Bargeld und Flugtickets auch Fischereigerät, Jagdmäntel, exklusive Schnäpse und besonders teure Bücher — sind keine Besonderheit. Bei Bayer Österreich gibt es für „persönliche Zuwendungen" (FirmenJargon: „PZ") sogar eigene Anforderungsformulare. Das ist selbst der Bayer Hauptverwaltung zu viel: Im deutschen Fernsehen beklagt Pressechef Wolfgang Schmidt, daß die alpenländischen Mitarbeiter in der Erfassung der PZs „preußischer als die Preußen in Leverkusen seien. Ein Teil der obskuren Praktiken mag in der Tat mit wienerischer Bakschischmentalätät zu erklären sein. Einer der angegriffenen Mediziner, ein Klinik Oberarzt, entwickelt Öffentlich eine erstaunliche Unbestechlichkeitslogik: „Ich nehme immer von allen Firmen. Damit ist ausgeschlossen, daß ich ein bestimmtes Präparat bevorzuge "
Insgesamt aber scheint es sogar firmeninterne Bestechungsrichtlinien zu geben. Direktor Frank sagte laut Autor Weiss zu den Außendienstrnitarbeitern: „Bitte beachten Sie unsere Politik: Der Arzt muß etwas getan haben für uns, bevor " er was kriegt. Nicht erst geben, damit er was für. uns tut. Damit sind wir nämlich schon ein paarmal auf die Nase gefallen. Die haben zuerst kassiert und dann haben sie nichts für uns getan!" In dem Buch „Gesunde Geschäfte — Die Praktiken der Pharmaindustrie" werden beispielhaft drei Auslandstöchter großer Arzneimittelfirmen attackiert: Neben Bayer die Schweizer Sandoz AG und die Firma Aesca, ein Ableger der amerikanischen Schering Corporation. forschung für die Gesundheit immer so herausstreichende Pharmaindustrie habe seit Jahren nichts Neues mehr erfunden, die häufigsten Krankheiten unserer Zeit seien medikamentös immer noch unbehandelbar. Deshalb sei ein erbitterter Konkurrenzkampf mit kriminellen Methoden entbrannt, ein Kampf um den Verkauf derjenigen Produkte, die viele Firmen im Programm haben, die teilweise wenig hülfen und schwere Nebenwirkungen aufwiesen. Dabei könne von einem „freien Markt" nicht gesprochen werden, denn der Verbraucher (Patient) entscheide nicht selbst darüber, was er schluckt. Dies würden für ihn die Ärzte tun. Und um sie in ihrem Verordnungsverhalten zu beeinflussen, sei der Industrie jedes Mittel recht.
schen, meistens aus rein wirtschaftlichen Erwägungen heraus würden Versuche am Menschen mit zum Teil noch nicht zugelassenen, zum Teil längst erprobten Medikamenten durchgeführt. Wörtlich heißt es gar: „Bei der Testung von solchen Arzneimitteln müssen — angeblich im Dienste des Fortschritts — Menschen sterben Behauptet wird auch, daß Säuglinge für überflüssige Experimente mißbraucht werden. suchungen nicht zum gewünschten Ergebnis führten, würden sie schlichtweg gefälscht. Vorgeblich wissenschaftliche Studien sollten ja zu Werbezwecken ausgeschlachtet werden; aus ihnen müßten daher angeblicher Nutzen und Harmlosigkeit des entsprechenden Medikaments hervorgehen. Wo das nicht der Fall sei, würden Klinikwissenschaftler bestochen und Statistiken frisiert. Besonders die Feldstudien in den Praxen der niedergelassenen Ärzte würden gleich so angelegt, daß nur das „richtige" Ergebnis herauskommen könne. Marketing Leiter Hocke bedauerte Weiss Erinnerungen zufolge nur, daß die Konkurrenz ähnlich verfährt, denn: „Die Ärzte kennen diese Methode schon. Sie führen die Prüfung durch und verwenden das Präparat dann oft nicht " Solcherlei Kritik an der Pillenbranche ist nicht ganz neu. Was hier wohl ernstgenommen werden muß, sind die Pharma Innenansichten in dem von vier Autoren verfaßten Werk. Neben Hans Weiss (er ist von Beruf eigentlich Medizinsoziologe und Psychologe) tritt ein leitender Angestellter eines einschlägigen Großkonzerns unter dem Decknamen Roland Werner auf. Die beiden anderen Verfasser Kurt Langbein und HansPeter Martin sind Journalisten, die sich schon früher mit gesundheitspolitischen und medizinischen Themen beschäftigt hatten. Ausgewertet wurden 40 000 teils geheime Dokumente.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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