Fernseh- Kritik Bewegend und leise
Ein schrecklicher Film (schrecklich seines Inhalts willen; in der Form glanzvoll, weil das Schreckliche zum Vorschein bringend): Bürger eines riordhessischen Dorfs, das bis 1S23 die einzige preußische Gemeinde war, in der es mehr Juden als Christen g a b Bürger von Rhina, ältere Menschen meist, sprachen über ihre jüdischen Nachbarn von gestern wie über vergessene Ding: ein paar Narnen, Blumenthal und Baciarach, ein paar schnurrige Erinnerungen, den Satz des Rebbe oder die Brötchen des hebräischen Bäckers betreffend — önsonsten Verdrängung, Erinnerungslosigkeit, gleichgültiges Achselzucken — „Freundschaft zwischen Juden und Christen? Ich bitte Sie. So etwas gab es hier i i Rhina nicht"
— und dann das Schweigen natürlich, das Abwälzen der Schuld: An der Verfolgung von Eli und Mai und am Abbrennen der Synagoge war kein Rhinaer beteiligt, das haben die ändern getan.
Andorra in Hessen.
Ein trauriger Film: Die alten Juden, die einmal in Rhina geleb: hatten — der eine und der andere, dank einer Annonce in New Yorks deutschsprachiger Zeitung gefunden, war plötzlich zur Stelle, sprach, in hessischer Mundart mit ein paar englischen Brocken dazwischen, von den glücklichen Tagen vor 1933, von- der Heimat, der Gesellenprüfung und den Fahrten hinaus ins hessische Land. Aber auch vom Fluß war die Rede, dem Dorfbach, der rot vom Blut der Gefolterten war, von Auschwitz und von „der Schul", dem Bethaus als dem nie vergessenen Zentrum eines bescheidenen und sehr deutschen Lebens: Männer in Felduniform, die den Ersten Weltkrieg überlebten, aber Auschwitz nicht. Erschütternde Bilder, bewegend und leise, dazu die sanfte und wehmütige Rede der Überlebenden, die sich nicht zurechtfinden in der lauten und gewalttätigen Stadt, dem immer fremd gebliebenen New York: „s war schön in der Heimat "
Ein entsetzlicher Film: Den Daheimgebliebenen wurden im. Gasthof die Filmszenen aus New York vorgeführt und, siehe, die geballte Macht der Pharisäer schlug zu. Sind die Bilder authentisch, wurde nichts Wesentliches weggelassen, nicht einseitig ausgewählt (es gibt keinen Grund zu solcher Vermutung), dann ist Entsetzen angezeigt, weil Bürger in diesem Land reagieren, wie sies schon einmal taten, kalt, egoistisch, selbstgerecht, autoritätsfixiert, deutschnational: Zwanzigtausend Entschädigung habe sie bekommen, rief eine Frau aus Ostpreußen, aus, keinen Pfennig mehr und die Juden? Auschwitz, in Silberlingen verrechnet. Keine Träne über Max und Eli in New York, ja, kommen dürften sie schon, sagte die Lehrersfrau, ein Platz sei frei im Haus, bestellt werden, aber das Gestern. das sei für immer vergessen. Abgetan und jedermann ohne Sünde; im Hessischen, und überall im Land. Denn Rhina ist nur ein Beispiel, wäscht sich wie Pilatus die Hände und begehrt, nicht schuld zu sein, Trotzdem, ich bin sicher, daß auch in Rhina der eine oder andere geweint hat, ein junger Mann oder ein Mädchen, das ; noch ein halbes Kind ist, als die Rhinaer Juden in New York vor die Kamera traten und der schönen Heimat gedachten, der Militärzeit und der Tätigkeit als Bäkkermeister drüben, in Hessen, wos noch den Friedhof und die Grabsteine mit den hebräischen Inschriften gibt: das letzte bißchen Verläßlichkeit in der Ferne.
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Grüße könnten
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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