Wohnen in Europa; Großbritannien Billig und abbruchreif
Maggie Thatchers rigorose Sparpolitik kann den Wohnungsbau nicht in Schwung bringen Von Wilfried Kratz
Die Wohnungsmisere hat in Brixton wohl nicht die ausschlaggebende Rolle gespielt. Aber sie war sicher mit eine Ursache für die Unruhen. Alles kamhier zusammen: die heruntergekommenen Häuser, die Überbelegung und der Mangel an Wohnungen; „Und natürlich die hohe Arbeitslosigkeit", sagt Matthew Warburton. Er ist Vorsitzender des Wohnungs Ausschusses von Lambeth Bor öügh Council, der Verwaltung jenes Stadtteils im Londoner Süden, in dem während der Unruhen Mitte April über 200 Menschen verletzt, Gebäude in Brand gesteckt und Geschäfte geplündert wurden. Kein Zweifel: Im von Labour regierten Lambeth herrscht Wohnungsnot. Es gibt dort 118 000 Haushalte, aber nur 104000 Wohnungen Über 17 000 Haushalte sind beim Council als wohnungssuchend registriert, über 1500 als obdachlos.
Und die Leute, dieWohnungen haben, hausen zum großen Teil in elenden Quartieren. Ein Drittel der Wohnungen, so Warburton, sind offiziell unbewohnbar, unter einem Minimumstandard oder stark, reparaturbedürftig.
Die Verwältungssprache mit ihrem Sinn für feine Nuancen bezeichnet solche Häuser gern als „schwer vermietbar". Oft brauchen sich die Eigentümer allerdings auch keine Gedanken über" die Vermietung zu mächen. Die Häuser werden nämlich nicht selten illegal besetzt. Soweit die Häuser dem Council gehören, wird die Besetzung häufig legalisiert, indem Lambeth auf die Mieteinnahmen verzichtet, aber die Verpflichtung zu Reparaturen ausdrücklich ablehnt. Zum squatGroßbritannien heißt, „nehmen wir in Lambeth eine liberale Haltung ein. Sicherlich liberaler als konservativ regierte Bezirke", sagt Warburtoii, Doch indem man die sqttatters gewähren läßt, löst man die Wohnungsprobleme nicht. Die größte Schwierigkeit, so. Warburton, ist der geringe Nachschub an neuen Mietwohnungen. Die konserative Regierung hat die Zuweisungen an die Gemeinden drastisch gekürzt. Der Council von Lambeth hat im vergangenen Jahr nicht einen einzigen Grundstein im öffentlichen Wohnungsbau legen können.
Weil die privaten Bauherren von Mietshäusern sich ebenfalls zurückhalten, glauben nicht wenige Beobachter und erst recht die Interessenverbände, daß Großbritannien interne W ohnungskrise steu- ert. Im vergangenen ätif wanJen im ganze ? Land so wenig Wohnungeft gebaut wie nie zuvor seit dem Kriegsende. Nur noch knapp 154 000 neue Wohnungen wurden begonnen. 1979 waren es noch über 225 000 und Anfang der 70er Jahre lag die Zahl meist erheblich über 300 000. Von den Neubauten entfielen 56 000 auf den öffentlichen Wohnungsbau. Das ist nur noch ein Drittel der Spitzenergebnisse aus der Mitte der 70er Jahre. Private Bauherren begannen mit 98 000 Wohnungen. In den vorangegangenen fünf Jahren lag die Zahl jeweils um 150 000. Im laufenden Jahr werden die Bauarbeiter noch weniger zu tun bekommen.
Der öffentliche Wohnungsbau hat in besonderem Maße unter der drastischen Sparpolitik der Regierung zu leiden, welche die Staatsausgaben beschneidet, um ihre anti inflationäre Politik zu unterstützen. Nicht nur bei Neubauten ist Flaute. Auch die Programme, zur Verbesserung des alten Hausbestandes werden gekappt — und das ist besonders schlimm. Dehn in Großbritannien ist jedes dritte Haus älter als sechzig Jahre. Jüngere Wohnungen sind oft von so dürftiger Machart oder auch so wenig gepflegt, daß sie schon wieder gründlich renoviert werden müssen.
Kritiker der Regierung sagen voraus, daß Mitte der achtziger Jahre eine halbe Million Wohnungen fehlen werden. Die Organisation Shelter, die wichtigste Interessenvertretung der Unbehausten, malt ein besonders düsteres Bild. Sie sieht Großbritannien schon zum Slum Europas werden. Shelter prophezeit, daß die Wartelisten der Wohnungssuchenden immer länger werden. Nur wer wirklich in Not gerate könne noch mit öffentlicher Unterstützung zu einem Obdach kommen, Die Zahl der abrißreifen Häuser werde bis Mitte der achtziger Jahre stetig zunehmen, die Kapazität in der Bauindustrie durch die gegenwärtige Depression dauerhaft reduziert.
Das ist nun gewiß nicht die Vision der konservativen Regierung. Sie hat keine Planziele, einfach weil sie allem abhold ist, was nach staatlicher Planung aussieht. Ihre Politik ist eine Belebung des WohnuBgsmarktes durch eine Stärkung der privaten Initiative, insbesondere des persönlichen Wohnungseigentums. Das Gesetz über das Wohnungswesen von 1980 zielt in diese Richtung. Besonders umstritten ist das vom Gesetz etablierte Recht von Mietern in öffentlich geförderten Wohnungen, ihre Häuser oder Wohnungen kaufen zu können. Den Mietern wird ein Rabatt vom Verkehrswert eingeräumt, der mit der Mietzeit steigt. Wer zwanzig Jahre oder länger in dem Haus gewohnt hat, erreicht den maximalen Nachlaß von fünfzig Prozent. Zur Finanzierung des Kaufs, katiri der Mieter von der Gemeindevertwatuagföne Hypothek bekommen. Alle Mei iungufiifrägeil Zeigen, daß die Konservativen hier einem populären Wunsch nachkommen. Die Labourparty und die Gewerkschaften allerdings verwerfen aus ideologischen Gründen die Privatisierung.
- Datum 01.05.1981 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.5.1981 Nr. 19
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